Wasserburg – „Die Altstadt wird ausgeblutet, Wasserburg wird zur Verbotsstadt, Probeläufe bedeuten für den Einzelhandel Planungsunsicherheit.“ Die Aversion der Geschäftsleute gegen die Versuchsphase „verkehrslenkende Maßnahme von der Hofstatt bis zur Herrengasse“, die am 1. September starten könnte, war im großen Rathaussaal vor Kurzem deutlich zu spüren. Im Rahmen der Bürgerfragestunde informierte Bürgermeister Michael Kölbl gemeinsam mit Sibel Aydogdu vom Planungsbüro Schlothauer & Wauer über das Konzept.
Wichtiger Punkt: Mit dem Auto sind nach wie vor alle Geschäfte, Praxen und etwa Behörden erreichbar – es wird nur etwas komplizierter. Eine Erziehungsmaßnahme also.
Das Thema polarisiert, das war schnell klar. Denn auch die Befürworter einer Verkehrsberuhigung blieben nicht stumm. Sie begrüßten die Idee, betonten, dass auch Fußgänger und Radfahrer wichtige Kunden und Gäste seien, dass die „Auto-Poser“ endlich aus der Altstadt abgedrängt werden könnten, dass überflüssiger Verkehr aus der Stadt verlagert wird und dass die Lebensqualität steige. Man erwarte ruhiges, italienisches Flair. Und vielleicht eine komplett autofreie Innenstadt in 30 Jahren – weil der Mensch den zunehmenden Verkehr nicht mehr ertragen will?
Ein Parkplatz
wird geopfert
Kölbl war es wichtig, zu betonen, dass der Stadtrat noch nicht endgültig entschieden habe. Bewusst wollte man die Bürgerfragestunde abwarten und den Wasserburgern bis zur Juli-Sitzung die Gelegenheit geben, sich zum Sachverhalt zu äußern – persönlich oder schriftlich ans Bauamt.
Das Gremium habe sich mit 24:1 Stimmen entschieden, dass der neunmonatige Probelauf der richtige Weg sein könnte. Kölbl sagte, in der Probephase gebe es die Möglichkeit, flexible Regelungen zu treffen, etwa für Märkte.
Die Verkehrsbelastung der Innenstadt ist seit Jahrzehnten Dauerthema. Das ISEK (Integriertes Stadtentwicklungskonzept) habe gezeigt, dass man beim einfahrenden Verkehr an der Innbrücke an der Belastungsgrenze angelangt sei. Um die Altstadt zu entlasten, muss der Durchgangsverkehr raus.
In der Bürgerschaft haben sich in der Folge zwei Gruppierungen gebildet, die Unterschriftenlisten einreichten. Der WFV (Wirtschaftsförderungsverband) spricht sich gegen eine verkehrsberuhigende Maßnahme aus, eine Bürgerinitiative dafür. Laut WFV wäre mehr Verkehrsüberwachung die sinnvollere Alternative.
Kölbls Worten zufolge habe der Stadtrat beide Anliegen ernst genommen und sich bei einer Klausurtagung im März eingehend damit beschäftigt. Die große Mehrheit sei für einen Probelauf; ein externes Verkehrsingenieurbüro wurde eingeschaltet.
Kölbl kündigte eine simple Lösung an. Ein Pflock in der Schustergasse auf Höhe der Jakobskirche wird die Durchfahrt für den Ottonormalverbraucher verhindern. Alle Geschäfte (Lieferverkehr) beziehungsweise Feuerwehren, Einsatzfahrzeuge oder auch Müllfahrzeuge bekommen einen Dreikantschlüssel, um den Pfosten umklappen zu können. Die Einbahnstraßenregelung entfällt, Färber- und Herrengasse werden zu Sackgassen, an deren Ende (an der Schustergasse) zwei Wendeplätze entstehen. So kann man „von Norden“ über die Hofstatt in die Färbergasse einfahren, muss aber auf dem selben Weg wieder ausfahren. Und „von Süden“ über den Marienplatz und die Salzsenderzeile in die Herrengasse einfahren und wieder retour.
In Herren- und Färbergasse werden die Fahrtrichtungen angepasst. Die Parkplätze müssen neu angeordnet werden – geopfert werden müsste nur einer.
„Damit können wir den Durchgangs- und den Posingverkehr reduzieren und beeinträchtigen den Einzelhandel nicht“, so Kölbl und übergab das Wort an Sibel Aydogdu vom Planungsbüro. Sie stellte die Analyse des „durchschnittlichen täglichen Verkehrs an Werktagen“ vor. Diese basiert auf einer Zählung von Anfang Mai 2019 und wird ermittelt mit einem wissenschaftlich fundierten Hochrechnungsverfahren. Gezählt wurde von 6 bis 10 Uhr sowie 15 bis 19 Uhr.
