Auch die Hände reden Boarisch

von Redaktion

Einkauf einmal anders – Evenhausener Dorfladen taucht ein in die Welt der Gehörlosen

Amerang – Ein alltäglicher Einkauf wird in der Welt der Gehörlosen zur lebhaften und manchmal auch nicht ganz einfachen Angelegenheit. Das wurde im Evenhausener Dorfladen erlebbar. Wo sonst mit gewohnt knappen Anweisungen die gewünschten Waren geordert werden, wurde gestenreich mit Händen, Armen und vollem Körpereinsatz die Bestellung kundgetan. Quasi mit tanzenden Händen. So heißt auch der Stammtisch, der sich nach einem VHS-Kurs für Gebärdensprache aus hörenden und gehörlosen Mitgliedern formiert hat und sich einmal im Monat in Wasserburg trifft.

„Die Grundidee war, die Menschen zusammenzubringen und mit Vorbehalten aufzuräumen“, erzählt Hubert Rosenberger vom Betreuungshof Rottmoos. Es gehe aber nicht nur um Inklusion, sondern auch darum, die Gehörlosen spüren zu lassen, dass sie gebraucht würden.

Wie eine Fremdsprache üben

Viele Menschen interessierten sich für die Gebärdensprache. Im Nachgang müssten die erworbenen Kenntnisse aber ähnlich einer Fremdsprache geübt werden, um nicht einzurosten. Der Stammtisch biete dazu eine gute Gelegenheit.

Die bot sich nun auch im Evenhausener Dorfladen. Dort habe man sich ursprünglich zum Kaffeeklatsch treffen wollen. Am Ende sei daraus die Idee entstanden, an einem Vormittag den Verkauf zu übernehmen und die Hörenden für das Thema zu sensibilisieren. Deutschlandweit sind laut Landesverband der Gehörlosen rund 80000 Menschen, bayernweit etwa 8000 Menschen, ohne Gehör.

„Das ist eine gute Idee, das machen wir“, fand Dorfladenleiterin Resi Berger. Zumal das Geschäft für das Projekt ohnehin prädestiniert war, denn gleich zwei Mitarbeiterinnen können die Gebärdensprache. Ein gehörloser Nachhilfeschüler hatte vor Jahren Alexandra Thalhammers Interesse geweckt. Gemeinsam mit Mutter Sylvia belegte sie einen Gebärdensprachkurs an der VHS Wasserburg und seither gehören beide zum Stammtisch „Tanzende Hände“.

Die Gebärdensprache basiert auf visuellen Ausdrucksformen. Hände und Arme formen Handzeichen, aber auch die Mimik, Mundbewegungen, Körperhaltung und Ausdruck sind dabei von großer Bedeutung, denn das Fingeralphabet hat häufig gleich mehrere Bedeutungen. So ist beispielsweise das Zeichen für „Bruder“, „Schwester“, „gleich“ und „ebenfalls“ identisch und nur mit entsprechender Mimik verständlich.

Den „Lausbua“

gibt´s nur in Bayern

Auch die grammatikalischen Regeln unterscheiden sich deutlich von denen der Lautsprache. So gibt es nicht für jedes Wort eine Gebärde, andererseits kann eine Gebärde einen ganzen Satz ausdrücken. „Und auch bei den Gehörlosen wird Dialekt gesprochen“, erzählt Alexandra Thalhammer. Es gebe regional typische Ausdrücke – beispielsweise den „Lausbua“ nur in Bayern, andere Gebärden seien je nach Region unterschiedlich.

Im Dorfladen gab es dann Gebärdensprache „light“. Die wichtigsten Ausdrücke wie Wurst, Käse, Semmeln oder auch Grußformeln waren mit Bildern gut sichtbar an den Verkaufstheken angebracht und falls es allzu schwierig wurde, stand das Dorfladenteam parat. Viele Kunden ließen sich dann auch bereitwillig auf das Experiment ein.

Fürs Winken zur Begrüßung und zum Abschied brauchte es ohnehin keine Übersetzung. Auch „Bitte“ und „Danke“ mit der Hand an der Wange und geformten Kussmund beziehungsweise die flache Hand vom Kinn nach vorne geführt, waren noch relativ einfach. Ein wenig anspruchsvoller wurde es dann bei der Bestellung. Schinken wurde mit einem Klapps auf dem Po signalisiert, beim Schwarzgeräucherten wurden zusätzlich die Augen mit der Hand verdunkelt, für den kalten Braten ein Schweinerüssel und tragende Hände geformt. Gewichtsangaben erfolgten per Fingerzeig.

