Pittenhart – Im Rahmen des „Blühenden Landkreis Traunstein“ wurden 2017 in Pittenhart und fünf weiteren Projektgemeinden – Fridolfing, Trostberg, Grassau, Marquartstein und Obing – dauerhafte Blumenwiesen angelegt. Nun stehen sie in voller Blüte.
Am Kirchplatz und den übrigen angelegten Flächen sorgen Natternkopf, Margeriten, Klappertopf, Karthäusernelken und etwa 50 andere Arten für ein buntes Blütenmeer. „Ich bin froh, dass die Blumen heuer sprießen“, stellt Bürgermeister Sepp Reitmeier bei einer Exkursion mit Kreisfachberater Markus Breier, Regionalmanagerin Elfi Graß, Bauhofmitarbeitern und interessierten Bürgern fest.
Der Erfolg zeige sich im Artenreichtum, von dem Bienen und Insekten aber letztlich auch der Mensch und Natur profitierten. „Nie blühen alle gleichzeitig, auch das ist ein Zeichen unserer Blumenwiesen. Alle vierzehn Tage schaut es anders aus“, erklärt Kreisfachberater Markus Breier. Er kennt zig Anlagetechniken und hat ungezählte Tipps zur Umsetzung: „Je schlechter der Boden, desto schöner blühen die Wildblumen“, so Breier. Dies sollte schon bauseitig bei Neuanlagen berücksichtigt werden, um den Aufwand eines Bodenaustausches zu vermeiden.
Vorhandene, aber artenarme Wiesen ließen sich durch gezieltes Pflanzen fehlender Arten ergänzen oder in wenigen Streifen neu einsäen. Im Laufe der nächsten Jahre eroberten die Blumen so von den Streifen aus die ganze Wiese. Um die Blumenwiesen dauerhaft zu erhalten, komme es auf den richtigen Mähzeitpunkt an, denn die Pflanzen bräuchten die Zeit zum Absamen. Rund 80 Prozent der einheimischen Blütenpflanzen seien auf Fremdbestäubung durch Insekten angewiesen. „Etwa Mitte Juni sollte gemäht werden, ein zweites Mal im September.“ Dabei sollte das Schnittgut nicht zu lange liegengelassen werden. „Die typischen Wiesenblumen vertragen einen Schnitt und blühen rund sechs Wochen später wieder.“
Wer im eigenen Garten Blumenwiesen anlegen möchte, findet Tipps unter: www.bluehender-landkreis-traunstein.de oder kann Kreisfachberater Markus Breier im Landratsamt anrufen.
Seit 2017 betreuen Sie Projektgemeinden bei der Anlage von Wildblumenwiesen. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Ich bin sehr froh, dass sich sechs Gemeinden am Pilotprojekt beteiligten und jetzt wunderschön blühende Wiesen aufweisen können.
Was steckt hinter der Idee?
Ziel des Pilotprojekts war nicht, im ersten Schwung möglichst viele Flächen in Blumenwiesen zu verwandeln, sondern den Gemeinden und Bauhöfen das richtige Handwerkszeug mitzugeben, um selbstständig weitere Flächen zu gestalten. Es soll ein Selbstläufer werden. Vorlage sind die traditionell bewirtschafteten Bauernwiesen, die mit ein bis drei Schnitten im Jahr diese Blumenpracht hervorgebracht haben.
Warum war es wichtig, Gemeinden mit ins Boot zu holen?
Der „Blühende Landkreis Traunstein“ hat zum Ziel, mehr Blütenvielfalt in Garten, Dorf und Landschaft zu bringen und so die Biodiversität und Artenvielfalt zu unterstützen. Gemeinden haben viele kommunale Flächen, die nicht alle intensiv gepflegt zu werden brauchen. Einige lassen sich extensiver pflegen und sind trotzdem schön, wenn hier Wildblumen wachsen.
Brauchte es viel Überzeugungsarbeit?
Vor zwei Jahren war das Thema Biodiversität noch nicht so aktuell wie heute. Es gab im Vorfeld eine Anfrage an alle Gemeinden, dann eine umfassende Informationsveranstaltung und erst danach erfolgte die definitive Beteiligung. Die beteiligten Gemeinden waren mit Elan dabei und das ist gut.
Was bringen Wildblumenwiesen?
Wildblumenwiesen beherbergen auf kleinstem Raum eine unglaubliche Artenvielfalt bei Pflanzen und infolgedessen auch bei Tieren, vor allem (Wild)bienen, Schmetterlinge, Käfer und viele weitere Insekten. Von den Insekten leben auch Vögel, Fledermäuse und andere. Artenreiche, dauerhafte Blumenwiesen sind quasi ihre Lebensgrundlage.
