Neubeuern – Musik hat er im Blut: Im Alter von fünf Jahren bekam Benedikt Paul eine Hammondorgel von seiner Großmutter geschenkt, ein halbes Jahr später kamen die Kuhglocken hinzu, anschließend das Klavier. Als Elfjähriger beherrschte er das Xylofon. Es folgten Posaune mit 15 Jahren und Tenorhorn/Bariton.
Seine Bühnenpremiere erlebte er zusammen mit seinem Vater im Jahr 1979, damals war Benedikt Paul fünfeinhalb Jahre alt. Die beiden traten mit den im Halbkreis chromatisch aufgestellten Kuhglocken auf. Zuvor hatte der Knirps Papas Kuhglocken auf dem Wohnzimmertisch entdeckt und mit diesen geläutet, so wie er es immer wieder von seinem Vater gehört und und gesehen hatte. Doch er bimmelte heimlich, wenn er allein in der Wohnung war. Ohne Noten zu kennen, studierte er das Volkslied „Schneewalzer“ von Thomas Koschat ein.
Mit dem Vater
auf der Bühne
Als der Vater hörte, wie sicher sein Sprössling die Kuhglocken bereits beherrschte, fasste er kurzerhand den Entschluss, bei der Marktbeleuchtung gemeinsam mit ihm aufzutreten. Er wählte die obere Oktave für die zweite Stimme und eine Gegenmelodie, Benedikt spielte die erste Stimme auf der tieferen Oktave, also mit den großen Glocken. Da noch zwei Wochen bis zum Auftritt blieben, übten Benedikt senior und junior vierhändig weitere Klassiker ein, darunter „Die Bergvagabunden“ und das „Kufsteiner Lied“.
Jetzt gab es nur noch ein Problem zu lösen: Der Bub war zu klein für den Glockentisch auf der Bühne. So baute der Vater kurzerhand einen hölzernen Schemel und sägte von Jahr zu Jahr die Beine etwas ab, je größer der Kleine wurde.
Nervosität war dem kleinen Bene schon damals fremd. So zog er unter großem Applaus sein Ding bei der Marktbeleuchtung durch und war gleich darauf mit den anderen Jungs unterwegs beim Spielen. Sie tobten gerade hinter der Apotheke, als eine Kuhglocke ohrenbetäubend läutete und Verkehrsamtsleiter Hubert Reischl durchs Mikrofon rief: „Bene zur Bühne.“ Beinahe hätte der Bursche seinen Einsatz verpasst.
Nach dieser erfolgreichen Premiere folgten Engagements bei Kerzl- und Heimatabenden in Neubeuern und der näheren Umgebung. Musikalisch begleitet wurden die zwei Glockenspieler von verschiedenen Akkordeonisten. Als sein Vater 1983 nach München zog, spielte Benedikt Paul junior alleine weiter, nun begleitet von Rupert Nagl auf der Ziach und Hans Stocker am Kontrabass. Beim Schlagzeuger Sigi Niedermayer aus Wasserburg erlernte er das Xylofon, sodass er nun mit den Kuhglocken und dem Xylofon auf der Bühne stand. Das Repertoire erweiterte sich um die Lieder „Grüß Euch Gott alle miteinander“ aus dem „Vogelhändler“ von Carl Zeller und „Zirkus Renz“ von Peter Gustav, zusätzlich die Kuhglocken um weitere resonanzstarke Oktaven.
„Kuhglocken-DJ“ bei Siegfried & Roy
Wenn scherzhaft vom „KGB“ (Kuhglocken-Bene) oder „Kuhglocken-DJ“ geredet wurde, konnte nur der junge Neubeurer Blechvirtuose gemeint sein. Das musikalische Kreuz- und Quergreifen von den großen Glocken zu den kleinen Glöckchen faszinierte 1993 auch die Illusionisten Siegfried und Roy. „Ich war zu einer Überraschungsparty für Siegfrieds 54. Geburtstag in einem Stadl auf dem Sudelfeld engagiert“, erinnert sich Paul.
Der Klang seiner Glocken reiste dadurch von Neubeuern übers Sudelfeld nach Las Vegas. Denn Siegfrieds Manager Gerhard Komar und Produzent Günther Behrle nahmen mit dem Glocken-Virtuosen ein Stück in einem Studio in Regensburg auf: „‚Am Gipfel‘ – ein musikalisches Kompliment an Siegfried und Roy“, blickt Paul auf einen seiner schönsten Auftritte zurück.
Doch auch weniger erfreuliche sind ihm in Erinnerung. So entfernten Schelme bei einem Heimatabend aus einer Glocke den Schlegel. Hätte er da nicht impulsiv improvisieren können, wäre das Spiel ganz abrupt verstummt. Ähnlich erging es ihm bei einem anderen Auftritt. Dort verschwanden vor dem Spiel zwei Glocken. Eine fand sich auf dem Parkplatz unter einem Auto wieder, die andere blieb verschollen.
Benedikt Paul gehörte über viele Jahre zu den Attraktionen der Neubeurer Marktbeleuchtung, bis er aufgrund von Terminschwierigkeiten zu den Terminen der Marktbeleuchtung verhindert war. Vor drei Jahren holten ihn die Organisatoren als Solisten zurück und der 42-Jährige erlebte sein Revival auf dem kerzenbeleuchteten Marktplatz.
Am Samstag, 29. Juni, feiert er ein Doppel-Jubiläum: 40 Jahre als Kuhglockenspieler und 25 Auftritte bei der Marktbeleuchtung Neubeuern.