Oberaudorf – Lehrermangel ist ein Problem – und eine Chance! Für die Schulen und vor allem für die Schüler. So lernen sie nämlich Menschen kennen wie Wolfgang Wright, Bildhauer und seit fünf Jahren Kunsterzieher. Quereinsteiger werden sie genannt, die Lehrkräfte ohne Fachstudium; eine leicht respektlos klingende Vokabel, aber sicher nicht immer so gemeint, auch weil sie zunehmend gebraucht werden. Bei Wolfgang Wright war der Respekt wohl ohnehin schon gegeben, kennt man ihn doch, nicht nur in Oberbayern, als Schöpfer bronzener Brunnenfiguren, die unverkennbar sind. Der Marktfrauen-Brunnen am Rosenheimer Ludwigsplatz ist so ein Beispiel, oder die vielen quicklebendigen Figuren in Flintsbach, wo um den Brunnen herum fast ein ganzes Dorf in Miniatur zu sehen ist.
Gespräch im
Garagen-Atelier
Beim Gespräch in seinem idyllischen Atelier-Garten am Rand von Oberaudorf wird schnell klar, dass der Bildhauer eine Karriere als Lehrer zu keinem Zeitpunkt geplant hatte. Sein Leben als freier Künstler war nie zum Tausch vorgesehen, zumindest so lange die Aufträge „ins Haus flatterten“, wie er sagt. „Aber es gibt dann schon auch Zeiten, wo es nicht mehr so flattert“, meint er nachdenklich, „dann fängst du selber an zu flattern und übernimmst dann schon mal Arbeiten, die einem nicht wirklich liegen.“
Als Künstler erinnert er sich daran ungern, doch auf die Frage, wie das denn war mit dem Quereinstieg als Kunsterzieher, reagiert er richtig aufgekratzt: „Früher war das für mich nie ein Thema, etwa an der Kunstakademie auf Lehramt zu studieren. Das wäre für mich der Gulag gewesen! Doch meine Arbeit jetzt an den Schulen ist eine echte Bereicherung, auch eine Herausforderung meines Wissens und meiner Erfahrung. Alles, was ich weiß, saugen diese kleinen Geister begierig auf, das ist bei aller Anstrengung ein Glücksgefühl! Meine neue Erfahrung: Ich bin viel freier, als ich früher war, auch als Künstler, das hätte ich nie gedacht!“ Dabei ist sein Stundenplan täglich so gut ausgefüllt, dass für die künstlerische Arbeit eigentlich nur die Ferien bleiben. Aufträge mit Anspruch gibt es inzwischen auch wieder, doch die müssen dann auch mal warten können.
Vor fünf Jahren hat sich Wolfgang Wright am Gymnasium in Raubling und an der Realschule in Brannenburg beworben. Beide Schulen haben ihn sofort genommen. Nicht weil die Notlage so groß war, er sieht den Grund eher darin, dass er nicht ganz unerfahren war in pädagogischen Dingen. Schließlich hatte er bei „Kind und Werk“ in Rosenheim mitgearbeitet und im Lokschuppen als Ausstellungsführer Ferienprogramme entwickelt. „Aber Schule ist eben doch noch etwas anderes, eigentlich war es ein Sprung ins kalte Wasser! Doch Kinder bringen ja so viel mit!
Mit Schülern
im Dialog
Und als Kunstlehrer bist du natürlich eher mit ihnen im Dialog als vielleicht ein Mathelehrer. Ich kann’s halt auch mal krachen lassen, da haben dann beide Seiten ihren Spaß!“ Und nach einer nachdenklichen Pause: „Ich bin mit der Schule nicht in ein neues, aber doch in ein anderes Leben geschubst worden!“
Gefragt nach den Anfängen seines ersten Lebens kommen bei „Mr. Wright“ ein paar Überraschungen zu Tage. Neben dem „pädagogischen Gen“, wie er es nennt, auch seine bunt gemischte Herkunft, die er mit dem kurzen, schönen Satz beschreibt: „Ich war schon immer ein Kind der Union!“ Sein Vater, im Alter von 17 Jahren zur englischen Armee gegangen, war als Offizier lange Jahre in Indien als Dolmetscher tätig, als Spezialist für die exotischen Dialekte dort. Nach seiner Pensionierung machte er in Rosenheim eine Sprachschule auf, daher vermutlich das pädagogische Erbteil.
Die Familie seiner Mutter, alteingesessene Oberaudorfer, hatte ihrerseits Wurzeln in Italien und Österreich, von Vaterseite kam noch Frankreich und Schottland dazu. Der kleine Wolfgang, mit Zweitnamen William, wuchs in England aber vom ersten Lebensjahr an gut katholisch auf.
Was er über seinen Geburtsort erzählt, ist noch um einiges kurioser: „Geboren bin ich 1959, und zwar in Duisburg! Meine Mutter war gerade von einem Besuch in Bayern zurück auf dem Weg nach England, und ich hatte es eilig.“
Als er sechs Jahre alt war, übersiedelte die Familie endgültig nach Deutschland, mit neun konnte Wolfgang so gut Deutsch, dass ihn die Schule in Oberaudorf aufnahm. Seine Oma sorgte dort für eine ordentliche bayerische Sozialisation, „im schönen, großen Haus, katholisch, aber nicht bigott!“, betont Wolfgang Wright, „Ministrant war ich schon, wenn auch nur kurz. Und in der Schule“, erinnert er sich und lacht, „war ich halt lange der Saupreiß, der englische!“
Fasziniert von
barocker Pracht
Bayerische Kirchen und ihre barocke Pracht haben ihm schon als Kind so sehr gefallen, „dass ich sie aus Legosteinen nachgebaut habe. Doch weil sie so eckig und kantig waren, habe ich mit Wachs nachgeholfen, meine Lego-Kirchen barockisiert, sozusagen“. Bayerisches Barock lernte er später handfest und im Detail in seinem Beruf als Stuck-Restaurator kennen. „Das waren tolle Aufträge damals in den 80ern“, schwärmt Wolfgang Wright, „der Passauer Dom, die Residenz in München, diverse Asamkirchen, da war ich überall dabei, viele Jahre lang! Für Josef Schnitzer in Buching im Ostallgäu, als Stuckateur eine Berühmtheit! Bei ihm habe ich meine Ausbildung gemacht“.
Vor der Kunst war da also noch das Handwerk? „Zum Glück!“, bestätigt der Künstler, „und das habe ich einem Mentor in Oberaudorf zu verdanken, dem Bildhauer Joachim Berthold, bei dem ich im Atelier schon mal mithelfen durfte. Der hat mir geraten: Schaff dir unbedingt erst eine praktische Grundlage! Mein Professor an der Münchner Kunstakademie hätte mich ohne das sowieso nicht angenommen!“
Was raten Sie in der Sache Ihren Schülern? „Einer der Abiturienten fragte mich kürzlich ganz verunsichert – soll ich jetzt erst Architektur studieren, oder doch gleich mit der Kunst…? – Da habe ich erst mal hoch theatralisch den Zeigefinger gehoben, damit er später was zu lachen hat, und mein Rat war dann genau der meines Mentors!“ Bedeutet das nicht auch eine Verantwortung? „Ja sicher, aber es ist doch auch eine tolle Aufgabe!“
Das Wort „…wright“ hängt im Englischen an zusammengesetzten Begriffen wie „….macher“, oder „….bauer“. Macher und Erbauer werden heute überall gebraucht, zur Not auch als Quereinsteiger.