Amerang/Halfing – Ein prall gefülltes Konto ist ein gutes Gefühl – selbst dann, wenn es nicht um die Finanzen, sondern um die Natur geht. Bauvorhaben, die zu ihren Lasten gehen, müssen heutzutage ausgeglichen werden. Dazu bauen Städte und Gemeinden ein Ökokonto auf. Kaum eine Kommune ist hier so im Haben wie Amerang. Zehn Hektar Ausgleichsfläche hat die Gemeinde schon angesammelt – die Hälfte davon auf Vorrat. Profiteur dieses großen Plus‘ auf dem Ökokonto sind die Natur und die Artenvielfalt. Ein Besuch im Halfinger Freimoos, eines der jüngsten Landschaftsschutzgebiete im Landkreis Rosenheim, wo Amerang die meisten Flächen angekauft und anhand von 18 Maßnahmen ökologisch aufgewertet hat.
Heimat des Warzenbeißers
Auf den Wiesen, deren genauer Standort aus Schutz vor „Schatzsuchern“, die seltene Pflanzen gerne ausgraben, nicht genannt wird, ist – wenn auch ganz leise – viel zu hören: Es zirpt, summt und brummt. Der Besucher muss ganz genau hinschauen, um die vielen winzigen Tagfalter und Wildbienen, Heuschrecken und Käfer zu entdecken, die sich hier in der Blütenpracht einer Wiese mit seltenen Pflanzen wie dem Pfeifengras tummeln. „Der Ameisenbläuling“, ruft Birgit Höra, Expertin für ökologische Ausgleichsmaßnahmen bei der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Rosenheim, begeistert. Der Schmetterling ist eine Seltenheit, denn er legt seine Eier nur im Wiesenknopf ab und lebt in einer Symbiose mit einer Ameisenart. Im Gras ist auch der ebenso grasgrüne Warzenbeißer zu entdecken – allerdings nur für geübte Augen. Die hat Helmut Stadler, Geschäftsleiter im Ameranger Rathaus. Er hat in den vergangenen Jahren, in denen er sich intensiv mit der ökologischen Aufwertung beschäftigt, sein Auge für die kleinen Wunder der Natur geschärft. Und tauscht mit Begeisterung seinen Bürostuhl regelmäßig gegen den Arbeitsplatz Natur.
Johannes Demmel, von der Gemeinde mit der Pflege und Entwicklung vieler Flächen beauftragt, ist hier unter freiem Himmel jeden Tag unterwegs. Er interessiert sich als gelernter Tierpfleger eher für die Reptilien, die auf den aufgewerteten Flächen wieder eine Heimat finden. Entdeckt er eine Kreuzotter, hat sich für ihn die schweißtreibende Arbeit im Halfinger Freimoos gelohnt.
Es drohte durch fehlende Nutzung nach der Aufgabe des Torfstichs und der Beweidung sowie durch Entwässerung zu verlanden: Der Faulbaum breitete sich aus. Die Landschaft verbuschte. „A und O jeder Kreatur sind Sonne und Wasser“, sagt Demmel. Er hat sich in den vergangenen Jahren deshalb durch einen Urwald hindurchgekämpft, um Bäume und Büsche zurückzudrängen – oft mit der bloßen Hand, denn im noch immer nassen Moorboden wäre schweres Gerät versunken.
In Ullerting hat Demmel mit Unterstützung seines Sohnes Elias beispielsweise eine eintönige Fläche, die von Springkraut und Schilf bewuchert war, in eine vielfältige verwandelt – mit mageren Wiesen und Wassersenken, mit Stellen, die Verstecke für brütende Vögel bieten und sie vor Fressfeinden schützen und Arealen, in denen sich die Eidechse ungestört sonnen kann. Im Sommer ziehen Schwalben ihre Kreise, hier fühlt sich sogar die Haselmaus wohl.
An der renaturierten Murn ist es die Bachmuschel, die optimale Lebensbedingungen gefunden hat. Die Murn kann sich dank abgeflachter Ufer mehr entfalten als in begradigten Strecken. Viele Libellen tummeln sich über der Wasseroberfläche, 600 Meter entlang des Ufers pflegt beidseitig ein Landwirt die Randbereiche.
Die Bauern sind in Amerang mit im Boot, wenn es um die Pflege der Biotopflächen geht – entweder beauftragt durch die Gemeinde oder den Landschaftspflegeverband und auch über Vertragsnaturschutzprogramme. Das bei der Mahd gewonnene Streu wird mittlerweile gerne abgenommen – als Futter und Einstreu.
Paradiese erleben auf dem Moorlehrpfad
Auch die Bürger können die Naturparadiese erleben – unter anderem auf dem von Amerang und Halfing 2010 eröffneten Moorlehrpfad. Gut so, findet Landschaftspleger Demmel, „die Menschen suchen die Natur, der Freizeitdruck auf die Landschaft wird immer größer. Wir können die Natur, so schützenswert sie auch ist, den Menschen nicht vorenthalten. Deshalb müssen wir die Wege kanalisieren.“ Er stellt ebenso wie Höra und Stadler fest: „Was wir nicht kennen, schützen wir nicht.“ Auch deshalb gibt es auf dem Lehrpfad viel Information für Wanderer.