Bruckmühl/Haag – Mit seinem langen gebogenen roten Schnabel und dem zerrupft aussehenden Haupt ist der Waldrapp eine in der Vogelwelt recht außergewöhnliche Erscheinung. Deswegen sah Renate Weichenrieder aus Heufeld auch ganz genau hin, als sie den seltsamen großen Vogel auf einem Laternenmasten in ihrer Bruckmühler Straße entdeckte.
Die Ruhe selbst beim Fototermin
Das Interesse war geweckt: „Nachdem sich das Tier entspannt fotografieren ließ, übermittelten wir die Bilder per E-Mail an den Tierschutzverein Rosenheim und wurden an den Landesverband für Vogelschutz in Hilpoltstein weitergeleitet“, berichtet die Heufelderin. „Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Waldrapp handelt, der mit EU-Unterstützung bei uns nach 400 Jahren wieder angesiedelt werden soll.“
Daraufhin nahm das Waldrappteam aus diesem Projekt mit Sitz in Burghausen Kontakt mit Familie Weichenrieder auf. „Da wir die Beringung durch Fotos dokumentieren konnten, erfuhren wir: Der weibliche Waldrapp heißt Cassandra und ist drei Jahre alt. Cassandra ist laut ihrem GPS-Sender momentan auf einer Erkundungstour durch Bayern. Früher oder später sollte sie dann zu ihrer Brutkolonie Burghausen zurückkehren.“ Auch in Kirchdorf bei Haag hatte sie es sich längere Zeit in einer Ackerfurche gemütlich gemacht, weiß Karl-Michael Günsche, Naturschützer aus Haag. Über eine App und die Ring-Nummer an ihrem Fuß kann er Cassandras Flugverhalten nachvollziehen. Daher weiß er auch, dass sich die gefiederte Dame schon Münchens Nobel-Viertel genauer angeschaut hat und in den edlen Villen-Gärten ein paar Tage verweilte, wie er schmunzelnd berichtet.
Cassandra ist bereits der zweite Waldrapp, der im Mangfalltal gesichtet wurde. Anfang 2017 hatte eine Aiblingerin ein Exemplar des seltenen Zugvogels in Ellmosen gesichtet. Damalige Nachforschungen hatten ergeben, dass es sich um„Samurai“, einen flüchtigen Jungvogel aus der Kolonie der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im oberösterreichischen Grünau, handelte.
Das Tier war im Spätsommer 2016 nach Behandlung seines gebrochenen Oberschenkels aus der Voliere wieder freigelassen worden und mit den anderen in das nächste Tal geflogen. Doch von dort kehrte Samurai nicht mehr zurück, sondern überflog die Grenzen nach Deutschland.
Im Gegensatz zu Cassandra zeigte er sich bei seinem Aufenthalt in Bad Aibling sehr scheu. Überlebenschancen in der kalten Jahreszeit wurden ihm – 150 Kilometer von seiner Heimstätte und noch viel weiter von seinem eigentlichen Winterdomizil in der Toskana entfernt – kaum eingeräumt. Seit dem 3. Januar 2017 gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm, erklärte Verena Pühringer-Sturmayr von der Forschungsstelle.
Abgesehen von Kälte und Nahrungsmangel lauern in freier Natur auch Feinde: Beutegreifer wie etwa Habichte sorgen im Almtal immer wieder für Verluste, hatte damals der stellvertretende Leiter der Kolonie, Dr. Josef Hemetsberger, erklärt.
Der Waldrapp gehört den Forschern zufolge zu den seltensten frei lebenden Vögeln. Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert wurden alle Waldrappe nördlich der Alpen und wahrscheinlich bald darauf in ganz Europa ausgerottet, heißt es unter anderem in der Chronik der Bund-Naturschutz-Ortsgruppe Burghausen.
Heute wird die Population weltweit auf 400 bis 500 geschätzt, ein großer Teil davon lebt in einem Nationalpark in Marokko. „Aber so schnell wird der Waldrapp nicht aussterben“, meinte Dr. Hemetsberger, denn es gebe noch schätzungsweise rund 2000 Individuen in Zoos oder Wildparks.
Außerdem bemüht sich das „Waldrappteam“ in Grünau intensiv darum, den Zugvögeln die Flugroute in den Süden „beizubringen“ – mittels Leichtflugzeugen. So sollen die Ibisvögel den Vogelzug und ihre -route lernen. Die Aktion ist Teil eines EU-Projekts zur Rettung des hierzulande fast ausgestorbenen Vogels. Ziel der Experten: Wiederansiedlung des Waldrapps in Europa mit Brutgebieten nördlich und Überwinterungsgebieten südlich der Alpen.
Im bayerischen Burghausen kennt man den Waldrapp seit Anfang des Jahrtausends auch schon recht gut – studiert man die Tiere dort doch schon seit Langem (siehe Kasten).
Mitte Mai 2018 brüteten bereits vier Paare Nachwuchs aus. Um die Waldrappe stärker zu Wildvögeln zu machen, wurde die bis dato übliche, tägliche Lockfütterung mit lebendigen Mehlwürmern eingestellt: Möglichst wenig Kontakt zu Menschen lautet seither die Devise.