Bad Aibling – Betritt man das Atelier von Christine Krabichler in Thalacker, steht man in einer eigenen Welt. Körbe, Taschen, Wandbilder, Schalen, Kästchen, Skulpturen aus Weide, Binsen und Rinden in allen Formen und warmen Farben so weit das Auge reicht. Flechten ist für die Aiblingerin nicht nur Hobby oder Beruf: „Flechten ist eine Lebenseinstellung.“
Frau Krabichler, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Sieg beim Weltflechtfestival. Wie lang war denn der Weg von Ihren Flechtanfängen bis zum Siegertreppchen in Nowy Tomysl?
Angefangen hat alles mit einem Flechtkurs, den ich bei der Volkshochschule in Bruckmühl belegt habe. Der Korb, den ich damals geflochten habe, wurde gar nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er hängt hier an der Wand – zusammen mit einem Foto, wie er eigentlich hätte aussehen sollen. Als Motivationshilfe für meine Kursteilnehmer und auch für mich.
Und ab diesem Moment wollten Sie es wissen?
Mich hat es dann einfach interessiert, welche Techniken es gibt, wie man mit den verschiedenen Materialien arbeitet, wie man seine Ideen umsetzen kann, was andere machen. Ich fing an, Kurse zu besuchen, hier in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas – in den Niederlanden, Großbritannien, Spanien, Dänemark, Frankreich und anderen. In ein paar Wochen werde ich nach China reisen, um zu sehen, wie dort geflochten wird. Das werden wieder ganz neue Erfahrungen. Der dort verwendete Bambus wächst hier ja nicht.
Wie oft sind Sie denn in Sachen Flechten pro Jahr unterwegs?
Vier- bis fünfmal im Jahr bin ich schon auswärts. Bei Kursen, bei Treffen und Märkten. Das sind auch Kontaktstellen, bei denen man sich mit anderen austauscht und sieht, was alles machbar ist.
Was fasziniert Sie so am Flechten?
Man kann buchstäblich aus nichts etwas machen. Das betrachte ich als Geschenk. Ich brauche eigentlich nur mein Messer, gehe in die Natur, suche und schneide mir Material, wie Gräser oder Weiden – nach Absprache mit dem Eigentümer – und flechte vor Ort einen Korb, mit dem Sie morgen einkaufen können. Beim Flechten gebe ich ganz einfachen Dingen eine Würde und Achtung.
Was ist Flechten für Sie? Hobby? Beruf?
Tatsächlich ist Flechten für mich eine Lebenseinstellung. Es ist ein uraltes Handwerk. Keine Maschine der Welt flicht einen Korb. Etwas Geflochtenes ist immer etwas Individuelles mit einer besonderen Ausstrahlung. Ecken und Kanten dürfen sein. Leidenschaft gehört dazu. Wenn etwas ohne Leidenschaft und Freude gemacht wird, wenn jemand verkrampft an etwas herangeht, dann hat das Werk keine Ausstrahlung.
Aber einfach so drauf loszuflechten liegt auch nicht jedem. Ein gewisses Talent braucht man dafür doch auch?
Man kann es einfach mal ausprobieren, auch die einfachen Dinge. Viele interessieren sich dafür und kommen zu mir, beispielsweise zum Geburtstagsflechten. Letztens hat eine Dirndlgruppe eine Wand für eine Braut gemacht, die sehr schön geworden ist. Was natürlich nicht geht, ist, sich einfach in einen Kurs zu setzen und nach ein paar Stunden seine ganzen Weihnachtsgeschenke gefertigt zu haben. Im Kurs ist das Tun wichtiger als das Objekt.
Wie sehen Sie die Zukunft des Flechtens?
Mein Eindruck ist, dass konventionelle Massenflechtware an kreativer Ausstrahlung verloren hat und deshalb nicht mehr so gefragt ist. Auch was Deko angeht, höre ich, dass viele Menschen mittlerweile etwas gesättigt sind. Es gibt in Europa nur noch zwei Schulen für Flechtwerkgestalter – eine in Lichtenfels und eine in Frankreich. Doch das Handwerk ist wieder am Aufsteigen und ich glaube, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht ist. In Zukunft wird es aber viel mehr in Richtung Kunst und Kreativität, auch im Bereich von Gebrauchsgegenständen, gehen. Davon bin ich überzeugt.
Wie man jetzt auch beim Weltflechtfestival in Polen gesehen hat?
Ja, das ist eine unglaubliche Vielfalt, der man dort begegnet. Jeder hat seinen ganz eigenen Stil, an dem man ihn erkennen kann. In Polen waren wir 120 Teilnehmer – das ist schon beeindruckend: So viele Gedanken und Kreativität auf kleinstem Raum.
Wussten Sie schon vorher, was Sie dort gestalten würden?
Eigentlich wollte ich dort eine Tasche aus Spiralgeflecht machen. Doch dann habe ich mich umentschieden. Dort ist die Weltklasse der Flechter versammelt, da wollte ich etwas Besonderes machen und habe mich für den Lampenschirm entschieden. Als die Jury vorbeikam, habe ich schon gemerkt, dass es was werden könnte mit einem Preis. Ein Lichtobjekt mit interessantem Schattenwurf – das hat schon einen Wow-Effekt.
Diese Lampe bleibt ja in Polen. Ein anderes Modell haben Sie hier in Ihrem Atelier in Gebrauch. Wie sieht es mit Ihren Taschen und Körben aus? Benutzen Sie die auch im Alltag?
Ja, ich gehe damit auch zum Einkaufen. Ich finde, es hat etwas Besonderes, wenn man in solch einem Unikat seine Einkäufe mit nach Hause nimmt. Ich mache das bewusst. Denn ich möchte etwas von dem vermitteln, was solch ein Korb oder eine Tasche bedeuten. Dadurch entstehen dann oft auch interessante Gespräche.
Interview: Eva Lagler