Singe, wem Gesang gegeben

von Redaktion

Gesungen und musiziert wird in Rohrdorf nicht nur heute, sondern auch schon vor über hundert Jahren. Am 25. Oktober 1919 gründete Hauptlehrer Karl Maier den „Rohrdorfer Gesangs-Verein“. Elf Männer und elf Frauen verpflichteten sich zum „fleißigen Besuch der abzuhaltenden Proben“.

Rohrdorf – Der Zweck des Gesangsvereins ist die hauptsächliche Pflege des volkstümlichen Gesangs. So ist es in der handschriftlichen Gründungsurkunde vermerkt. Als Vorsitzender und Dirigent wurde 1919 Karl Maier, als Schatzmeister und Kassier Andreas Stocker junior gewählt. Elf Männer und elf Frauen als Gründungsmitglieder – die gleichwertige Besetzung von Männern und Frauen ist keine Erfindung und Erkenntnis der heutigen politischen Parteien. Das gab es bei Vereinen bereits vor hundert Jahren.

Viele der damaligen Gründungsmitglieder kamen aus den Familien, die bis in die heutige Zeit das Musikleben in Rohrdorf prägen. Die Mitgliederzahl des Gesangsvereins bewegte sich stets zwischen 25 und 30 aktiven Sängerinnen und Sängern. Es gab Auftritte als gemischter Chor, aber auch als reiner Frauen- oder Männerchor.

1924 Aufspaltung,

1925 Versöhnung

1924 kam es zu einer Aufspaltung, aus der zunächst ein separater Männerchor hervorging. Ein Jahr später wurden auch wieder Frauen „in den Kranz eingeflochten, weil man das zum Teil recht edle Gold in den Frauenkehlen nicht rosten lassen wollte“ und man gab sich die offizielle Bezeichnung „Liederkranz Rohrdorf“.

20 Jahre leitete der Schuster Andreas Schmid den Chor. In dieser Zeit führte er Singspiele auf, die weithin große Beachtung fanden, wie beispielsweise „Glockentürmers Töchterlein“, „Winzerliesel“, „Der Postillion, „Neckar, Lenz und Liebe“ und das „Glücksmädel“. Große Operetten konnten sie nicht aufführen, weil die Musikverlage die Noten nicht an „Dilettanten in kleinen Dorfvereinen“ verkaufen wollten.

Nach dem Krieg und der Aufhebung des Versammlungsverbots 1946 geht es mit dem Chor wieder aufwärts. Das Gründungsmitglied von 1919, Andreas Wiesböck, wird neuer Erster Vorsitzender. Bereits 1948 wird die Operette „Die Mühle im Tal“ und 1949 das Singspiel „Das Glücksmädel“ aufgeführt und damit die Basis für die kommenden großartigen Operetten der 50er-Jahre gelegt.

In der Jahresversammlung im Dezember 1950 wird mit Paul Spiller erstmals ein Schriftführer gewählt, der über viele Jahre alle Geschehnisse im Verein als Chronist niederschreibt und mit viel Herzblut kommentiert.

Die große Singspielzeit des Chores war von 1954 bis 1961. Kunstvolle neue Bühnenkulissen wurden gebaut, zahlreiche Sänger und außergewöhnliche Solisten standen zur Verfügung und dazu ein großes Orchester.

Mit der letzten Aufführung von „Tumult im Himmelreich“ endete die Ära der Singspiele in Rohrdorf. Der neue Festsaal im Zementwerk, ausgestattet mit einem exzellenten Blüthner-Konzertflügel, der dem Liederkranz zur Verfügung gestellt wurde, eignet sich hervorragend für Kammermusik- und Liederabende bis hin zu großen Orchester- und Chorveranstaltungen, aber nicht für Singspiele mit aufwendigen Bühnenkulissen.

1965 stellte Andreas Wiesböck nach gut 20 Jahren sein Amt zur Verfügung, 1968 wurde sein Sohn Andreas zum neuen Vorstand gewählt. Dirigent und musikalischer Leiter des Vereins ist zu dieser Zeit Georg Steiner, der neben seinen vielfältigen musikalischen Aufgaben auch Landwirt und Fuhrunternehmer ist. Aus diesem Grund engagierte er den jungen Musiklehrer Hans Wagner aus dem Rosenheimer Finsterwalder-Gymnasium, um anlässlich des Cäcilienfestes im November 1969 die Spatzenmesse von Mozart in der Rohrdorfer Kirche zu dirigieren. Und dieser erste Auftritt in Rohrdorf war der Anfang für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Rohrdorfer Liederkranz, die bis heute andauert. Die Wagner-Proben sind deutlich intensiver als Singstunden in den früheren Jahren: „Zwei Stunden wird jetzt gesungen, gefeiert wird erst nach der Singstunde“.

Große Orchestermessen werden seit 1970 in der Rohrdorfer Pfarrkirche aufgeführt. 1976 wird das inzwischen weithin bekannte „Rohrdorfer Adventssingen“ ins Leben gerufen, das vom Salzburger Adventssingen des Tobi Reiser inspiriert ist.

Vorsitzender in der dritten Generation

Mit der Jahrtausendwende gibt es beim Liederkranz einen Vorstandswechsel: Andreas Wiesböck junior übernimmt das Amt des Ersten Vorsitzenden und führt die Tradition von Vater und Großvater fort.

Der Liederkranz hat sein traditionelles beziehungsweise klassisches Repertoire nicht vergessen, aber er wendet sich jetzt auch verstärkt der zeitgemäßen modernen Musik zu. Bei der Rohrdorfer Blasmusik finden sich stets gute Musiker, die den Liederkranz exzellent unterstützen. Der heutige Chor besteht aus 50 Sängern mit einem Stamm von 30 Sängern die im Schnitt zwischen 40 und 70 Jahre alt sind.

Die Dirigenten sind Richard Haimerl und Hans Wagner, der seit nunmehr 50 Jahren dabei ist, und mittlerweile ein Alter von 80 Jahren erreicht hat.

Sieben Jahrzehnte mehr Erfahrung

Bereits mit zwölf Jahren wurde der jetzt 82-jährige Ehrenvorsitzende Andreas Wiesböck Mitglied des Liederkranzes und ist demnach am längsten dabei. Erst Ostern dieses Jahres wurde die Gymnasiastin Gertrud Summerer aufgenommen und sie ist zugleich auch mit ihren 17 Jahren das jüngste Mitglied des Chores. Am 29. Juni findet am Heimathaus des Trachtenvereins Rohrdorf um 20 Uhr unter der Gesamtleitung von Hans Wagner ein „bunter Abend“ zum Gründungsjubiläum statt, der neben dem Liederkranz Rohrdorf auch von der Musikkapelle Rohrdorf, dem Inntalchor Oberaudorf, dem Männergesangverein Ellmosen und Sax’n‘Dill musikalisch gestaltet wird.

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