Albaching/Söchtenau – Der Gemeinderat Albaching hat, wie berichtet, einer Bürgerin die Erlaubnis zur Haltung eines Rottweilers entzogen. Der Hund muss ins Tierheim. Er hatte zwei Kinder angegriffen. Sie kämpfen bis heute psychisch mit den Folgen der Beißattacken. Die Familien sehen sich im Bemühen um eine richtige Darstellung der Vorfälle im Stich gelassen.
Bub von hinten angefallen
Der aktuellste Fall hat sich nach Angaben einer Mutter aus Söchtenau wie folgt abgespielt: Ihr Mann sei am 15. April mit dem Sohn auf die Baustelle des Nachbarn gegangen, um sich dort eine Folie zu holen. Der Hund habe im Schatten regungslos auf dem Boden gelegen. Etwa drei Meter vor dem Tier sei ihr Mann stehengeblieben, „weil er ein ungutes Gefühl hatte.“ Der Lebensgefährte der Hundehalterin, der den Rottweiler mit auf die Baustelle genommen hatte, habe sich etwa zehn Meter entfernt mit Handwerksarbeiten beschäftigt. Vater und Sohn hätten sich umgedreht und den Ort wieder verlassen. Plötzlich sei der Hund aufgesprungen, ihnen nachgelaufen und habe den Sohn von hinten attackiert. „Der Rottweiler hat sich in der linken Wade verbissen. Auch als mein Sohn laut zu schreien begann, hat das Tier nicht von ihm abgelassen“, berichtet die Mutter. Ihrem Mann sei es gelungen, den Siebenjährigen zu befreien. Doch der Hund habe nachgesetzt und ein zweites Mal seine Zähne in die Wade vergraben. Erst nach der erneuten Attacke sei der Mann, der den Hund mit auf die Baustelle gebracht hatte, hinzugeeilt und habe den Rottweiler von dem Kind weggerissen, berichtet die Frau. Ihr Mann rief den Notarzt, im Rettungswagen ging es ins Romed-Klinikum Rosenheim. Dort entschieden sich die Ärzte nach Angaben der Eltern aufgrund der gravierenden Fleischwunden und der Infektionsgefahr durch die zwei schweren Hundebisse zu einer Operation unter Vollnarkose. Mit acht Stichen wurden die Wunden vernäht, fünf Tage verbrachte der Bub stationär im Krankenhaus, weitere zwei Wochen durfte er sein linkes Bein nicht belasten.
Kind litt lange unter Albträumen
Die körperlichen Verletzungen sind mittlerweile – bis auf gelegentliche Narbenschmerzen – verheilt, die psychischen nicht, bedauert die Mutter. Aus einem aktiven, sportlichen Kind sei ein ängstliches geworden, das sich nach wie vor kaum alleine auf die Straße traue. „Ist da ein Hund?“ laute stets die erste Frage, wenn es etwa zum Spielen zu Freunden gehe. Die Albträume, die den Bub in den ersten Wochen quälten, sind zwar mittlerweile weniger geworden. Doch vor allem die Tatsache, dass die Attacke des Hundes unvorbereitet von hinten geschehen sei, führe zu einer anhaltenden Verunsicherung. Das Grundvertrauen gegenüber Hunden, aber auch gegenüber Erwachsenen, die mit ihnen unterwegs seien, sei erschüttert, stellt die Mutter fest.
Mit dem Erlebten hat auch der heute 14-Jährige aus Albaching zu kämpfen, der bereits vor zwei Jahren von dem selben Rottweiler angegriffen worden war. Was die Verarbeitung des Erlebten erschwert: Diese Familie wohnt nur ein paar Häuser von den Haltern entfernt. Psychisch habe der Sohn die Attacke arg beeinträchtigt. Die Familie arbeitet ehrenamtlich im Tierheim. Der Bub durfte ein halbes Jahr ein Training mit Therapiehunden machen, um seine Angst vor der Attacke zu verarbeiten.
Unter Vollnarkose operiert
Diese hatte sich 2017, einen Tag vor dem Start der Sommerferien, ereignet. Der Rottweiler sprang aus dem Auto des Mannes und rannte auf den Buben zu, der wartete, dass der Papa den Wagen aus der Garage fährt, so die Darstellung der Eltern. „Der Hund hat ihn sofort in den Oberschenkel gebissen. Zum Glück hat mein Sohn gut reagiert und ihm einen Kick gegeben. Wir retteten uns in den Seiteneingang unseres Gartens“, erzählt die Frau. Sie zog dem Zwölfjährigen die Jeans runter und sah, wo die vier Fangzähne ins Fleisch eingedrungen waren. Die Wunde blutete. Der Hundebesitzer habe nur eine kurze Entschuldigung gemurmelt, berichtet sie.