Welche Flächen bieten sich an?
Jede Blumenwiese ist anders, es gibt nicht die „eine“ richtige. Wir finden sie teilweise am Straßenrand, an Feldrändern, auf innerörtlichen Wiesen… Überall dort, wo nicht zu häufig gemäht wird und der Boden möglichst wenig Nährstoffe hat, sonst dominieren Gräser und verdrängen die Blumen. Es gibt den Begriff „Eh da“-Flächen, das sind Flächen, die eh da sind und sich beispielsweise als Blumenwiese anbieten, weil sie nicht anderweitig bewirtschaftet werden.
Wie groß sind die Flächen, die in der Gemeinde Pittenhart oder im Landkreis für Wildblumen angelegt wurden?
Projektziel war für jede Gemeinde drei bis fünf Flächen mit einer Gesamtfläche von 200 bis 300 Quadratmetern, um die vier verschiedenen Methoden zu demonstrieren und so das Wissen um Anlage und Pflege artenreicher Blumenwiesen in die Gemeinden zu tragen. Es soll sich entwickeln.
Wie kommen die Blühstreifen entlang der Kreisstraßen an? Sollen sie erweitert werden?
Für die Kreisstraßen gibt es seit 2017 bereits eine Optimierung des Mähkonzepts, um Blütenvielfalt, Arbeitswirtschaftlichkeit und Verkehrssicherheit besser zu vereinen. Es gibt bereits einige Abschnitte des 380 Kilometer umfassenden Kreisstraßennetzes, die schon sehr artenreich sind, andere sollen es werden. Hierfür sind Nachsaaten angedacht.
Soll das Projekt auf weitere Gemeinden ausgeweitet werden?
Andere Gemeinden haben bereits Interesse am Bauhoftraining wie im Pilotprojekt geäußert. Wenn sich das konkretisiert, wird es gerne ausgeweitet.
Welches Saatgut ist das Richtige?
Echte Blumenwiesen müssen nur einmal angesät werden und bleiben durch den richtigen Schnittzeitpunkt erhalten. Das Saatgut dafür findet sich noch nicht überall. Es gibt eine Handvoll Wildblumenproduzenten, die für die verschiedenen Regionen Deutschlands Saatgut anbieten. Hilfreich: Das Merkblatt Blumenwiesen, das beim Landratsamt Traunstein oder unter www.bluehender-landkreis-traunstein.de (=> Formulare) erhältlich ist. Für Mähgutübertragung oder Heu-Drusch aus der Umgebung wäre der Landschaftspflegeverband bester Ansprechpartner. Noch regionaler geht es kaum.
Wie wird eine Rasenfläche in eine Blumenwiese umgewandelt?
Ein Tipp: Abwarten und beobachten, was blüht und erst dann entscheiden, ob die Wiese umgefräst und weitere Wiesenblumen eingesät werden müssen.
Keimt das Saatgut auch auf einer Rasenfläche?
Im dichten Rasen keimen die Samen zwar, werden aber rasch überwachsen. Es funktioniert deshalb nur auf lückigen, kaum gepflegten „Rasen“, die eigentlich schon keine mehr sind.
Wie muss der Boden vor der Aussaat bearbeitet werden?
Wildblumensamen brauchen einen offenen, lockeren Boden, damit die Keimlinge genügend Licht und Wasser bekommen. Deshalb den Rasen flächig oder streifenweise fräsen, die Erde einige Tage setzen lassen, nochmals aufrauen und aussäen. Dann – ganz wichtig – anwalzen und die nächsten vier bis fünf Wochen feucht halten. Beste Anlagezeiten sind Ende August bis Ende September und April/Mai.
Wann ist der richtige Schnitt?
Im ersten Sommer sollte kurz gemäht werden, damit aufgewecktes Unkraut entfernt wird. Ab dem zweiten Sommer in der Regel nur noch zweimal mähen und das Mähgut nach ein paar Tagen unbedingt entfernen. Der richtige Schnitt ist bei jeder Blumenwiese ein bisschen anders. Es bleiben letztlich die Arten übrig, die diese Schnittzeiten vertragen. Im Allgemeinen gilt: Ende Juni und Ende September/Oktober. Die Blumenwiese sollte kurz gemäht in den Winter gehen.
Gibt es auch Wildblumen für Schattenbereiche?
Für Schattenbereiche gibt es spezielle Mischungen. Meist handelt sich aber nicht um Wiesen, sondern sogenannte Säume, die nur einmal im Jahr gemäht werden sollten und andere Blumen enthalten. Die schönste Blütenpracht findet sich in voller Sonne.