Chiemgau – Verfolgt man heutige Diskussionen, entsteht oft der Eindruck, dass die Zuwanderung etwas ganz Neues ist und uns plötzlich „kalt erwischt“ hat. Und warum machten sich dann Menschen schon vor Urzeiten auf den Weg in die Fremde und begannen, den Planeten zu besiedeln? Die Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen, haben sich nicht wesentlich verändert.
Das Abschütteln der Feudalherrschaft sowie kostenloses Land mit Entfaltungsmöglichkeiten waren für Europäer über Jahrhunderte die Gründe, nach Amerika auszuwandern. Viele gingen im 20. Jahrhundert, nach dem Ersten Weltkrieg, darunter die jungen Leute aus dem Chiemgau.
Einen regionalen Auswanderungsboom löste Hans Steffinger 1924 aus. Er, der zweitälteste Sohn vom Hauser in Haus, einem Einödhof in der Nähe von Obing, wurde als 23-Jähriger 1884 nach Pittsburgh, Pennsylvania, entsandt. Dort bekam er in einem Augustinerkloster den Namen Bruder Roger. Als Verwalter der Klosterfarm des Klosters Fidelius durfte er zu seinem 40-jährigen Dienstjubiläum von „seiner“ Farm bei Pittsburgh, 800 Kilometer westlich von New York, das erste Mal in die alte Heimat reisen.
Als der Autor Jahrzehnte später mit seinen Onkeln das Neujahrsfest 1982/83 im Deutschen Club in Pittsburgh feierte, traf er eine alte Frau, die „Hausern Juli“, die Nichte von Bruder Roger. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte:
Pater Roger änderte viele Lebenswege
„In der damals schlechten Zeit löste Bruder Roger, mein Onkel, ein großes Interesse bei den jungen Leuten nach dem paradiesischen Land Amerika aus. Auch bei mir und meinen zwei Brüdern, was unseren Lebensweg in eine ganz andere Richtung führte. Onkel Roger besuchte 1924 auch alle seine Verwandten und Geschwister, darunter den Maschlbauer von Zunham bei Höslwang. Das änderte für fünf junge Männer aus dem Dorf das Leben. Für den Strasser Hans, den Stocker Ludwig, den Meier Nick und den Arnold Simon. Später kam ja dann auch noch der Schachner Hans nach Amerika“.
„Es war damals schwierig, nach Amerika zu kommen“, erzählt Juli Steffinger weiter. „Nur Farmer hatten das Recht zu bürgen, da Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern bestand. Da das gute Verhältnis zwischen Farmern und Klöstern in Amerika nicht anders war als in Bayern, half Pater Roger auf seine Weise. Ein Auswanderungswilliger brachte zum Hauser in Haus, zu meinem Vater, zehn Dollar, die er seinem Bruder Roger nach Amerika schickte.
Für die zehn Dollar übernahm ein Farmer pro forma eine Bürgschaft – und sobald die Papiere beim Hauser ankamen, konnte die Reise beginnen. Hier in Amerika scherte sich damals kein Mensch darum, was einer dann wirklich machte. Bis zum Börsenkrach 1929 folgten durch die Vermittlung Rogers in nur vier Jahren 64 junge Leute aus der Umgebung von Obing. Ähnlich war das Schicksal für rund 15 junge Leute aus Bad Endorf“, erzählte sie weiter, „ein Studienfreund von dem Ziegeleiinhaber Krais aus Bad Endorf wurde Pater in Alabama, der mit derselben Methode die Auswanderungen ermöglichte“.
Grabstein aus Kieferfelden
Julis Bruder Franz Steffinger, der mit ihr zusammen 1925 auswanderte, starb schon früh. Ein Grabstein aus Kiefersfelden, den Juli nach Pennsylvania bringen ließ, ziert sein Grab. Sie freute sich riesig über den Besuch aus der alten Heimat, hatte nach 57 Jahren in den USA immer noch etwas Heimweh und Sehnsucht nach den Geschwistern in Greimharting, Gollenshausen, Höslwang und Obing. Sie starb 2011, mit 105 Jahren.