Demnach fahren im Durchschnitt über die Hofstatt 970 Autos, Lkws und Motorräder täglich ein und aus, in die Färbergasse 830 und in die Herrengasse wollen 1420 Fahrzeuglenker rein und wieder raus.
Das Ingenieurbüro empfiehlt den Probelauf über die neun Monate (um alle Jahreszeiten mitzubekommen) und erwartet eine Reduzierung der Verkehrsmenge in der Hofstatt um 60 bis 80 Prozent. Die gleichen Zahlen gelten für die Färbergasse. In der Herrengasse erwartet man maximal eine Halbierung des Verkehrsaufkommens. Die Fußgängerzone untere Schustergasse werde verbotenerweise auch oft durchfahren. Hier sollen Blumenkübel so angebracht werden, dass die „Sünder“ keine Lust mehr darauf haben.
Sicherheitsrisiko Wendehammer?
Die Bürger im Saal nutzten rege die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Lob oder Kritik loszuwerden. Christine Deliano, Inhaberin eines Geschäftes in der Hofstatt, monierte die Planungsunsicherheit, die so eine Probephase mit sich bringe, etwa wenn eine Geschäftserweiterung angedacht sei. Annette Küspert, die in der Färbergasse ihren Laden hat, bezweifelte, dass in dieser „oft verstopften Straße mit Autos und Lieferwagen“ nicht mehr Parkplätze draufgehen. Die Ingenieurin Aydogdu verwies auf die Ergebnisse der Berechnungen; durch den Wegfall eines Parkplatzes und die neue Anordnung der anderen werde Raum für Begegnungsverkehr geschaffen.
Moritz Hasselt, Vorsitzender des WFV, sagte, der Einzelhandel brauche Publikum – und Verkehr. Wer durchfährt und die Läden und Lokale sieht, sagt „da geh ich mal rein“. Die Hofstatt habe kein Verkehrsproblem; die parkenden Autos müssten mehr kontrolliert werden.
Fritz Pröls, ein Anwohner, der seit fast 40 Jahren in der Hofstatt lebt, sagte, die Lärmbelästigung habe sehr abgenommen, die quietschenden Reifen der jungen Leute ebenso. „Ich finde diese Lösung nicht schlecht, man sollte sie prüfen. Ich will aber nicht, dass der Einzelhandel eingeschränkt oder vertrieben wird.“
Durch die kleinen Wendezonen befürchtete Michaela Halt in der Färbergasse mehr Verkehrslärm und Beschädigungen und Risse an ihrem Haus. Als „Sicherheitsrisiko“ wurden die Wendehämmer von mehreren bezeichnet. Etwa für Radfahrer.
Sibylle Schuhmacher vom Innkaufhaus kritisierte, dass an einem Dienstag – dem schwächsten Einkaufstag – gemessen wurde.
Max Windholz, der in der Herrengasse wohnt, erledigt viel zu Fuß, was durch die vielen Autos und Parker zu einem Hürdenlauf werde. „Wenn hier jemand unerlaubt parkt, oder gar in zweiter Reihe, sind es oft Geschäftsleute oder Kunden, die kurz in ein Geschäft reinspringen.“
Dr. Martin Heindl sagte, die Altstadt sei schön zum Einkaufen und keiner wolle den Geschäftsleuten am Zeug flicken. Er sprach von einer guten Lösung und sollten Probleme beim Versuchslauf auftauchen, müsse man schauen, ob sie lösbar seien. Eine Frau pflichtete ihm bei. Der Verkehr sei enorm und die vorgeschlagene Lösung für alle Betroffenen und Beteiligten verträglich.
Chance auf Parkplatz im Zentrum steigt
„Was tot ist, ist tot“, sagte eine Künstlerin, die weitere Leerstände befürchtet. Zu viele ruhige Minuten für die Geschäftsleute gebe es ohnehin, das sei eine „hermetische Abriegelung“ durch die Verkomplizierung, die Kunden weichten ins Industriegebiet aus, waren weitere Wortmeldungen.
„Durch weniger Verkehr in der Innenstadt erhöht sich die Chance dort einen Parkplatz zu ergattern“, sagte Stadträtin Friederike Kayser-Büker.
Stefanie Kronseder von der Bürgerinitiative pro Verkehrsberuhigung bekrittelte die Logik des WFV, der Verkehr in der Innenstadt haben will, aber in der Haupteinkaufszeit Advent den Christkindlmarkt vergrößert und eine Eislaufbahn schafft. Da werde für den Durchgangsverkehr ja auch gesperrt. „Weihnachtsgeschenke schleppen ist schwerer, als die normalen Einkäufe unterm Jahr“.