Seekuh oder Quarzmehl?

von Redaktion

Kampf den Wasserpflanzen: Für ungetrübte Badefreude gibt es verschiedene Ansätze

Riedering – Im Tinninger See ist diese Tage eine Seekuh unterwegs. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein massiges Säugetier mit zylindrischem Körper, sondern um ein Spezialboot. Sein Auftrag: Den See mittels Mähvorrichtung von Wasserpflanzen zu befreien, damit man wieder darin baden kann, ohne sich ständig mit den Beinen in Schlingpflanzen zu verfangen.

Auf den Einsatz der Seekuh hat man in der Gemeindeverwaltung Riedering sehnlichst gewartet. Ursprünglich war von der Firma, die das Spezialboot zur Verfügung stellt, erst ein Termin für den August in Aussicht gestellt worden. Es war dann aber doch möglich, den Einsatz auf Anfang Juli vorzuverlegen.

Die Seekuh hat allerdings einen Haken: Die Mäharbeiten verbessern die Situation zwar rasch, jedoch ist der Erfolg wie beim Rasen mähen nicht von allzu langer Dauer. Die Pflanzen wachsen relativ schnell wieder nach, was einen erneuten Einsatz des Boots erforderlich macht.

Fachfirma arbeitet Konzept aus

Um eine dauerhafte Besserung der Lage zu erreichen, hat die Gemeinde Riedering daher eine Fachfirma damit beauftragt, ein Konzept für die Sanierung des Sees auszuarbeiten. Hintergrund ist, dass der Tinninger See in einer Senke liegt und dadurch Nährstoffe und Keime von umliegenden Feldern eingetragen werden. „Wir wollen bis 2021 schon Verbesserungen erreichen, aber an dem Thema müssen wir mit den Landwirten dauerhaft dranbleiben“, sagt Bürgermeister Josef Häusler (Wählergemeinschaft Söllhuben).

Die Erfahrung mit wuchernden Wasserpflanzen kennt man auch in der Gemeinde Rott, genauer gesagt am Ausee. „Das Gewässer ist aus einer ehemaligen Baugrube entstanden, somit gibt es keinen natürlichen Zulauf wie in anderen Seen“, sagt Jan-Lukas Knoll von der Gemeindeverwaltung. Der Ausee werde lediglich von unterirdischen Quellen gespeist. In den Sommermonaten komme es immer wieder zu Pflanzenbewuchs, der für Badegäste unangenehm sei. „Giftig sind die Pflanzen nicht, aber es macht keinen Spaß, da durchzuschwimmen“, so Knoll.

Vor zwei Jahren habe man erstmals eine Seekuh bestellt, um die Pflanzen zu beseitigen. Sie war erst vor ein paar Tagen wieder auf dem See unterwegs. Auf lange Sicht sei das aber auch keine Lösung, gibt Knoll zu bedenken. „Wir überlegen daher, an den Stellen, wo wir die Quellen vermuten, die Sedimentschicht ausbaggern zu lassen, um einen besseren Zufluss zu ermöglichen und so die Qualität zu verbessern.“

Einen ganz anderen Weg beschreitet man ein paar Kilometer entfernt. Die Gemeinde Raubling ist für den Reischenharter See zuständig und wollte ebenfalls eine nachhaltige Lösung finden. „Wir haben uns zunächst ans Wasserwirtschaftsamt in Rosenheim gewandt, aber dort konnte man uns nicht helfen“, erinnert sich Ron Markert vom Bauamt der Gemeinde. Dann habe man von einem Experten einen biologisch verträglichen Vorschlag bekommen und diesen ausprobiert.

Biologische Lösung mit Quarzmehl

Kontaktiert wurde die Gemeinde vor gut 20 Jahren vom Baubiologen Gerd Mappes aus Riedering. Er vertreibt ein Produkt einer Augsburger Firma, die damit eine natürliche Gewässersanierung verspricht. Die Wirkungsweise basiert auf einem physikalischen Verfahren, wie Mappes im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erläutert. Quarzmehl oder Quarzsand wird seinen Worten nach „energetisiert und mit Informationen versehen“, vergleichbar in etwa mit homöopathischen Präparaten.

