100 Jahre Licht und Kraft

von Redaktion

Technische Pioniere Die Elektrizitätsgenossenschaft Samerberg feiert Jubiläum

Samerberg – Die Elektrizitätsgenossenschaft (EG) Samerberg kann auf eine hundertjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Im Herbst 1919 schlossen sich tatkräftige Bürger zusammen und gründeten eine Genossenschaft, um ihre Heimat mit Licht- und Kraftstrom zu versorgen. Treibende Kraft bei diesem Unternehmen war Geistlicher Rat und Dekan Josef Dürnegger, der seit 1909 die Pfarrei Törwang betreute. Dürnegger war vielseitig interessiert und umtriebig. Neben seinen geistlichen Pflichten war er unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender des Darlehenskassenvereins und hatte eine ausgeprägte Neigung für technische Neuerungen.

Gebirgsbach

als Kraftquelle

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte er mehrere Vorstöße unternommen, das Wasser des Floderers zur Erzeugung von elektrischer Energie zu nutzen. Dieser Gebirgsbach entspringt auf der östlichen Seite des Heubergs auf einer Höhe von 800 Metern über Normalnull (NN) und fließt im Mühltal auf etwa 565 Metern über NN mit der Ache zusammen.

Die Verhandlungen mit den Anrainern, die am Floderer Mühlen betrieben, waren jedoch schwierig und der Erste Weltkrieg brachte andere Sorgen mit sich. Erst als Petroleum und Spiritus nach dem Krieg immer teurer wurden, nahm das Projekt konkrete Gestalt an.

Im Sommer 1919 ließ Dürnegger von dem Münchner Ingenieurbüro Hallinger Pläne zeichnen, die unterhalb der Sägmühle einen Stauweiher in Leger und ein Kraftwerk unterhalb der Gernmühle vorsahen. Dieser Plan ließ sich realisieren: Am 5. Oktober traten 189 „Anwesensbesitzer“ der Genossenschaft bei und zeichneten 710 Anteile im Wert von mehr als 350000 Mark. Erster Vorstandsvorsitzender war Josef Bogenhauser, Bauer aus Oberleiten. Dem Aufsichtsrat saß Pfarrer Dürnegger selbst vor.

Im Herbst 1919 begannen die Arbeiten am Stauweiher in Leger, an der Druckrohrleitung, die das Wasser vom Weiher in Leger ableitete, und am Kraftwerk Gernmühle. Im September 1920 erzeugte die Anlage mit einer Turbine samt Generator den ersten Strom.

Mittlerweile ging von der fortschreitenden Inflation jedoch eine ernste Gefahr für das gesamte Projekt aus: Die Kosten waren inzwischen auf gut zwei Millionen Mark angestiegen. Die Genossen entschieden sich für die Fortsetzung des Unternehmens auch unter schwierigen Bedingungen und bezahlten die zweite Maschine mit Naturalien in Form von Vieh und Holz.

2000 Glühbirnen und 70 Motoren am Netz

Das E-Werk in Gernmühle versorgte die Dörfer, Weiler und Einöden auf dem Samerberg von Roßholzen bis Frasdorf mit Strom. 1921 waren bereits 2000 Glühbirnen und 70 Motoren an das Netz, das aus 70 Kilometer Freileitung bestand, angeschlossen. 1930 konnte man das Kraftwerk in Sägmühle erwerben und somit die Gesamtleistung ausbauen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete die Genossenschaft im Mühltal ein weiteres kleines Werk mit einer Turbine und plante die Erweiterung des Kraftwerkes in Sägmühle, um den wachsenden Strombedarf zu decken. Die Genossenschaft betrieb eigenverantwortlich das Netz und war daher für die Stromversorgung des Samerbergs zuständig.

Mit der Errichtung des Stauweihers an der Duftbräubrücke und der Erweiterung des Kraftwerkes Sägmühle mit weiteren Maschinensätzen im Jahr 1956 verdoppelte sich die Leistung. Um den stetig steigenden Strombedarf der Samerberger auch weiterhin decken zu können, vereinbarte die Genossenschaft 1962 mit den Isar-Amperwerken den Verbund des genossenschaftseigenen Leitungsnetzes mit dem überregionalen Versorgungsnetz. Bei ungünstigen Bedingungen mit wenig Wasser konnte die EG von da an aus dem Überlandnetz auch Strom beziehen. 1969 verkaufte sie das Netz dann an die Isar-Amperwerke. Seitdem speisen die drei E-Werke der Genossenschaft jährlich bis zu drei Millionen Kilowattstunden klimaneutral vom Floderer erzeugten Strom ins öffentliche Netz ein.

In den folgenden Jahrzehnten galt es, die Anlagen instand zu halten und für die Zukunft fit zu machen. Die Druckrohrleitungen, die im Laufe der Erweiterungen auf eine stattliche Länge von gut zwei Kilometer angewachsen waren, mussten repariert und teilweise erneuert werden: 2013 hatte ein Erdrutsch den Untergrund der Rohrleitung im Abschnitt zwischen Duftbräuweiher und Kraftwerk Sägmühle mitgenommen. Im extremen Steilgelände wurden 450 Meter Rohre neu verlegt. Die Modernisierung der Steuerungsanlagen war eine Zukunftsinvestition der letzten beiden Jahrzehnte. Diese und weitere Maßnahmen konnte Josef Huber, der von 1993 bis 2018 Vorstandsvorsitzender der EG war, mit der Unterstützung von Aufsichtsrat und Vorstand umsetzen.

Verjüngter Vorstand führt in die Zukunft

2018 gab er den Vorstandsvorsitz nach 25-jähriger Tätigkeit ab. Sein Nachfolger Hans Piezinger junior übernahm ein auch für digitale Herausforderungen „gut bestelltes Haus“ und führt die Elektrizitätsgenossenschaft Samerberg mit einem in den letzten Jahren verjüngten Vorstand in die Zukunft.

Offene Tür in zwei Kraftwerken

Am Samstag, 14. September, ist die Öffentlichkeit anlässlich des Jubiläums zum „Tag der offenen Tür“ eingeladen. Von 10 bis 17 Uhr können die Kraftwerke Gern und Sägmühle im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Die Geschichte der Genossenschaft wurde anlässlich des Jubiläums in einer farbig bebilderten kleinen Publikation zusammengefasst, die beim „Tag der offenen Tür“ erhältlich ist.

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