Die Familie fuhr ins Krankenhaus. Täglich reinigte die Mutter die Wunde, ging zum Kinderarzt – und die Heilung begann vielversprechend. So konnte der Junge in sein Sommercamp fahren. „Doch dann bildete sich unter der Bissstelle ein verhärtetes handflächengroßes Hämatom. Unser Sohn wurde in der Chirurgie in Wasserburg unter Vollnarkose operiert.“
Keine Nachfragen, keine Entschuldigung
Was beide Mütter, die miteinander in Kontakt stehen, fassungslos macht: Es gab nach ihren Angaben keine Nachfragen der Hundehalter, wie es den Söhnen gehe, keine Entschuldigung. Beide Mütter widersprechen auch den Darstellungen des Mannes, der den Hund bei sich führte: Weder seien Vater und Sohn in Söchtenau auf den nicht angeleinten Hund zugegangen – im Gegenteil: Der Rottweiler habe sie von hinten angegriffen – noch habe der Hund beim ersten Vorfall, wie behauptet, nur gezwickt, sondern zugebissen.
„Der Hund ist nicht schuld. Das ist Erziehungssache“, sagt die Mutter des ersten kindlichen Opfers. Sie gehe ehrenamtlich mit anderen Tierheim-Rottweilern Gassi, die „sehr lieb“ seien. Angst mache ihr einfach, dass dieser Rottweiler auf Kinder losgehe. „Der ist eine Kampfmaschine. Wenn der Männchen macht und zubeißt“ – das will sie sich gar nicht ausmalen.
Auch die Mutter des siebenjährigen Buben aus Söchtenau sieht die Hundehalter in der Verantwortung, nicht das Tier. Grob fahrlässig hätten sie sich verhalten, die Maulkorb- und die Anleinpflicht nicht erfüllt. „Wenn sich jemand einen Hund zulegt, muss er sich genau überlegen, ob der Platz, die Zeit, generell die Fähigkeit, einen Hund zu führen, gegeben sind“, findet die 42-Jährige. Der Mann habe schließlich schon mehrfach bewiesen, dass er nicht fähig sei, einen solchen Hund zu führen. Dass es bereits zu mehreren Attacken – unter anderem auf einen Paketboten und auf eine E-Bike-Fahrerin, die dem Hund entweichen konnte – gekommen sei, wäre bekannt gewesen. Die Mutter des Siebenjährigen machte sogar selbst die Bekanntschaft des Rottweilers: Er sprang an ihr hoch, als sie ihm den Rücken zukehrte, ließ erst nach Einschreitens seines Herrchens von der Frau ab. Generell steht auch sie Hunden positiv gegenüber: Sie ist selbst in einem Haushalt mit Vierbeinern groß geworden.
Beide Familien haben Strafanzeige gestellt
Trotzdem fragt sie sich: „Ist ein Hund einem Kind gleichgestellt? Das darf doch nicht sein.“ Ein über 40 Kilo schwerer Rottweiler sei wie eine Waffe. Er könne ein Kind mit zwei Bissen töten.
Die Eltern des Buben aus Söchtenau möchten ihren Fall zum Anlass nehmen, die Gesellschaft für die Problematik großer Hunde zu sensibilisieren. Es gebe zu wenig Regeln für die Haltung, keine Verpflichtung, einen Hundeführerschein abzulegen. Ob Maulkorbpflicht und Leinenzwang auch eingehalten würden, werde nicht ausreichend kontrolliert. Wesenstests, die der Rottweiler anscheinend mit Erfolg abgelegt hatte, seien kein ausreichender Nachweis für die Gefahrlosigkeit. Viel zu salopp werde mit den Vorschriften umgegangen, finden sie. Zu sehr würden bei der Aufarbeitung von Fällen wie ihrem auf das Wohl des Tieres geachtet, zu wenig auf das Wohl von Opfern. Dass der Hund jetzt ins Tierheim müsse, sei nicht die Schuld der Opfer, sondern des Halters.
Manchmal fühlte sich die Söchtenauerin in die Rolle der hysterischen Mutter gedrängt, wenn sie auf Reaktionen von den Behörden gedrängt habe. „Wir hatten öfter den Eindruck, wenn wir nicht so hartnäckig gewesen wären, hätten wir als Opfer kein Gehör gefunden.“
Mit Erleichterung haben beide Familien auf die Tatsache reagiert, dass der Gemeinderat Albaching entgegen der Entscheidung des Landratsamtes auf Abgabe des Hundes an das Tierheim pocht. Die juristische Aufarbeitung wird folgen: Beide Familien haben Strafanzeige gestellt.