Große Probleme bei Behördengängen

„Mit viel Deuten ist es schon zu schaffen, fand Kundin Gerti. Sie war mit ihren Kindern in den Dorfladen gekommen und gespannt darauf, wie die Unterhaltung mit den Gehörlosen funktioniert. Auch Sohn Clemens fand die Gebärdensprache interessant. Mit locker geformten Halbkugeln in kreisenden Bewegungen und entsprechender Fingerzahl klappte der Semmelkauf bestens.

„Die Veranstaltung war super und die Resonanz der Kunden durchwegs positiv“, freute sich Roland Kühnlein. Der 63-jährige Mitinitiator der „Tanzenden Hände“ ist Lehrer für Gebärdensprache und ebenso wie seine Ehefrau Susanna von Geburt an gehörlos. „Wenn die Leute offen sind, ist es meist kein Problem“, erklärt Kühnlein. Dennoch seien die Möglichkeiten für Gehörlose in beruflicher und auch privater Sicht eingeschränkt. Trotz Inklusionsbemühungen sei der Zutritt in die Welt der Hörenden immer noch schwierig, weil die Gebärdensprache in Deutschland keine offizielle Amtssprache sei.

„Gehörlos“ gebärdet man übrigens, indem man seinen ausgestreckten Zeigefinger vom Ohr zum Mund führt. Die wenigsten Menschen wüssten das, bedauert Kühnlein. Er beschreibt unzählige Alltagssituationen, die sich schwierig gestalteten, weil hörende Menschen verständnislos reagieren. Hier würde er sich wünschen, dass sich sein Gegenüber kurz Zeit nehme, die Frage noch einmal langsam zu stellen oder am besten einfach aufzuschreiben.

Klar erlebe man die Welt grundlegend anders als Hörende. So blieben Gehörlose von der Schulzeit über die Ausbildung und den Beruf bis hin zur Freizeitgestaltung meist unter sich, weil die Kommunikation mit Hörenden ohne Gebärdensprache eben nicht so leicht funktioniere. „Wir sind eine große Familie und halten zusammen“.

Für den Besuch von Schulen, Berufsschulen, Arbeitsplätzen oder Sportvereinen für Gehörlose gebe es wenig Auswahl und es müssten oft große Wegstrecken in Kauf genommen werden, erzählt der ausgebildete Kartograf. Einige seiner Kollegen sind ebenfalls gehörlos und sein Chef beherrscht die Gebärdensprache.

Schwierig werde es beispielsweise bei den Durchsagen auf Bahnsteigen oder Warnhinweisen im Radio. Für Arztbesuche, Hochschulstudium oder Behördengänge brauche man häufig einen Gebärdendolmetscher und die seien rar.

Smartphones ein Segen für Gehörlose

Bei aktuellen Nachrichtensendungen im Fernsehen vermisst Kühnlein fehlende Untertitel und Live-Gebärdendolmetscher. Lange Zeit sei die Kommunikation mit anderen per Fax erfolgt. Dank moderner Technik sei das mittlerweile einfacher geworden. „Smartphones sind ein Segen für Gehörlose, so können sie sich sehen und miteinander sprechen“, betont Roland Kühnlein.

So wie beim Verkaufstag im Evenhausener Dorfladen, zu dem viele Kunden und auch Gehörlose gekommen waren. Bei guter Bewirtung durch das Dorfladen-Team wurde lebhaft miteinander geratscht. „Es wäre schön, wenn das öfter der Fall wäre“, wünschten sich die Initiatoren. Der Erlös aus dem Kuchenverkauf wird an den Betreuungshof Rottmoos gespendet.

„Tanzende Hände“

Stammtischtreffen der Gruppe „Tanzende Hände“:

Donnerstag, 26. September/24. Oktober/21. November, jeweils um 19 Uhr bei Jujhar’s, Palmanostraße 1 in Wasserburg. Interessierte sind dazu eingeladen. Zudem bietet die VHS Wasserburg vom 26. September bis 28. November wieder Gebärdenkurse für Anfänger und Fortgeschrittene.

Artikel 11 von 11