Wasserburg/StephanskirchenRosenheim/Kolbermoor/Mühldorf – Niedergelassene Hausärzte tun sich vor allem auf dem Land schwer, Nachfolger zu finden. Die bayerische Staatsregierung möchte wegen des Mangels an Landärzten den Zugang zum Medizinstudium für diejenigen erleichtern, die sich verpflichten, dort als Hausarzt zu arbeiten, wo es wenige gibt.
Die Zeit drängt. Auch in der Region, wie eine Statistik zeigt, die auf Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung basiert (siehe Grafik).
Denn viele Mediziner gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Im sogenannten „Planungsbereich Wasserburg“ der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), der identisch mit dem Gebiet des Altlandkreises Wasserburg ist, sind Hausärzte im Schnitt 56,6 Jahre alt.
Hausärzte im
Schnitt 56 Jahre alt
Im „Planungsbereich Rosenheim“, zu dem Rosenheim, Kolbermoor und Stephanskirchen gehören, sind Hausärzte im Schnitt 56 Jahre alt und im „Planungsbereich Mühldorf“, der dem heutigen Landkreisgebiet abzüglich der Kommunen aus dem Altlandkreis Wasserburg und zwei Kommunen des Landkreises Altöttings entspricht, sind sie fast 59 Jahre alt. Dr. Bernhard Kofler, Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung für Oberbayern und Allgemeinarzt in Rosenheim, unterstreicht im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen die Notwendigkeit, neue Wege in der ärztlichen Versorgung zu gehen.
Vielen ländlichen Regionen droht aufgrund des Nachwuchsmangels bei den Hausärzten eine Unterversorgung. Müssen sich die Bürger in unserer Region ebenfalls Sorgen machen?
Eine „Unterversorgung“ im Sinne der Definition der staatlichen Bedarfsplanung wird es in unserer Gegend wohl nicht geben. Es wird aber vermutlich nicht mehr jedes Dorf, das bisher einen eigenen Hausarzt hatte, weiterhin einen vor Ort haben können.
Warum ist Hausarzt kein attraktiver Beruf mehr?
Wir haben nicht nur einen simplen Generationenwechsel, sondern auch einen tief greifenden Strukturwechsel. Der Hausarzt alter Schule mit ständiger Erreichbarkeit, riesigen Wochenarbeitszeiten und zahlreichen Wochenenddiensten ist kein attraktives Modell. Im Übrigen, das nur nebenbei, war das nur möglich mithilfe der ebenfalls klassischen Arztfrau/Managerin für alles. 70 Prozent des Nachwuchses sind weiblich mit anderen Vorstellungen vom Arbeits- und Berufsleben. Auch Männer schauen mehr auf die Work-Life-Balance. Teilzeitarbeitsverhältnisse im Angestelltenmodus sind auf dem Vormarsch. Früher war eine Niederlassung eine Entscheidung fürs Leben, jetzt ist eher Mobilität gefragt.
Welche Konzepte gibt es gegen die Nachwuchsproblematik?
Förderung und Bindung schon vom Studium an, zum Beispiel durch geförderte Famulaturen und PJ-Zeiten in Hausarztpraxen (Anmerkung der Redaktion: Pflichtpraktikum und Praktisches Jahr), Weiterbildung zum Facharzt aus einem Guss, Weiterbildungsverbünde in Kooperation mit den lokalen Krankenhäusern, finanzielle Förderungen durch Kassenärztliche Vereinigung und Staatsregierung vor allem für den ländlichen Raum. Notwendig sind neue Strukturen durch Gründung von Filialen und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Es muss halt ein Ansteller gefunden werden.
Ist das Modell der überörtlichen Gemeinschaftspraxis Bad Endorf-Eiselfing ein möglicher Lösungsansatz?
Das Modell Eiselfing ist ein sehr guter, von der ärztlichen Basis selbst organisierter Ansatz; er wird auch schon vielfach angewandt und hängt vom Engagement der Kollegenschaft ab. Anderer Ansatz in Mühldorf: Das an die Kreisklinik angebundene MVZ stellt neben Fachärzten – schon weiter verbreitet – auch Hausärzte unter dem Dach eines MVZ an. Das erste hausärztliche Projekt in Haag läuft, in Gründung ist ein weiteres in Schwindegg. Im Landkreis Traunstein kauft ein unternehmender Orthopäde/Chirurg auch Hausarztsitze auf und gründet Medizinische Versorgungszentren.
Hand aufs Herz: Würden Sie unter den heutigen Rahmenbedingungen noch einmal Hausarzt werden wollen?
Ja, denn obwohl jeder leidet unter dem gesetzgeberisch-bürokratischen Tornado, ist das ja in anderen Fächern und in den Kliniken auch nicht anders. Interview: Heike Duczek