Der Meggle-Turm ist bald Geschichte

von Redaktion

Warum das Wahrzeichen von Reitmehring Stein für Stein abgetragen wird

Tradition und Moderne: Links die modernen Produktionstürme, in der Mitte der alte Turm, rechts der denkmalgeschützte Weberhof, das Meggle-Museum. Fotos Duczek

Wasserburg – Die zwei Meter hohe, silberne Haube ist bereits verschwunden. Seile und Gerüste weisen dezent darauf hin, dass es Reitmehrings Wahrzeichen, dem Meggle-Turm, an den Kragen geht. Anfang dieser Woche hat der Abbau begonnen. Wenn das Wetter mitspielt, wird der 94 Meter hohe Kamin, das höchste Gebäude der Stadt Wasserburg, bis November Geschichte sein.

Rückbau statt Sprengung

Gudrun Steppich, seit dem 1. Juli neue Werkleiterin der Molkerei Meggle in Wasserburg, hat derzeit die schönste Aussicht auf die höchste Baustelle im Landkreis Rosenheim. Vom Fenster ihres Büros kann sie den Rückbau perfekt beobachten. Sie zollt den Industriekletterern der Firma Zosseder, die in schwindelerregender Höhe die ringförmigen Seile für die Arbeitsplattformen und Gerüste angebracht haben, ihren Respekt. Die mit Seilen gesicherten Männer werden den konisch zulaufenden Turm mit einem Durchmesser von sechs Metern an der unteren, breitesten Stelle Stein für Stein abtragen – zuerst von innen, dann von außen. Denn eine Sprengung ist auf dem Werksgelände nicht möglich. Direkt neben dem Schornstein liegen Butterei, Werkstatt und Kraftwerk.

Rund um die Molkerei Meggle sind derzeit viele Passanten zu beobachten, die mit langem Hals nach oben starren. Auch mit Fotoapparaten bewaffnet kommen Bürger vorbei, die ein letztes Bild vom Reitmehringer Wahrzeichen machen möchten. Mitarbeiter haben sich Ziegelsteine als Andenken gesichert. Denn bei vielen schwingt Wehmut mit, wenn sie nach oben schauen, berichtet Maximilian Böning, Referent für Unternehmenskommunikation bei Meggle. Doch es nützt nichts: Der Turm war aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht mehr zu halten, sagt er.

Seit 2013 ist der 1976 gebaute Schornstein schon nicht mehr in Betrieb. Er gehörte zum alten Kraftwerk, das noch mit Schweröl befeuert wurde. Aufgrund der schwefelhaltigen Dämpfe musste der Kamin hoch in den Himmel ragen.

Als das neue Kraftwerk, das mit Erdgas betrieben wird, in Betrieb genommen wurde, hatte der alte Turm ausgedient.

Obwohl „arbeitslos“ dominierte er die „Skyline“ von Reitmehring – egal, von welcher Seite sich die Menschen dem Stadtteil näherten. Daneben stehen zwar mehrere Tanks und Türme, die ebenso markant wirken – so wie der vor drei Jahren in Betrieb genommene 53 Meter hohe Sprühturm für die Lactose-Herstellung, ein Schwerpunkt im Unternehmensportfolio. Doch so hoch wie der alte Schornstein geht es auf dem Industriegelände der Moderne nicht mehr hinauf.

In den vergangenen Jahren waren trotz Stilllegung im alten Kamin Instandhaltungen und Sanierungen im niedrigen sechsstelligen Bereich vonnöten, berichtet Böning. In der Innenhaut hatten sich große Risse entwickelt, Steine wurden brüchig, ergänzt Steppich. „Das ist wie bei einem alten Haus, wird es nicht mehr bewohnt und genutzt, leidet die Substanz.“

Die Haube fiel

als erstes

Im Unternehmen fiel deshalb die Entscheidung, sich vom Relikt des 20. Jahrhunderts zu trennen und den Turm kontrolliert abzureißen. „Meggle hat eine 132-jährige Tradition, doch in dieser langen Geschichte hat sich das Unternehmen stets gewandelt und ist immer wieder Schritte in die Zukunft gegangen – und dazu gehört es auch, sich von einem Gebäude zu trennen, das nur noch einen symbolischen Wert besitzt und in der Instandhaltung sehr viel Geld kostet“, sagt Böning. Die eingesparten Kosten werde Meggle in das Werk Wasserburg investieren. Unter anderem ist dort ein Großprojekt zur Erhöhung der Energieeffizienz geplant.

Vorgestern fiel deshalb als erstes die zwei Meter hohe Deflektorhaube, weiter geht es jetzt mit der Innenhaut. Das Abbruchmaterial wird im Innern des Kamins nach unten geworfen und durch eine Öffnung hinausgezogen.

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