Herkunft oder Religion völlig egal

von Redaktion

In einem dreiwöchigen internationalen Jugendbegegnungsprojekt Erasmus Plus auf dem Seimlhof in Ilzham entdecken 60 Jugendliche aus Deutschland, Polen, Türkei und Italien derzeit ihre eigenen Fähigkeiten und eine nachhaltigen Lebensführung.

Obing – „Czesc, Ciao, Merhaba, Hallo, Griaß Di“– Multikulti und Inklusion auf dem Seimlhof in Ilzham bei Obing. Dort nehmen zurzeit 60 Jugendliche mit und ohne Behinderung an einem internationalen Erasmus-Jugendbegegnungsprojekt teil. Ziel ist es, die jungen Menschen über die Ländergrenzen hinweg zusammenzubringen, um so Vorurteile abzubauen und soziale und kulturelle Gemeinsamkeiten deutlich zu machen.

Anfängliche Skepsis verwandelt sich

in Wohlgefallen

Zugleich sollen die Teilnehmer, die teils unter körperlichen, seelischen und geistigen Beeinträchtigungen leiden, in verschiedenen praxisnahen Projekten gefordert und in ihren Fähigkeiten gestärkt werden, um so Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.

Klar, dass es beim Aufeinandertreffen der verschiedenen Charaktere und Kulturen anfangs ein wenig stotterte, doch das Band war schnell geknüpft und die anfängliche Skepsis in Wohlgefallen verwandelt. Vorhandene Sprachbarrieren überwinden die Jugendlichen im Alter von 14 bis 25 Jahren mit mehr oder weniger guten Englischkenntnissen, viel gutem Willen, unter Zuhilfenahme von moderner Übersetzungs-App oder – althergebracht – mit Händen und Füßen. So klappt der interkulturelle Austausch bestens. Die Devise: „Fördern und Fordern“.

Der Ansatz der Bildungseinrichtung am Seimlhof mit vollbewirtschafteter Landwirtschaft, Umweltstation und Biogasanlage ist ganzheitlich und praxisorientiert. „Learning by doing“. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiten dabei unter fachkundiger Anleitung in landwirtschaftlich und handwerklich geprägten Bereichen und der medialen Aufbereitung weitgehend eigenständig zusammen und lernen dabei grenzüberschreitend voneinander.

Im lockeren Umgang miteinander erleben sie so die sozialen und kulturellen Gemeinsamkeiten und die Toleranz der Unterschiede.

Inklusion und Diversität als Grundprinzipien

Inklusion und Diversität werden als Grundprinzipien in Arbeit und gemeinsamer Freizeitgestaltung umgesetzt. Der Mehrwert sei deutlich spürbar, ist von Teilnehmern und Betreuern übereinstimmend zu hören. Man spüre, wie man zusammenwachse und sich auch mehr zutraue. Die Grüppchen hätten sich schnell vermischt und Herkunft oder Religion spielten keine große Rolle. Die Jugendlichen mit Behinderung seien mittendrin.

„Was geht, wird gemacht“, erzählt der 14-jährige Benedikt. Er hat eine gravierende Lese- und Rechtschreibschwäche und Probleme, sich auszudrücken. „Dafür ist er ein Computertalent“, bescheinigt Radioreporter Martin Breitkopf. Er begleitet das Medienprojekt und ist erstaunt darüber „wie fit die Kinder am PC sind“.

Benedikt sei einer von etwa zehn Jugendlichen, die die Aktivitäten des Jugendbegegnungsprojekts mit selbst aufgenommenen und bearbeiteten Filmen und Fotos dokumentierten und auf Netzwerken wie Facebook, Instagram oder You Tube veröffentlichten.

Doch auch in Handwerk, Land-, Forst- und Hauswirtschaft bringen die Jugendlichen ihren Einsatz. So wurden beispielsweise Waldwege freigeschnitten und Brennholz gemacht, Arbeiten auf dem Bauernhof erledigt, Produkte aus eigener Herstellung oder Ernte des Seimlhofs verarbeitet oder bei der Fertigstellung der Biogasanlage und beim Aufbau des Festzelts für das Familienfest kräftig mit angepackt, wie ein lustiges Video im Zeitraffer zeigt.

Themen wie Umweltschutz, gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit fließen in die Projekte mit ein.

Und auch kulinarisch ist man zusammengerückt. „Jeden Tag kocht eine andere Gruppe die für sie landestypischen Gerichte“, erzählt Thomas Mitterer vom Seimlhof. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten lerne man sich eben auch kennen, gerade so wie beim Feiern.

Die neue Biogasanlage, die mit Gülle, Mist und Futterresten aus der Landwirtschaft mit rund 140 Rindern betrieben wird und Teil des Bewirtschaftungskreislaufs ist, „macht den Seimlhof energietechnisch zu 100 Prozent autark“, betont Mitterer nicht ohne Stolz.

Die Anlage produziere etwa 600000 Kilowattstunden pro Jahr, der Eigenbedarf liege bei etwa 70000 Kilowattstunden. Die Wärme werde zum Heizen des Gruppenhauses und zur Trocknung von Heu und Stroh genutzt.

Mitterer ist Verfechter der „sozialen Landwirtschaft“. Die reicht von der Integration von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen über die Einbeziehung sozial- oder lernschwacher schwacher Jugendlicher und Langzeitarbeitsloser bis hin zu pädagogischen Initiativen wie Schul- und Kindergartenbauernhöfe. Auf dem Seimlhof ist dieses Konzept längst umgesetzt worden.

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