Bad Endorf – „Du willst, Du möchtest, es geht immer um Dich. Hast Du Dir auch einmal Gedenken darüber gemacht, was ich möchte, was ich will?“ Es ist nur ein kurzer Bühnenmoment, in dem Heinrich I. einmal gegen seine Frau Hedwig von Andechs aufbegehrt, während er sonst ihrer Klugheit, Willensstärke und Durchsetzungskraft fast bedingungslos folgt. Doch sind es Momente wie dieser, die die Qualität des Chiemgauer Heiligenspiels der Theaterbühne Bad Endorf ausmachen.
Kein religiöses „Superweib“
Allzu leicht wäre es gewesen, Hedwig von Andechs reinweg als „starke Frau“ darzustellen, als die sie Papst Clemens IV. bei ihrer Heiligsprechung im Jahr 1267 bezeichnete. Gewissermaßen als eine moderne Frau, die es schafft, sich in der männerdominierten Welt des Mittelalters zu behaupten und ihre Vorstellungen von Caritas und Mitmenschlichkeit durchzusetzen. Und zwar nicht bloß in der Rolle der hochadeligen Almosengeberin und damit auch für die damalige Zeit „rollenkonform“, sondern mit neuen Ideen, die durchaus revolutionär waren. Zum Beispiel mit der Überlegung, dass es doch sinnvoller sein könnte, Straftäter zum Bau eines Klosters mit heranzuziehen, anstatt sie in den Verliesen verrotten zu lassen: Auch für sie noch ein klein wenig Aussicht auf Zukunft, mit der Möglichkeit, die Schuld zu sühnen und sich einen Platz im Leben zurückzuerobern.
Doch anstatt platt die Erfolgsgeschichte eines „religiösen Superweibs“ zu erzählen, setzt die Aufführung auf Zwischentöne, versucht auch Schattenseiten offenzulegen. Wie eben den Umstand, der zum kurzen Aufbegehren Heinrichs führt: Dass man nämlich beim sich Sorgen um den Nächsten manchmal die ganz Nahen, die, die schon fast zum eigenen Ich zählen, schlicht und einfach vergisst.
Und es wird auch nicht verheimlicht, dass der Antrieb, Gutes zu tun, manchmal auch aus ganz eigennützigen Gründen gespeist sein kann: „Ich habe Angst um mich“, lässt Autorin und Spielleiterin Paula Aiblinger ihre Hedwig geradeheraus sagen: „Ich habe Angst um mein Seelenheil.“
Das Lebensgefühl
des Mittelalters
Diese Gemütslage ist heute nicht mehr ohne Weiteres verständlich, man kann wohl kaum wirklich nachvollziehen, wie real für die damaligen Menschen die bösen Mächte und in der Folge auch die Gefahr ewiger Verdammnis waren. In der Aufführung aber bekommt man eine Ahnung davon, fängt an zu verstehen: Wenn von sieben Kindern, die man zur Welt bringt, sechs sterben, wenn man erkennt, dass der Sturz des eigenen Adelsgeschlechtes in die politische Bedeutungslosigkeit begonnen hat, ist das nicht eine Strafe Gottes? Der man sich nur entziehen kann, wenn das eigene Leben noch kompromissloser auf den Glauben hin ausgerichtet wird? Eine Überlegung, die bei einem Charakter, der sowieso zu Ganz-oder-Gar-nicht-Reaktionen neigt, auf nur allzu fruchtbaren Boden fällt und fast zwangsläufig zur Überreaktionen führt.
Überreaktionen, die bei Hedwig von Andechs in jüngeren Jahren noch durch kluge Berater in Schach gehalten werden können, die den ebenfalls im Wesen angelegten Blick für das Sinnvolle und im Moment Geforderte stärken. „Euer Gemüt quillt wieder einmal über“, sagt Petrissa, von Kindheit an eine geistliche Lehrerin der Hedwig und von ihr zur Äbtissin eines neu gegründeten Klosters gemacht. Und Hedwig räumt ein: „Es geht darum, vernünftig zu bleiben und das Machbare zu tun.“
Ansichten radikalisieren sich
Mit zunehmendem Alter aber wird ihre Einschätzung dessen, was von Gott gefordert ist, immer radikaler. Immerhin findet sie selbst ihren Trost darin und eine Stärke, die sie zum Schluss selbst den Tod ihres Sohnes auf dem Schlachtfeld noch überwinden lässt. Und für ihre Umgebung, so lässt Paula Aiblinger einen Domherr sagen, möge schlicht und allein das Gute zählen, das dadurch bewirkt wird: „Man muss nicht immer alles verstehen und man muss nicht immer von allen verstanden werden.“
Solche Gemütszustände, vor allem aber ihre Entwicklung, kann man am ehesten durch dichtes Spiel erlebbar machen: Dann bleibt die Unbestimmtheit erhalten, die Gefühlen immer zu eigen ist, gleichzeitig aber auch ihre unerbittliche Zielgerichtetheit. Ein geschickter Schachzug ist dabei die Idee von Spielleiterin Paula Aiblinger, die Person der erwachsenen Hedwig nicht nur durch eine Darstellerin verkörpern zu lassen, sondern durch zwei: Emilia Giannetta und Christine Roßmy. So tragen auch die unterschiedlichen Nuancen des Spiels der beiden zur Erkenntnis bei, dass der Mensch in verschiedenen Lebensaltern jeweils ein durchaus anderer sein kann.
Eine große Herausforderung ist, dass das Stück quasi ganz nebenbei auch noch viel Wissen vermitteln muss. Die Lebensbedingungen, aber auch der politische Rahmen müssen erst einmal verständlich gemacht werden.
Um zu erkennen, wie groß die Aufgabe ist, reicht der Versuch, sich vorab im Internet zu informieren: Man hat sich im Nu entnervt im Dickicht der vielen, oft gleichen Namen und der komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen verloren. Diese ganze Vielfalt in einigen Schlüsselszenen so komprimiert zu haben, dass sich ein lebendiger Eindruck ergibt, ist ein großes Verdienst des Schauspiels.
In der Tradition des religiösen Barockspiels
Allerdings wird dabei auch ein hellwacher Zuschauer vorausgesetzt. Denn im Stück ist so gut wie kein Satz einfach nur so dahingesprochen, vielmehr treibt jeder einzelne die Entwicklung voran und ist gleichsam nebenher auch noch Träger von Informationen: zum Leben auf einer Burg etwa, zum Wissensstand der Medizin oder zum Verhältnis zwischen Mann und Frau.
Wer sich aber darauf einlässt, erlebt ein Theater, das über das reine Schauspiel hinausweist. Man bekommt auch eine Ahnung davon, wie man sich barockes religiöses Theater, an dessen Tradition die Endorfer Schauspiele ja anknüpfen, wohl einst vorzustellen hatte: opulent einerseits und mit Szenen voller Gefühlsgewalt andererseits, wobei vor allem diese unter die Haut gehen und nachwirken.