Vom Glück im Beiwagen

von Redaktion

„TnT-Beratungsstelle“ organisiert Ausfahrt für Kinder mit Behinderung

Raubling – 10.30 Uhr, Michael-Ende-Schule Raubling. Die zwölf Motorräder mit Beiwagen fallen sofort ins Auge. Sie stehen nebeneinander auf dem Lehrerparkplatz. Die Biker begrüßen sich, tauschen sich aus. Zwölf Kinder haben sich mittlerweile auf dem Parkplatz vor der Michel-Ende-Schule versammelt. Aufgeregt laufen sie zwischen den Motorrädern umher. „Das ist wie beim Autoscooter hier. Schauen wir mal, was noch frei ist“, scherzt Organisator Thomas Stingl von der TnT-Pflegeberatung. Er macht Kinder und Biker miteinander bekannt, hilft bei der Platzwahl.

Biker weisen

die Kinder ein

Der kleine Finn hängt sich an Michael Zimmermann (47). Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Zimmermann weist den Bub ein, zeigt ihm, wie er den Helm richtig aufsetzen muss und wie der Gurt funktioniert. Fünf Minuten später sind die beiden bereit zum Aufbruch. Aufgeregt wippt Finn auf seinem Sitz hin und her. Zeigt immer wieder auf die anderen Motorräder.

Auch die anderen 13 Kinder können es kaum erwarten. Schließlich ist es soweit: Die Kolonne setzt sich in Bewegung. Die Fahrt führt hauptsächlich über kleinere Straßen. Vorbei an Maisfelder, durch Altenbeuern bis zum Samerberg. Das Ziel der Reise ist eine Eisdiele in Kolbermoor.

Mit dabei: Moni Theobald. Die 56-Jährige fährt seit knapp fünf Jahren Motorrad. Für die Veranstaltung ist sie extra aus Bielefeld angereist. Knapp 800 Kilometer, aufgeteilt auf zwei Tage. Sie macht das gern, will Kinder und Jugendliche mit Behinderung unterstützen, ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Denn: Sie weiß wie schwer es ist, mit einer Behinderung zu leben. Vor einigen Jahren erlitt sie bei einem schweren Unfall ein mittleres Schädel-Hirn-Trauma. „Ich musste mir alles wieder neu beibringen“, sagt sie. Die Rehabilitation gelingt, von ihrer damaligen Verletzung merkt man heute fast nichts mehr. „Ich habe so viel Glück gehabt. Jetzt will ich mein Glück teilen“, sagt sie und reist quer durch Deutschland, um genau das zu tun.

Der Kontakt nach Raubling entsteht über Thomas Stingl (53) und Tabitha Licht (43). Die beiden lernen sich 2009 bei einer Weiterbildung kennen, verstehen sich auf Anhieb. Stingl arbeitete ursprünglich als Krankenpfleger und Lehrer für Pflegeberufe. Licht ist Mutter eines Kindes mit Behinderung, weiß selbst, wie es ist, wenn der Pflegegrad abgelehnt wird.

Die beiden wollen eine Veränderung, gründen 2007 ein Pflegeberatungszentrum in Rosenheim. Sieben Jahre später entsteht die „TnT-Pflegeberatung“. Sie helfen bei der Beantragung und Durchsetzung des Pflegegrades, beraten pflegebedürftige Menschen und unterstützen geistig, seelisch und körperlich beeinträchtigte Schüler und Auszubildende durch einen Schulbegleiter.

Seit 2015 gibt es auch Ferienprogramme

Seit 2015 stehen auch Ferienbetreuungen auf dem Programm, erstmals planen die beiden eine Ausfahrt im Motorradbeiwagen. Stingl fährt selbst Motorrad, schon seit 20 Jahren. In seinem Beiwagen hat er schon im vergangenen Jahr immer wieder einzelne Kinder mitgenommen. „Die Kinder haben sich damals so gefreut“, erinnert er sich. Also beschließt er, Biker aus ganz Deutschland zusammenzutrommeln. Er schreibt in Biker-Foren, fragt, wer Interesse hat, an seiner Veranstaltung teilzunehmen. Nach und nach melden sich Interessierte, am Ende sagen zwölf Biker zu. „Ich bin total begeistert über so viel Zuspruch“, sagt Thomas Stingl. Und weil die Ausfahrt nicht nur bei Stingl, sondern auch bei den Teilnehmern so gut angekommen ist, soll es im nächsten Jahr eine Wiederholung geben. Sehr zur Freude der Mädchen und Buben – aber auch der Biker.

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