Großkarolinenfeld – Es war schon fast eine philosophische Frage, die der Gemeinderat hinsichtlich der aktuellen Brenner-Nordzulauf-Thematik diskutierte. Soll man einmal lautstark auf den Putz hauen und zeigen: So geht es aber nicht. Auch auf die Gefahr hin, dass man sich damit jeder Mitwirkungsmöglichkeit beraubt? Oder soll man an die zugegeben emotional aufgeladene Sache bedacht herangehen und möglichst clever die eigenen Ziele verfolgen? Fakt ist, dass den Großkarolinenfeldern das Thema unter den Nägeln brennt. Was sich anhand der großen Besucherzahl in der Gemeinderatssitzung zeigte.
Im Norden herrscht Ernüchterung
Als Anfang Juli die fünf Grobtrassen der Brennerzulaufstrecke im Landkreis vorgestellt wurden, ging ein Ruck durch die Region. Während man sich im Inntal auf eine Verbesserung der Situation und mehr Lärmschutz freute, herrschte nördlich von Rosenheim eher Ernüchterung. So auch in Großkarolinenfeld, denn das Gemeindegebiet ist von allen fünf Trassenvarianten betroffen. Wie also damit umgehen?
„Wir wollen, dass der Bürgermeister und die Gemeinderäte klar Stellung beziehen“, meinte Josef Lausch, der gerade von der PLW in die GBV übergetreten war. Er fürchte, dass die Zeit des Dialogs mit der Deutschen Bahn vorbei sei und die Trasse längst feststehe. Der vorgesehene Verknüpfungspunkt in der Gemeinde sei eine „Katastrophe“ für Großkarolinenfeld. Die Trasse sei im Norden ein „Todesstoß“ für die dortigen Landwirte, deren Flächen völlig zerschnitten würden. Lausch kritisierte auch, dass ein Bedarf für eine zusätzliche Trasse von den Verantwortlichen noch immer nicht nachgewiesen worden sei. „Wir brauchen in der Gemeinde eine klare Meinungsäußerung“, fand er. Daher hatte er einen Antrag gestellt, der Rat solle eine Resolution beschließen. Unter dem Titel „Keine Neubaustrecke, kein Verknüpfungspunkt in der Gemeinde Großkarolinenfeld“ fordert er den Stopp der Neubauplanungen, eine Ertüchtigung der Bestandsstrecke, eine Erweiterung der Bahnunterführung auf Kosten der Bahn mit dritter Röhre für Fußgänger sowie eine Ersetzung des schienengleichen Bahnübergangs in der Wendelsteinstraße durch eine Ober- oder Unterführung ebenfalls auf Bahnkosten.
Für Bürgermeister Bernd Fessler (Parteifrei) war dieser Vorstoß zu plakativ. „Kein Beschluss aus Großkarolinenfeld ändert etwas daran, dass das dritte und vierte Gleis geplant werde“, meinte er. Er sprach sich dafür aus, das Projekt lieber konstruktiv und kritisch zu begleiten, als es stoppen zu wollen. Auch wolle er die Lösungsansätze zunächst schwarz auf weiß sehen, um die Auswirkungen realistisch einschätzen zu können. Aktuell könne man noch viel beeinflussen.
Langer
Zeithorizont
Er machte auch auf den langen Zeithorizont aufmerksam. Der Brennerbasistunnel gehe 2026 in Betrieb, der Nordzulauf sei aber frühestens 2038 fertig. In dieser Zwischenzeit müsse man einerseits die Bestandsstrecke ertüchtigen, damit der Verkehr abgewickelt werden könne. Bis dahin ergebe sich andererseits aber auch noch eine weitere Situation. Denn aktuelle Debatten rund um Klimawandel, Maut, CO2 und Co. ließen vermuten, dass der öffentliche Bedarf nach Schienenverkehr zunehme und in Zukunft wichtiger als private Situationen der Anlieger gewertet werde. Würden die Planungen also jetzt gestoppt und später ergebe sich doch ein dringender Bedarf, sei es fraglich, ob die Bürger vor Ort dann noch mit einbezogen würden. „Wahrscheinlich sind die Chancen der Gemeinden der Region zur Verhinderung oder aber zumindest wesentlichen Optimierung zusätzlicher Gleise bei einer Fortführung der jetzigen Planungen höher als dann, wenn einem Bedarf hinterher geplant wird“, so der Bürgermeister.
Eine Ertüchtigung der Bestandsstrecke sei aber zu aktiv zu fordern – wobei die Auswirkungen dessen laut Fessler unterschätzt werden. Es gehe nicht nur um ein paar Schallschutzwände, sondern um bauliche Maßnahmen, die auf dem Großkarolinenfelder Seeton unter den Gleisen nicht einfach seien. Eine Abwägung der Auswirkungen zwischen Bestand und Neubau sollte hier möglich sein – bedürfe aber auch zunächst einer detaillierteren Planung.
Der Bürgermeister brachte nun seinerseits die Petition der Bürgerinitiative „Brennerdialog Rosenheimer Land“ ins Spiel, in der es heißt: „Es darf nicht ausschließlich eine Neubautrasse für 230 km/h geplant werden. Auch das Bestandsgleis muss auf Neubau-Standard modernisiert bei einer Entscheidung als mögliche Alternative berücksichtigt werden.“
Während Dr. Erwin Gutsmiedl (GBV) kritisierte, dass die Gemeinde nur zusehe und den Kopf in den Sand stecke, schlug Leonhard Krichbaumer (CSU) vor, das Thema in einer Gemeinderats-Sondersitzung zu behandeln. „Ich bin auch für einen klaren Standpunkt der Gemeinde, aber nicht im Schnellverfahren“, sagte er. Darauf konnte sich die Mehrheit schließlich einigen. Außerdem beschloss das Gremium, die Planungen weiter konstruktiv und kritisch zu begleiten sowie die Petition des „Brennerdialogs“ zu unterstützen. Einen Rat hatte Klaus Boos (CSU) abschließend: „Wenn wir mehr regional einkaufen, braucht es auch nicht so viel Transportverkehr.“