Pittenhart – Unterwegs mit Landwirt Gerhard Schroll beim Milch-Ausliefern in Wasserburg und Umgebung. Die EDV im Büro streikt – mal wieder. Hilft nichts, er muss mit der Liste von letzter Woche zurechtkommen und hoffen, dass es passt. Aber heute Abend wollte der 46-jährige Bio-Bauer eh noch in Wasserburg weggehen. „Muss ich halt dann die noch fehlenden Produkte nachliefern“, sinniert er.
Seit gut 20 Jahren ist Schroll Landwirt. In seiner kleinen Molkerei auf dem Schusterhof in Pittenhart verarbeitet er die Milch größtenteils selbst. Seinen Kunden liefert er die Produkte direkt an die Haustüre. Am Montag und am Donnerstag ist die Wasserburger Kundschaft dran.
Sechs Uhr in der Früh. Das elektrisch betriebene Lieferauto mit Kuhflecken-Design ist vollgepackt mit Milch, Joghurt, Eiern, Butter und weiteren Lebensmitteln. Mit voller Batterie geht es los. Schrolls Augen schauen noch etwas müde durch die Brille. Unter einem Kappi hat er seinen Pferdeschwanz versteckt.
Kühlschrank vor
dem Haus
Die langen Haare habe er seit der Hauptschule. „Mittlerweile werden es schon etwas weniger“, witzelt der Landwirt mit sonorer Stimme. Draußen ist es noch angenehm kühl. Beim ersten Kunden sind vor der Haustüre leere Flaschen und eine Kühltasche deponiert. Der gelernte Agrarbetriebswirt stellt zwei Flaschen Milch in die Tasche und nimmt das Leergut mit. „Wenn es im Sommer recht heiß ist, haben fast alle Leute eine Kühltasche vor der Tür. Einige haben auch einen Kühlschrank in der Garage, wo wir unsere Sachen reinstellen. Dann steht unsere Milch neben den Bierflaschen“, lacht er.
An sechs Tagen in der Woche liefern er und seine fünf Mitarbeiter aus. Schroll kennt alle Touren, heute ist er als Urlaubsvertreter unterwegs. Jeden Tag prüft er kurz nach 5 Uhr die Bestellungen und fertigt die Liste für die jeweilige Tages-Tour an. Wenn er nicht selbst ausliefert, geht er um 6 Uhr mit seinen Eltern in den Stall zum Melken. „Ich bin sehr froh, dass meine Eltern noch so fit sind“, freut er sich. Seine Kühe sind den ganzen Tag auf der Weide und kommen abends um halb fünf wieder zum Melken in den Stall.
Der Betrieb ist Bio-Naturland zertifiziert. „Normalerweise haben wir um die 40 Kühe, aber unser Futter ist im Winter knapp geworden, daher haben wir einige verkauft.“ In zwei Jahren würde er gerne einen neuen Stall mit einer Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach bauen und auf 30 Milchkühe reduzieren. In den alten Stall sollen dann Jungtiere rein kommen. Aber das sei noch Zukunftsmusik. Die Fotovoltaik-Anlage komme jedoch in jedem Fall. Schließlich brauche er sehr viel Strom, auch für seine beiden elektrisch betriebenen Kühlautos.
Die Tücke mit
der Reichweite
„Als ich mit den Elektro-Autos angefangen hab, musste ich schon ab und zu unterwegs fragen, ob ich einstecken darf, weil mir der Strom ausgegangen ist“, räumt er ein. Zu Geschäftsleuten oder Bauern sei er dann hingefahren, die hätten eine Außensteckdose. „Meistens kostenlos, oder ich habe einen Käse eingetauscht.“ Aber mit der Zeit lerne man, wie weit man kommt.
Die Wasserburger Tour hat der Bio-Bauer extra so umgestellt, dass er frühzeitig in der Stadt ankommt. So ergattert er meist noch einen der begehrten Parkplätze vor den Arkaden. Beim Wasserburger Bohnenröster ist dann eine Frühstückspause angesagt.
Urlaub macht er seinen Worten nach so gut wie nie. Im Sommer radelt er gerne an den Griessee. „Kostet zwar Eintritt, aber da ist ein Kiosk dabei, da ist alles da. Das ist entspannter“, meint er. „Die sollen auch was verdienen.“ Nach Island würde er gerne mal reisen, im Winter, wenn es dort lange finster ist. Aber mehr als eine Woche sei sowieso nicht drin. Er fotografiert gerne. Beruflich seine Kühe und privat sogenannte Lost Places, also vergessene Orte. Die bearbeitet er dann, macht sie schwarz-weiß oder auf alt.
Das Design für seine Lieferautos hat Schroll selbst entworfen und über das Internet entsprechende Aufkleber anfertigen lassen. „Leider habe ich sie dann auch selber angebracht – im Oktober, das war ein Fehler. Es war schon zu kalt und da haben sie nicht gut geklebt. Aber als Laie merkt man es nicht. Für einen Laien passt es und darum passt es“, sagt er.
Bio-Bauer wollte er schon immer werden, das mit der Direktvermarktung habe sich dann so ergeben. Mit seinem Vater besuchte er damals ein Seminar bei einem Direktvermarkter. Da sei er infiziert worden, sagt er. „Das Konzept, Milch abzufüllen und frei Haus zu liefern, hat mir sehr gut gefallen. Und da haben wir gesagt, das machen wir“, erinnert er sich.
1998 ging es jedoch nur schleppend los, mit zehn Kunden. Zu wenig in Werbung investiert, das sei der Fehler gewesen. „Ich hab damals von allen meinen Spezln die Mütter gefragt, ob sie nicht meine Milch haben möchten. Die sind heute noch Kunden“, schmunzelt Schroll. „Und dann bin ich mit der Milchflasche von Haus zu Haus gegangen.“ Richtig viel Kundschaft hätten zwei Gewerbeausstellungen gebracht. Aktuell habe er gut 600 Kunden. Das sei schon ganz gut, aber es sei schon noch Luft nach oben, zwinkert er.
Glas soll Kunststoff bald ersetzen
Fünfmal in der Woche erhitzt der Landwirt die Bio-Milch in seiner kleinen Molkerei am Hof und füllt sie in Mehrwegflaschen ab. Oft hilft ihm dabei ein Mitarbeiter. Und einmal wöchentlich stellen er oder seine Praktikantin Bio-Joghurt her. Aktuell verwendet er Flaschen und Becher aus Kunststoff. Sein Ziel ist, auf Glas umzustellen. Und zwar erst mal beim Joghurt, da gehen nämlich als Erstes die Becher aus.
Aus der Ruhe bringt ihn so schnell nichts. „Und wenn, dann merkt man es mir nicht so an. Es bringt nichts, dass man sich aufregt.“ So nimmt er es auch gelassen, dass einiges heute auf der Liste gefehlt hat. Muss er halt abends nochmals los, liegt eh auf dem Weg.