Aschau – Wer kennt nicht die Kampenwand, den markanten Berg im Chiemgau mit dem größten Kreuz der bayerischen Alpen? Aber weiß man, dass auf einem Quadratmeter Alm zwischen 60 und 80 verschiedene Pflanzen vorkommen? Oder dass ein Rind pro Tag zwischen 80 und 120 Liter Wasser säuft?
Seit zehn Jahren bieten acht Bäuerinnen und Landfrauen der Gruppe „Bauernland und Bauersleut“ – Rosemarie Burger-Knapp, Christine Danner, Marianne Hamberger, Christina Pfaffinger, Regina Schlemer, Monika Schmid, Kathrin Thaurer und Heddy Hösch als Exotin mit verschiedensten Fremdsprachenkenntnissen – jeden Tag ab 11 Uhr geführte Wanderungen von der Sonnenalm bis zu einer kleinen Seitenalm unterhalb der westlichen Zacken der Kampenwand an.
Biomilch in
Göttersberg
Und das tagtäglich bis Anfang Oktober, außer es stürmt oder schneit. Und was sich nach einer kleinen Rundtour anhört, mag zwar aus sportlicher Sicht stimmen, ist aber für Touristen und Einheimische durchaus eine lohnende Tour. Kathrin Thaurer (53 Jahre) mit eigenem Biomilchviehbetrieb drunten im Tal in Göttersberg gewährt Einblicke in die Flora und Fauna der Bergwelt, deutet auf scheinbar unscheinbare Blümchen am Wegesrand, erklärt die Besonderheiten der Blumen und Pflanzen in der oftmals rauen Bergwelt und packt gleichzeitig fachkundig und charmant Wissenswertes über Kräuterheilkunde dazu.
Gleich neben der Gondelbahn wuchert auf einem Stein Thymian, beinahe zwergenhaft und dennoch genauso wohlriechend wie unten im Tal.
Kathrin Thaurer lässt den jüngsten Mitwanderer, den fünfjährigen Mathis, der zusammen mit seinen Eltern im Chiemgau Urlaub macht, daran riechen und ihn reiben. Der Thymian entwickle alljährlich neue Triebe, nutze seinen eigenen Humus und so entwickelten sich auch bei extremer Witterung direkt am Felsen sommerliche Temperaturen von bis zu 25 bis 30 Grad.
Weiter oben entlang des Panoramaweges deutet die Bäuerin auf den Alpenfrauenmantel, dem „zahlreiche Heilkräfte für Frauen in allen Lebens- und Alterslagen“ zugeschrieben werden. Auch daheim auf ihrem Hof schwört die Fachfrau auf die natürliche Heilkraft für ihre Tiere: „Man muss nicht dran glauben, aber es wirkt.“ Ein wahres Blumen- und Blütenparadies entfaltet sich vor den Augen der Wanderer: Die gelben Sonnenröschen werden für die Bachblüten verwendet, dem kleinen und weißen Labkraut werden Gerinnungseigenschaften zugeschrieben. Schön anzuschauen, aber giftig sind der Alpen-Seidelbast genau wie der weiße Hahnenfuß.
Die lilafarbene Alpenwaldrebe, „die Klematis der Berge“, rankt sich elegant zwischen den Latschen empor, das Schusternagerl, der Frühlingsenzian, präsentiert sich in strahlendem Blau, der Wundklee trägt ein zart gelbweißes Kleid.
Beinahe alles steht unter Naturschutz
Beinahe alles, was hier oben blüht, steht unter Naturschutz. Kathrin Thaurer ist da sehr genau, und will dennoch ihre Leidenschaft zur Natur, ihre Wertschätzung gegenüber der Landschaft auch den Besuchern mitgeben. Die Almen seien Kulturlandschaften, die es zu erhalten und zu pflegen gelte, denn nur so werde die Artenvielfalt erhalten. Das Auerwild, Murmeltiere, Steinadler und viele andere seltene Tierarten fühlen sich wohl in den Almregionen. Und auch die Rinderschar der Möslarnalm genießt die Sommerfrische: „Das Gras hier oben entfettet und für die Kühe wirkt das Wandern auf der Alm wie Schwangerschaftsgymnastik.“ Authentisch kommt das rüber, kein Zweifel, Kathrin Thaurer liebt ihre Profession und dass sie ihre Leidenschaft Besuchern auf 1400 Metern Höhe vermitteln darf, ist für beide Seiten ein Glücksfall.
Die Wanderer erleben und erfahren so mehr über die Kulturlandschaft, und für sie ist es – selbst wenn sie Führungen gibt – „eine Auszeit, die Ruhe hier oben, der Ausblick …“ Und da übertreibt sie nun wirklich nicht. Der Panorama-Blick auf Kampenwand, Simssee und Chiemsee, auf die Berchtesgadener Alpen, aufs Steinerne Meer, aufs Kaisergebirge, auf das Inntal und die weitere Bergwelt – bei schönem Wetter hat man von hier beispielsweise Fernsicht bis auf den Großglockner – ist überwältigend.
Aber die Bäuerin weiß noch viel mehr erzählen, sei es über das Gipfelkreuz auf der Kampenwand, wie es Anfang der 50er-Jahre hinaufkam und warum es nunmehr nur noch an Festtagen erleuchtet ist; sei es Wissenswertes über die Ameisenhaufen, die Rinderhaltung am Berg oder Wissen über die Latschen, die auf diesen Höhen siedeln. Gewinnbringende eineinhalb Stunden, die sich für jeden lohnen, der nicht nur auf den Gipfel streben will.