Interkulturell, bevor es das Wort gab

von Redaktion

Bundesverdienstkreuz Professor Dr. Peter Graf aus Söchtenau ausgezeichnet

Söchtenau/Osnabrück – Ausgerechnet am 11. September. An dem Tag, der seit 2001 so negativ besetzt ist, wenn es um das Verhältnis von Orient und Okzident geht. Ausgerechnet am 11. September bekam Professor Dr. Peter Graf aus Söchtenau das Bundesverdienstkreuz. Für seine Verdienste um die interkulturelle Pädagogik, um die Ausbildung von islamischen Religionslehrern.

Große Karriere mit Wurzeln im Chiemgau

Graf, 1943 geboren, lebt seit Jahrzehnten in Söchtenau – eigentlich. Uneigentlich ist es nicht ganz so lang. Denn „zwischendurch“ machte er eine bemerkenswerte wissenschaftliche Karriere. Unter anderem an der Universität Osnabrück, weswegen er im Friedenssaal der Stadt Osnabrück das Bundesverdienstkreuz von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert überreicht bekam.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte mit der Verleihung Grafs langjähriges Engagement in Deutschland für den interkulturellen Dialog. Graf begründete und koordinierte die deutsch-türkische Sommeruniversität in Çanakkale, er war fachlicher Leiter des Projekts „Islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache“ und Berater der Hochschul-Rektorenkonferenz in Sachen Kooperation deutscher und türkischer Hochschulen. Unzählige Publikationen begleiteten seine wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Arbeit.

Zwillingsbruder

ist schuld

Nach Söchtenau kam er wegen seines Zwillingsbruders. Der hatte nach Söch- tenau auf einen Bauernhof geheiratet. Und wie das bei Zwillingen meist so ist: die sind unzertrennlich. Also baute Peter nahe dem Hof, auf den Bruder Josef geheiratet hatte, ein Eigenheim. Für sich, seine Frau Marie und die stetig wachsende Kinderschar. Sechs Töchter und Söhne wurden es. Mutter Marie managte die Familie, Vater Peter pendelte nach München, wo der Theologe und Erziehungswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrte.

1987 hieß es dann einpacken, umziehen. Nach Osnabrück, in den Südwesten Niedersachsens. Einer der Buben wollte nicht mit, verrät Grafs Schwiegertochter Gesche schmunzelnd, „der hat einfach den Schlüssel nicht herausgerückt, er wollte partout nicht in den Norden ziehen.“

Bis 2008 war Graf, der in Lyon und München studiert hatte, Professor für Interkulturelle Pädagogik an der Universität Osnabrück und ist Gründungsmitglied des international renommierten ‚Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Pädagogik‘ der Universität Osnabrück.

Durch seine akademischen Initiativen ab 2003 richtete die Hochschule, unterstützt vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, das Lehrgebiet der „Islamischen Religionspädagogik“ ein. Dieses war der erste akkreditierte Studiengang im Rahmen des Lehramtsstudiums in Deutschland. Seit seinem Bestehen können Lehrer an der Uni Osnabrück einen Abschluss in islamischer Religionspädagogik machen und das Fach „Islamische Religion“ unterrichten. Die Nachfrage nach Lehrern dieses Fachs in Deutschland ist hoch.

Zwischen Duschanbe und Söchtenau

Graf war 2006 reguläres Mitglied der ersten Runde der „Islamischen Religionskonferenz“, welche der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble nach Berlin einberufen hatte. Zudem unternahm er Vortragsreisen in den Nahen Osten und veröffentlichte etliche Bücher. Dabei wies er ebenso früh wie überzeugend auf die Notwendigkeit und die Chancen des Dialogs mit dem Islam hin. Auch im Ruhestand schreibt und arbeitet er weiter. Seine letzten Vortragsreisen führten ihn nach Istanbul, Duschanbe (Tadschikistan) und Kiew.

Vor gut zehn Jahren kehrte Graf nach Söchtenau zurück. Mit seiner Frau Marie. In die Nachbarschaft seines Zwillings. Und seines Bürgermeisters. Mit dabei eine Tochter samt vier Enkeln. Die Großen konnte der stolze Großvater am Tag vor seiner Ehrung zur Einschulung begleiten.

Artikel 10 von 11