Samerberg/Stephanskirchen – Den Konfuzius-Spruch, der Weg ist das Ziel, machte sich Chico Stey (68 Jahre) aus Stephanskirchen zum Grundschul-Abschiedsfest seiner Tochter Shandira (zehn Jahre) auf der Käseralm zu eigen. Und so machte er sich, begleitet von seinem Freund Renato Lo Pumo, trotz seiner schweren körperlichen Einschränkung auf zur Käseralm, auf 906 Metern gelegen, aufzusteigen. Für normale, geübte Wanderer eigentlich ein Klacks, geht es doch nur um 229 Höhenmeter, denn der Ausgangspunkt, der Parkplatz der Hochriesbahn, liegt auf 680 Höhenmetern.
Eiserner Wille
treibt ihn an
Nicht aber für Chico Stey, denn der Stephanskirchener kann sich eigentlich nur noch auf Krücken mühsam fortbewegen, hat er doch nicht nur mit dem Rücken Probleme, sondern leidet darüber hinaus auch an Parkinson. Aber darüber will er beim Aufstieg nicht sprechen. Langsam, aber stetig setzt er Fuß vor Fuß auf den geteerten Aufstiegspfad. Was treibt ihn an? Stey, der einer Artistenfamilie – „meine Familie sind Artisten in der neunten Generation“ – entstammt, will nicht über sich sprechen oder seine schwerkranke Frau, sondern betont mehrfach, dass er seiner Tochter eine Freude machen und sie überraschen wolle. Denn es mache sie sehr traurig, dass „wir oder zumindest ich nicht bei ihrem Abschiedsfest ihrer Grundschulklasse dabei sein können.“ Und gemäß dem Motto „Wo ein Wille, da ein Weg“, geht es nun also hinauf. Mit vorbeikommenden Wanderern, die das wundersame Trio – Wanderer mit Krücken, jüngerer Herr mit Rollstuhl und Reporterin – bestaunen, wird gescherzt, doch er muss, er will weiter, denn „nicht dass die Kinder da oben sich schon wieder auf den Weg ins Tal machen.“ Weit gefehlt, von Meter zu Meter geht es besser, der Wille treibt ihn an, schließlich war er früher körperlich so fit.
Und nach und nach erzählt er doch ein bisschen mehr von sich. Trapezkünstler am fliegenden Trapez war er unter anderem, bis ihn ein Unfall mit 27 Jahren zum Aufhören zwang. Aber die Liebe zur Show war geblieben, und so wurde er Stuntman beim Film und startete später zusammen mit seiner marokkanischen Frau Fatma Hannane, die einer Berberfamilie entstammt, ein eigenes kleines Unternehmen. Gemeinsam traten die beiden in der „El Rassuli Orientalshow“ auf, in und um Rosenheim, bei Firmen, bei großen Veranstaltungen: Trommeltanz, Feuershow, Schwert- und Säbelshow, Bauchtanz, Schlangenshow … Das gehe nun leider nicht mehr, „meinen Beruf musste ich aufgeben“, seufzt er. Stattdessen kämpft er sich nun durch. „Als Ergänzung zur Physiotherapie?“ scherzte noch sein Freund Renato, als ihm Chico von seinem Wunsch, zur Käseralm aufzusteigen, erzählte.
Der Tochter eine Freude machen
Aber Chico Stey blieb stur: „Ich schaffe das. Ich will meiner Tochter eine Freude machen.“ Dazu brauchte es natürlich ein bisschen Vorbereitung: Die Lehrerin von Shandira, Margit Lauer, wurde eingeweiht, und auch sein bester Freund Renato musste mit, denn für den Abstieg und eventuell als Aufstiegshilfe hatten die beiden beschlossen, den Rollstuhl mitzunehmen. Nach über einer langen Stunde war es geschafft: Chico ging vorneweg auf die Terrasse der Alm, um seine Tochter zu umarmen, die aus allen Wolken fiel.
Auch die Lehrerin, die Schüler und die mitgekommenen Eltern waren begeistert von dieser Leistung, und Freund Renato scherzte: „Das sollten wir öfters ins Trainingsprogramm einbauen.“