Neubeuern/Rosenheim – Der Rollstuhlfahrer Josef Höck, früher selbst Rettungsschwimmer, testete am Neubeurer See eine großartige Idee: ein schwimmfähiger Rolli, mit dem auch Rollstuhlfahrer die Freuden des Wassers genießen können. Außerhalb des Wassers wird aus dem Schwimmstuhl ein Liegestuhl zum Entspannen in der Sonne.
Doch bei der ersten Erprobung am Neubeurer See musste Höck auch eine nüchterne Festestellung machen: Derzeit könne er den Schwimmrolli hier nur als Liegestuhl verwenden. Denn der Zugang zum Wasser ist zu steil, um rein- oder rauszukommen. Nur mit der Kraft von vier Helfern konnte Höck mit dem Schwimmrolli überhaupt ins Wasser gelangen.
An der Notwendigkeit, auch Rollstuhlfahrern die Möglichkeit zu geben mal im Neubeurer See baden zu gehen, zweifelt niemand. Aber leider wird das auch in Zukunft nicht möglich sein, bedauert Martin Schmid, 2. Bürgermeister von Neubeuern. Zwar könne man am Westufer einen Behindertenparkplatz und eine Aufbewahrungshütte schaffen, aber am Grundproblem werde dies nichts ändern: Der Uferbereich ist viel zu steil und der Platz nicht ausreichend, um einen guten Zugang zu schaffen.
Einfach an den nächsten See fahren funktioniert nicht
Beispiele wie der Neubeurer See zeigen, dass sich Rollstuhlfahrer zuvor genau informieren müssen, wenn sie richtigen Badespaß haben wollen. Denn die baulichen und technischen Maßnahmen, die dies ermöglichen, sind nach wie vor keine Selbstverständlichkeit.
Vorbildlich sind in dieser Hinsicht die Schwimmbäder in Aschau und Bad Feilnbach. Hier können nicht nur Rollstuhlfahrer baden gehen, sondern es gibt auch entsprechende Ausstattung für Blinde und Gehörlose. In Prien wurden wassertaugliche Rollis im Strandbad des Prienavera diese Saison eingeführt. „Man kommt damit am einfachsten ins Wasser in einem Flachwasserbereich in der sogenannten Wasserwachtsbucht“, so Betriebsleiter Andreas Freier. Über die Badestege ist der Einsatz der Strandrollstühle nicht möglich.
Drei Schwimmbäder als barrierefrei
zertifiziert
Es gibt auch einige Schwimmbäder, die bereits das Zertifikat „barrierefrei“ erhalten haben. Hierzu zählen die Thermen in Bad Endorf und Bad Aibling sowie das Erlebnisbad „Innsola“ in Kiefersfelden.
Im Chiemseepark Bernau-Felden wird gerade das Gelände für die Schwimmrollis tauglich gemacht. Am Strandbad in Rimsting hat man eine Rampe mit Geländer errichtet, mit der Rollstuhlfahrer ins Wasser gelangen können. In Chieming erleichtert ein langer, schmaler Steg mit zwei Handläufen Rollifahrern den Weg in den See. Und wer keinen hat, kann sich einen Wasserrollstuhl ausleihen. Das geht auch am kleinen, relativ seichten Reifinger See bei Grassau. Eine Zugangsrampe gibt es dort auch.
Dass der Kieferer See einen barrierefreien Zugang hat, verwundert nicht: Bürgermeister Hajo Gruber sitzt im Rollstuhl und ist begeisterter Schwimmer. Der nur etwa zwei Kilometer entfernte Hödenauer See ist als barrierearm ausgewiesen. Im Süden Riederings, am Tinninger See, gibt es gerade Überlegungen, diesen barrierefrei zu gestalten.
Ein Badeplatz
nur für Behinderte
am Simssee
Einen eigenen Badeplatz nur für Behinderte gibt es in Pietzing, Gemeinde Riedering, am Simssee. Schwimmrollis sind dort seit 2018 vorhanden. Sie werden auch genutzt. Öfter aber fahren die Rollifahrer eine Rampe hinunter ins Wasser, lassen den Rolli untergetaucht stehen und schwimmen nachher wieder dorthin zurück. Deswegen gibt es an dem Badeplatz auch immer wieder Bedarf an ausrangierten Rollstühlen, mit denen ins Wasser gefahren werden kann.
Badeplatz nur für Behinderte hört sich toll an. Findet Christiane Grotz, eine der beiden Behindertenbeauftragten des Landkreises, aber gar nicht so toll, denn bei ihr kommen immer wieder Klagen an, dass ein älterer Herr nicht behinderte Personen sofort vom Strand vertreibt. „Das widerspricht dem Gedanken der Inklusion“, findet die Bruckmühlerin. Die Mutter einer Tochter mit Handicap hat zwar Verständnis dafür, dass ein beinamputierter Mensch keinen Ball vor dem Fuß haben will, aber neugierige Blicke müsse man auch mal aushalten, „auch wenn‘s nicht schön ist.“
Hilfsbereite Mitschwimmer
finden sich immer
Außerdem haben Mitschwimmer ohne körperliche Einschränkung einen echten Vorteil: Sie können anpacken, wenn Hilfe benötigt wird. „Bei uns finden sich unter den anwesenden Badegästen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit hilfsbereite Personen, die die Begleitperson des Rollifahrers beim Handling unterstützen“, sagt Andreas Freier. Und das gilt sicher nicht nur am Prienaverastrand.