Aschau – Kostenlose Fahrdienste für alle Aschauer Bürger ab 70 Jahren sowie Schwerbehinderte (auch Rollstuhlfahrer) – ein Service, den sich die Gemeinde Aschau leistet, und der seit seiner Einführung vor gut sieben Jahren, damals allerdings noch gegen Entgelt – „sehr gut angenommen und genutzt wird“, so Klaus Hupperich, Chef-Organisator für den Fahrdienst.
Der mittlerweile 71-Jährige wollte sich im Ruhestand nicht zur Ruhe setzen, sondern sich in seiner Gemeinde engagieren. Er, der jahrzehntelang im Außendienst in ganz Deutschland selbstständig unterwegs war, ist immer noch auf den Straßen unterwegs, diesmal allerdings „nur“ im Landkreis Rosenheim, nun aber nicht als Arbeitnehmer, sondern als ehrenamtlicher Seniorenbus-Fahrer.
Monatliche
Einsatzpläne
Er organisiert die monatlichen Einsatzpläne seiner achtköpfigen Teams und setzt sich auch aktiv im gemeindlichen Seniorenbeirat ein. Ab 8 Uhr morgens steht der Bus zur Verfügung, und manchmal gehen die Dienstzeiten bis in die Abendstunden. Und das alles kostenlos, jede Woche von Montag bis Donnerstag. In den Anfangsjahren habe man sich mit dem Seniorenheim einen Bus geteilt, seit vier Jahren aber habe man einen eigenen Bus, einen VW-Crafter, für den die Gemeinde aufkomme und der von Freitag bis Sonntag auch ortsansässigen Vereinen zur Verfügung stehe, so Hupperich.
Im vergangenen Jahr waren es über 1000 Fahrten für Senioren von Haus zu Haus, weist Hupperich im Fahrtenbuch nach, und dass der Service mittlerweile kostenlos ist, hätte der Seniorenbeirat durchgesetzt. Aber auch Bürgermeister Peter Solnar hätte sich dafür stark gemacht.
Das Abrechnen für die Fahrten – 2,50 Euro pro Fahrt – sei zu umständlich und „zu dämlich“ gewesen. Davon reich hätte man sowieso nicht werden können: „Wir fahren alle ehrenamtlich“, fügt aber mit einem schelmischen Lächeln hinzu, dass es schon ab und an ein Trinkgeld gebe.
Der erste Fahrgast ist Annelies Kröger. Die 75-jährige Seniorin muss zum Kieferorthopäden nach Kolbermoor und da sie nicht weiß, welche Behandlung sie erwartet und ob sie nach einer Spritze noch fahrtüchtig ist, hat sie sich bewusst für den Aschauer Bus-Service entschieden. Kurze Zeit später steigt Renate Just (81 Jahre) zu, die zu einem Arzttermin in Rosenheim muss. „Mein Auto habe ich abgegeben, weil mir schnell schwindlig wurde“. Längeres Gehen falle ihr schwer und mit dem Zug nach Rosenheim zu fahren, sei umständlich, erklärt sie. Beide Damen betonen, dass sie den Bus-Service sehr schätzen.
Und da sie so lange wie möglich selbstständig im Alter bleiben und in den eigenen vier Wänden wohnen wollen, aber halt nicht mehr ganz so mobil wie früher sind, sind sie dankbar für den Service von Tür zu Tür. Just führt an: „Ich bin so froh, dass es den Seniorenbus gibt.“ Kröger ergänzt, dass sie Respekt vor den Busfahrern habe, die das ehrenamtlich machten. Hupperich wehrt ab, das Angebot sei doch sinnvoll. Außerdem biete ihm und seinen Fahrern das Fahren Selbstbestätigung und das Gefühl, „noch gebraucht zu werden.“ Er mache das gerne. Auch wenn medizinische Fahrten und/oder Transporte nicht erlaubt seien, so ergeben sich auf den Fahrten viele nette Begegnungen.
Mit über 90 Jahren
zum Baumarkt
Noch lebhaft erinnert er sich an eine über 90-jährige Dame, die er einmal nach Prien gefahren habe. Erst kurz vor dem Ortsschild Prien habe sie ihm das wahre Ziel verraten: ein Baumarkt. Ihr Kaufwunsch: eine Kettensäge für ihr neues Gartenhaus und mehr Blumen für den Garten. Da habe er dann doch mal eine Ausnahme gemacht, erklärt er augenzwinkernd.
Dass das kostenlose Busangebot gut ankommt, führt Hupperich auch auf die Tatsache zurück, dass bis heute ein wirkliches Nahverkehrskonzept fehle und dass nicht alle Ortsteile gleich gut angebunden seien. Die vielen Fahrten nach Sachrang bestätigten dies. Und Taxifahren sei teuer: „Das kann sich doch nicht jeder leisten“.
Die überwiegende Mehrheit seiner Kundschaft sei weiblich, „Männer haben da wohl eher Scheu zuzugeben, dass sie Hilfe brauchen“. Von Kolbermoor geht es weiter nach Bad Endorf, wo Helene Pertl auf ihn wartet. Nach einem zweiwöchigen Klinikaufenthalt darf sie wieder nach Hause nach Aschau. Hupperich hilft mit dem Gepäck. Für ihn selbstverständlich, wäre er doch auch dankbar, sollte er mal auf Hilfe angewiesen sein.
Der Aschauer Bus-Service trägt zur Mobilität in Alter bei, und dafür brauche es Nachwuchs, wirbt Hupperich. „Wir werden alle älter.“ Dieses Thema sollte mehr Leuten bewusst werden. Aber jetzt muss er wieder zurück nach Rosenheim und Kolbermoor, die Arzttermine seien beendet, sie würden gerne abgeholt werden, lassen ihn die Seniorinnen per Handy wissen.