Raubling – „Da werkelst Dein halbes Leben, schaffst Dir was – und dann ist möglicherweise alles umsonst“, sagt die Frau vor der Tafel mit der Trassenführung halb zu sich selbst, halb zu den Umstehenden. Sie ist beim „Info-Markt“ der Bahn zum Brenner-Nordzulauf mit ihrer Befürchtung nicht allein. In dem dicht besiedelten Gebiet sind viele von der westlichen Trassenführung unmittelbar betroffen und entsprechend groß ist die Verunsicherung.
Zumal die Trassen gewissermaßen noch Rohentwürfe sind. Die grobe Richtung steht fest, die genaue Führung, vor allem die genaue Ausgestaltung, wird aber erst in den nächsten zwölf Monaten ermittelt. Für manche Betroffenen können Verschiebungen von zehn, 20 Metern über Sein oder Nichtsein entscheiden. Deshalb kann man immer wieder Dialoge wie diesen hören: „Und wie ist es bei Dir?“ fragt sie. „Sie wissen es noch nicht“ seufzt er. Sie: „Dann brauchst am Haus jetzt nix mehr machen“. Er: „Mach ich doch. Sonst könnt‘ ich ja gleich mit dem Leben aufhören.“
Hausbesuch bei den direkt Betroffenen
Dieser Restoptimismus ist auch nicht ganz unbegründet. Denn wenn die Bahn auch noch nichts zur genauen Ausgestaltung der Trassen sagen kann, beim prinzipiellen Vorgehen, zum Beispiel hinsichtlich des Lärmschutzes, ist man recht präzise, kann den Leuten genau sagen, welchen Maßnahmenkatalog man zur Verfügung hat. Und das hilft auch, denn, wie eine Frau sagte: „Man malt sich ja schnell wahre Horrorvorstellungen aus, da ist jedes Stück Information wertvoll“. Vor allem, wenn es von einem Gegenüber kommt, von dem man sich ernstgenommen fühlt, bei dem man auch nachfragen kann, wobei, wie die Planer versichern, bei den unmittelbar Betroffenen auf Wunsch sogar vorab ein Ortsbesuch möglich ist.
Die Infoveranstaltung als solche bekommt jedenfalls auf der „Feedback-Tafel“ überwiegend positive Rückmeldungen. „Sehr informativ“ steht da zum Beispiel, oder „Sehr guter und verständlicher Auftakt. Weiter so“ und „Ausführliche und kompetente Erläuterungen“.
Für die Bahn ist dieses positive Feedback wichtig, denn zumindest die, die sich so äußern, werden auch das Vertrauen aufbringen, dass man bei besonders kniffligen Stellen, wie dem geplanten Verknüpfungspunkt südlich von Raubling, Augenmaß walten lassen wird. Dieser Verknüpfungspunkt, der die Bestandsstrecke mit der Neubautrasse verknüpft, ist besonders heikel, weil er über mehrere Stockwerke geführt werden müsste, ein Projekt, auf dessen endgültige Ausarbeitung auch Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger mit einem bangen Auge blickt.
Er befindet sich in einer besonderen Zwickmühle, denn am liebsten hätte er den Verknüpfungspunkt nicht hier, ist gleichzeitig aber strikt gegen das Sankt-Florians-Prinzip. Die Lösung dieses Dilemmas, die viele in einem „Von vornherein nicht bauen“ sehen, ist für ihn keine. Kalsperger glaubt, dass man um eine Neubaustrecke nicht herumkommen wird, denn die Bestandsstrecke kann seiner Ansicht nach Zuwachs nur begrenzt aufnehmen: „Von 300 oder 400 möglichen Zügen auf der Bestandsstrecke kann nur reden, wer nicht an ihr wohnen muss“, meint er.
Und Zugzahlen in dieser Größenordnung sind seiner Ansicht nach für die Zukunft durchaus nicht unrealistisch. Denn da ist zum einen der öffentliche Nahverkehr, an dessen Intensivierung man im Landkreis gerade arbeitet und den man seiner Überzeugung nach unbedingt ausbauen muss, „soll die ganze Diskussion um den Klimaschutz nicht bloßes Gerede sein“.
Papierfabrik muss
auf die Schiene
Dazu kommt der Güterverkehr auf der Bahn, der, da ist Kalsperger sich sicher, tatsächlich steigen wird: „Denn wenn die Bundesregierung in der Richtung nichts unternimmt, dann sorgen halt die Österreicher dafür“. Und bringt ein Beispiel aus Raubling: Die Papierfabrik, so erzählt er, sei dabei, ihren Gleisanschluss wieder zu aktivieren, weil Österreich für Transit-Transporte mit Verpackungspapier ein sektorales Fahrverbot erlassen hätte: „Die von der Papierfabrik können gar nicht anders – die müssen auf die Schiene.“
Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma wäre für ihn eine Abkehr von unserem heutigen Konsumverhalten, eine Option, die der Bürgermeister jedoch für nicht wirklich realistisch hält: „Die Globalisierung ist nicht mehr zurückzufahren, es wäre schon viel, wenn man sie etwas abbremsen könnte.“
Gesellschaft in Unwucht als Auslöser
Grundsätzliche Überlegungen, mit denen Kalsperger nicht alleine steht, denn auf der Veranstaltung fanden sich immer wieder Gruppen von Leuten, die genau darüber diskutierten. „Das Brenner-Problem ist doch nur der Auswuchs einer Gesellschaft, die sich in Unwucht befindet“, sagt einer. Und ein anderer meint resigniert: „Das Problem ist die Gier, der Drang nach immer mehr, das ist dem Menschen aber nicht auszutreiben. Daran ändert selbst die mögliche Zerstörung eines ganzen Landschaftsraumes nichts – sie könnte ein Anlass zum Umdenken sein, wir werden aber weitermachen wie bisher.“