„Die vorhandene Mikrobiologie wird aktiviert oder durch die Milieuveränderung in den aeroben Bereich gewandelt und beginnt mit der Verstoffwechselung, also dem Abbau überschüssiger Nährstoffe“, führt Mappes aus. Am Ende stehe ein reduziertes Algenwachstum, verbesserte Sichttiefe, ein Abbau von Grundschlamm und die Reduktion von Keimen.

Fischer waren zunächst skeptisch

Am Reischenharter See scheint das Prinzip zu funktionieren. „Am Anfang waren vor allem die Fischer skeptisch, was den Einsatz des Mittels angeht. Sie befürchteten negative Auswirkungen auf die Wasserqualität“, erinnert sich Markert. Es habe sich aber erwiesen, dass der Pflanzenwuchs tatsächlich deutlich geringer ausfalle, ohne dass die Wasserqualität beeinträchtigt wäre.

„Der See ist seit einigen Jahren klar und alle sind zufrieden. Die Fischer ebenso wie die Badegäste.“ Noch dazu sei das Einbringen des Quarzmehls deutlich kostengünstiger, als immer wieder mähen zu lassen. „Wir zahlen etwa 1000 Euro pro Jahr“, so Markert, und diesen Betrag gebe die Gemeinde gerne dafür aus.

Einsatz des Mähboots
ist kostspielig

Dass ständiges Mähen mit einer Seekuh ins Geld geht, hat man auch in der Gemeinde Rohrdorf festgestellt. „Wir haben das über Jahre am Thansauer Weiher gemacht“, sagt Geschäftsleiter Christian Schoenleber. Für zwei Tage Einsatz habe man etwa 8000 Euro gezahlt. Vor drei Jahren sei man durch den guten Kontakt mit der Nachbargemeinde Raubling auf die dort bewährte Lösung aufmerksam geworden.

„Wir machen jetzt zweimal im Jahr sozusagen eine Kur für den Weiher, die geht über zehn Wochen im Frühjahr und im Herbst. Tatsächlich haben wir eine sichtbare Verbesserung hinsichtlich der Verwucherung festgestellt“, bilanziert Schoenleber. Heuer habe man an zwei Stellen nachbehandeln müssen, aber insgesamt sei die Gemeinde sehr zufrieden mit dem Mittel.

In den ersten Jahren kostet die biologische Behandlung deutlich mehr, Schoenleber spricht von rund 14000 Euro pro Kalenderjahr. Das könne man aber als Anschubinvestition sehen. In den Folgejahren werde der Betrag signifikant sinken, da sich das Milieu des Gewässers verbessere.

Auch in der Gemeinde Oberaudorf ist man hochzufrieden. Dort wird seit dem Sommer 2003 der Luegsteinsee mit dem naturkonformen Mittel behandelt. Der Algenwuchs und die Schlammbildung hätten sich deutlich reduziert, heißt es in einem Schreiben des Bauamts an die Herstellerfirma.

Wasserwirtschaftsamt sieht keinen Nutzen

Es gibt allerdings nicht nur Befürworter des energetisch aufgeladenen Quarzmehls. Thomas Bittl ist Biologe am Wasserwirtschaftsamt in Rosenheim. Er hat eine eindeutige Meinung: „Wir haben keine wissenschaftlich belastbaren Ergebnisse, dass das irgendetwas bringen würde“, sagt Bittl. Jeder See verändere sich im Jahresverlauf. Ab dem Frühjahr werde ein stehendes Gewässer durch das Pflanzenwachstum zunehmend grün, erklärt der Experte. „Etwas später als die Pflanzen werden die Tiere aktiv. Ihnen dienen die großen Mengen der Algen als Nahrung.“ Dadurch werde das Wasser im Sommer von selbst wieder klarer, so der Biologe. Mit dem Quarz habe das nichts zu tun.

Letztlich scheint es sich wie bei der Homöopathie zu verhalten: Ob es wirkt, beurteilt jeder nach eigenem Ermessen. Manche glauben daran, andere nicht. Aber so lange die Gemeinden zufrieden sind und kein Schaden entsteht, ist alles gut.

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