Hans Schachner, Onkel des Autors, war der Zweitgeborene von 15 Kindern des Einödhofs Wimpersing. Er brach am 5. Mai 1929 in Wimpersing auf. „Heilfroh war ich, als mich nach neun Tagen Seekrankheit die Freiheitsstatue in New York begrüßte. Von zuhause bis nach Pittsburgh dauerte es 17 Tage. Mit 23 Dollar in der Tasche feierte ich zwei Tage später meinen 20. Geburtstag“, erzählte er. „Arbeit fand ich schnell, beim Mauermeister Singer aus Trostberg. Nach einem Jahr konnte ich gut Englisch und ebenso gut mauern“. Die Holzrahmenhäuser wurden meist mit Klinkerziegeln verkleidet.
Wie groß der Unterschied zwischen dem armen Deutschland und dem reichen Amerika damals war? Hans Schachner schickte seiner Familie 20 Dollar, den Verdienst von ein paar Arbeitstagen. Damit konnte sie sich gleich zwei heiß ersehnte Fahrräder kaufen.
Für den fleißigen Schachner ging es rapid aufwärts. 1933 machte er sich mit drei Angestellten selbstständig. Ein paar Jahre später hatte er schon 15 Arbeiter unter Vertrag. Am 23. Februar 1937 kostete ihn ein Unfall beide Beine. Schachner und seine Firma überlebten anderthalb Jahre Krankenhaus und Genesungszeit. Und der Unfall bewahrte ihn vor dem Krieg. In dem er womöglich auf einen seiner fünf Brüder, die eingezogen worden waren, hätte schießen müssen.
„1949, als ich das zweite Mal nach Hause kam, gab es schon gute Tabletten gegen Seekrankheit“, erzählte Schachner weiter. Deutschland lag noch mehr als nach dem Ersten Weltkrieg am Boden – und Amerika war immer noch das gelobte Land. Mit seinem Besuch änderte sich der Lebenslauf gleich für drei weitere Brüder: Konrad Schachner wanderte 1949 aus, Nick folgte 1950 und Flori 1953. Letzterer verliebte sich aber bei seinem ersten Heimaturlaub 1958, gründete eine Familie und baute sich in Höslwang ein Haus.
Nachdem es mit dem Lebensstandard auch hierzulande steil aufwärts ging, begann die Zeit der Gegenbesuche. Den Reigen eröffnete der älteste Bruder, Sepp, der Wimperingerbauer. Dann Gustl Schachner, der als einziger der 15 Geschwister studieren durfte, weil er Pfarrer werden sollte. Daraus wurde aber nichts und so wurde er Lehrer und Heimatforscher. Bei einer Gelegenheit wurde er auch gleich noch nach Kanada, zu seinem ehemaligen Schüler Günther Randl aus Hemhof, zur Elchjagd eingeladen.
Drei Brüder mit mehr oder weniger Erfolg
Dann kamen die Kinder der Geschwister an die Reihe, so wie der Autor und seine Schwester Josefa. Auch die 13 Cousinen und Cousins kamen „rüber“, sprachen aber leider kein Deutsch mehr, obwohl alle Onkel deutschstämmige Frauen geheiratet hatten.
Hans Schachner schloss sein Baugeschäft 1968. Eine gute Rente und zwei Mietshäuser sorgten für einen ruhigen Lebensabend. Nick Schachner betrieb das Baugeschäft im Kleinen weiter, meist als Ein-Mann-Betrieb. Auch er hatte längst sein eignes Haus.
Konrad, der jüngste, hatte sechs Kinder und verlor seine Arbeit mit dem Zusammenbruch der Stahlindustrie. Sozialsysteme gab es kaum, darum war er sehr glücklich, mit 53 Jahren bei einer deutschen Bergbaumaschinenfirma in den USA noch einen Job zu bekommen. „Seitdem heize ich mein Haus immer mit deutschem Palettenholz“, erzählte er lachend.
Viele bayerische Namen auf Gräbern
Zum Schluss besuchten der Autor und seine Begleiter noch einen schönen, nach Konfessionen getrennten Friedhof. Dabei entdeckten sie viele bayerische Namen wie Gruber, Berger, Gassner, Fussenegger, Wacker, Rumpler, Damberger und – auch den von Franz Steffinger mit dem Grabstein aus Kiefersfelden…