Wasserburg-Reitmehring – In der Nacht kommen sie raus aus dem Keller des Nachbarhauses und wuseln in den Gärten herum, nagen Sträucher an, untergraben Terrassenplatten, richten Schaden an: Ratten. Es handelt sich um Wanderratten, die ein 34-jähriger Student im Untergeschoss zeitweise beherbergt. 80 Tiere sind es inzwischen, wie das Landratsamt Rosenheim auf Nachfrage bestätigt. Nun müssen sie weg. Doch, was soll mit ihnen geschehen?
Wildratten können Krankheitserreger
übertragen
Hintergrund der Geschichte: Der Student fängt jedes Jahr im Sommer die Wildratten weg, hält sie vorübergehend in seinem Keller und siedelt sie dann wieder aus.
„Jedes Jahr wenn die Erdbeerfelder abgeerntet sind, haben wir hier ein Rattenproblem“, sagt der 34-Jährige, der Philosophie, Anthropologie und Psychologie studiert. Um die Situation mit den Nachbarn zu entschärfen, die seinen Angaben zufolge Lockstoff-Fallen oder Blaukorn auslegen, fange er die Ratten weg, füttere sie eine zeitlang in seinem Keller und bringe sie dann an einen Waldrand, wo etwa ein Weiher oder ein Bach als Wasserquelle vorhanden ist. „Das mache ich jedes Jahr, sonst hätten wir hier Tausende Ratten“, erklärt der Mann. Derzeit seien es rund 80. Er kennt sich mit Ratten aus. Im Zuge seines Studiums habe er mit seinen eigenen 50 Farbratten, die er vor sieben Jahren bei seinem Einzug mitgebracht habe, ein Langzeitbeobachtungsexperiment durchgeführt.
„Ein Tierarzt hat das begleitet. Es ging um die Entwicklung der Tiere in der sozialen Gemeinschaft.“ Das letzte Tier sei kürzlich verstorben, das Experiment beendet. Regelmäßig habe er seine Nachbarn schriftlich über seine Abfangaktion informiert und ihnen auch erklärt, dass Lockstoff-Fallen das Problem eher verschärfen.
Die Behörden schreiten nun wegen der Wanderraten ein. „Da durch Wildratten grundsätzlich Krankheitserreger auf den Menschen übertragen werden können, ist eine Gesundheitsgefahr der Bevölkerung nicht auszuschließen“, erklärt Michael Fischer von der Pressestelle im Gespräch mit unserer Zeitung.
Und weiter: „Nach dem Infektionsschutzgesetz wird dem Mieter nun per Bescheid aufgetragen, innerhalb eines Monats eine geeignete Fachkraft mit der Bekämpfung des Rattenbefalls zu beauftragen. Das Gesundheitsamt wird den Vollzug der Auflagen überwachen.“
Landratsamt: Verursacher muss die Ursache beheben
Bei der Ortsbegehung durch Vertreter des Staatlichen Gesundheits- und Veterinäramtes Rosenheim, der Stadt Wasserburg sowie durch den Hauseigentümer und den Mieter des Hauses (Halter der Tiere) wurden rund 80 Ratten gezählt.
Die Nachbarin hatte die Behörden verständigt. „Das Landratsamt hat ein Ordnungsrecht, um hier einzuschreiten“, erklärt Fischer.
Solche Verfahren laufen immer gleich ab. Der Verursacher muss die Ursache des Problems beheben. Der Reitmehringer, der in einer gepflegten Doppelhaushälfte wohnt und von der betroffenen Anwohnerin als „tierlieb“ beschrieben wird, hat vier Wochen Zeit, sich um das Problem zu kümmern. „Ich liebe alle Wesen der Natur, auch die Menschen“, erklärt der Mann. Eine Tötung komme nicht in Frage. „Ich war geschockt, als das im Raum stand“, sagt er.
Kommt er der Aufforderung des Amtes nicht nach, sich um die Sache zu kümmern, droht ein Ordnungsgeld oder, dass das Landratsamt weitere Schritte einleitet.
Der Nachbarin fällt erst einmal ein Stein vom Herzen. „Endlich wird mir geglaubt“, so die 66-jährige Rentnerin. Sie war verzweifelt, als sie sich an die Redaktion gewandt hatte. „Mit den Nerven war ich runter.“ Drei Jahre habe sie die Situation mit der „Rattenplage“, wie sie es nennt, mitgemacht.
Die Behörden rieten der geplagten Anwohnerin zunächst zum Kammerjäger. Der mit seinen Giftködern in ihren Hecken und Beeten nicht erfolgreich war. „Die fressen die Köder nicht, sie sind ja handzahm und werden gefüttert“, sagt die Frau.
Der Mann hält dagegen, sie bausche die Situation auf und habe sich geradezu auf die Ratten fixiert.
Um zu beweisen, dass sie sich nichts zusammen spinnt, stellte sie eine Wildkamera in ihrem Garten auf. „Man kann an die 40 Augenpaare erkennen, es wuselt nur so in meinem Garten, wenn es Nacht ist“, beschreibt sie. Grundlos jemanden anzuschwärzen sei nicht ihre Intention.
Der Nachbar hält ihre Lockstoff-Fallen für einen Verstärker des Problems. „Die riechen für die Ratten nach Lieblingsessen. Und enthalten Gift. Sie machen die Tiere aggressiv. Und dann finden sie auch noch volle Gemüsebeete vor und bleiben“, beschreibt der 34-Jährige.
Sie wiederum könne nicht nachvollziehen, dass der Mann den „Wildtieren antut, vom Menschen abhängig zu sein“ – durchs Füttern. „Das geht doch gegen den Naturschutz, das ist nicht gut für die Nager“, ist sie überzeugt. Die Ratten seien menschenbezogen. „Wenn er sie nun freilässt, bleiben die im Dorf und richten hier weiter Schaden an, weil man sie ja nicht verschrecken kann“, fürchtet die Frau.
Der Gedanke, dass sie beseitigt werden sollen, behagt ihr auch nicht. Hin- und hergerissen sei sie.
Zu einer Tötung muss es nicht zwingend kommen, erklärt Heinz-Jürgen Pohl, der Schädlingsbekämpfer in Prien ist, aber auch Naturschutzwächter im Landkreis Rosenheim, Biber-, Fledermaus- und Hornissenberater.
Er rät dem Halter, in Internetforen nach Abnehmern zu suchen, die Tierheime oder Gnadenhöfe anzufragen oder die Ratten umzusiedeln (siehe auch Interview). „Das Töten von Wirbeltieren geht nicht einfach so ohne einen triftigen Grund.“