Dorfgespräch verbindet Menschen

von Redaktion

Neues Kommunikationskonzept in Frasdorf begeistert beim Auftakt

Frasdorf – „Wir sind seit drei Tagen hier in Frasdorf und haben heute die Gelegenheit gleich beim Schopf gepackt andere interessante Menschen hier im Ort kennenzulernen“, Rudi und Silvia kamen bereits kurz nach ihrer Ankunft in Frasdorf zu den „Frasdorfer Dorfgesprächen“ in die Wildenwarter Schlosswirtschaft, andere mussten über 80 Jahre alt werden, um das erste Dorfgespräch in der Gemeinde Frasdorf zu erleben.

Die Frasdorfer Gemeinderätin und Asylbeauftragte Christine Domek-Russwurm lernte das Projekt aus dem nördlichen Landkreis kennen und fand in der Gemeinde Frasdorf viele Interessierte, die das Konzept miteinander auch in der eigenen Gemeinde ausprobieren wollten. Mit einer Gruppe von 30 Frauen und Männern ging sie an diese selbst gestellte Aufgabe heran, entwickelte das Konzept für Frasdorf weiter und bereitete alles im Saal der Schlosswirtschaft vor.

Eigenleben

erfordert Handeln

Die Gemeinde Frasdorf ist bei der Gebietsreform aus den drei selbstständigen Gemeinden Frasdorf, Umrathshausen und Wildenwart entstanden, die auch über 40 Jahre nach dem Zusammenschluss ein weitgehend eigenes Leben nebeneinander her führen. In allen drei ehemaligen Gemeinden gibt es ein florierendes Vereinsleben, kirchliches Leben, eine funktionierende Dorfgemeinschaft und viele Möglichkeiten der gemeinsamen Freizeitgestaltung. Wegen dieses Eigenlebens sahen die Initiatoren Handlungsbedarf, die Bewohner der 74 Gemeindeteile von Aich bis Zellboden miteinander in Verbindung zu bringen.

Als Moderatorin des „Dorfgesprächs“ wurde Maria-Brigitte Struve, Integrationslotsin und Ehrenamtskoordinatorin vom Fachdienst Asyl/Migration im Caritas Zentrum Rosenheim gewonnen.

Als dann der Saal geöffnet wurde, waren die Veranstalter höchst überrascht über den Zuspruch: Weit über 100 Frauen und Männer aus allen Ortsteilen drängten in den Saal, alle vier großen Ortsteile Frasdorf, Leitenberg, Umrathshausen und Wildenwart waren vertreten. Für manche Frasdorfer war es das erste Mal, dass sie nach Wildenwart kamen; manche wussten gar nicht, dass der Ort zur Gemeinde Frasdorf gehört.

Viele Vereinsvorsitzende und Mitglieder fester Gremien – Frasdorf hat über 50 Vereine – kamen, um sich nach neuen Mitgliedern umzusehen. Auf Befragen der Moderatorin gaben die meisten Besucher an, sie seien aus Neugier gekommen.

Bürgermeisterin Marianne Steindlmüller war höchst erfreut über den regen Besuch, das Vorhaben sei eine Chance die vielen Ortsteile und Weiler der Gemeinde zusammenfinden zu lassen. Hier könnten sich Leute miteinander austauschen, die im wahren Leben nie zueinander finden würden, selbst wenn sie in benachbarten Häusern wohnten. Dieser Abend sei erst der Beginn der Veranstaltungsreihe „Dorfgespräche“, zwei weitere Abende werden noch folgen. Die Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. An den drei geplanten Dialogabenden sollen vor allem Fragen gestellt werden, die nach Möglichkeit weitere Gespräche unter Nachbarn, am Stammtisch, im Verein und im Gemeinderat bringen und neugierig machen sollen auf etwas Anderes oder Ungewohntes.

Struve erklärte das Konzept der Veranstaltung: Entstanden sei die Idee der „Dorfgespräche“ im nördlichen Landkreis Rosenheim in Halfing, Schonstett und Eiselfing. Als die Gemeinden händeringend Personal für die Betreuung der Flüchtlinge suchten, seien sie positiv überrascht gewesen, wie schnell sich aus dem Nichts heraus funktionierende Helferkreise gebildet hätten. Diese bestanden vielfach aus Bürgern, die nicht in das örtliche Geschehen und in keine Vereine eingebunden waren und sichtlich froh waren, auch einmal gebraucht zu werden.

Die Caritas Rosenheim und das Landratsamt Rosenheim entwickelten den Projektansatz für die ländliche gesamtgesellschaftliche Integration weiter und nutzten ihn zur Weiterentwicklung von einfachen Helferkreisen in komplexe Bürgernetzwerke. Damit sollen das Projekt „Dorfgespräch“ und die Integration von Neubürgern in der Bevölkerung weiter verankert und nachhaltig gesichert werden.

Zusätzlich sprangen die Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern, das Bildungswerk Rosenheim, die Erzdiözese München und Freising, sowie das bayerische Staatsministerium des Inneren auf diesen Zug auf und beteiligten sich an den laufenden Projekten.

Gespannt auf

weitere Abende

„Wir haben uns ja gerade noch gefehlt“ – unter diesem Slogan startete der Abend in Wildenwart. Struve griff ganz tief in den altbewährten Werkzeugkasten der Sozialpädagogen, um die Besucher in kürzester Zeit miteinander bekannt zu machen. „Ich habe als Kind nie einen Kindergarten besucht und kannte einen Stuhlkreis nur vom Hörensagen – jetzt kann ich mit 70 Jahren sagen: Ich war dabei und kann mit meinen Enkelkindern mitreden“, freute sich Teilnehmerin Anna. Hans freute sich über die Gespräche im Blind Date Format, die ihm innerhalb von zehn Minuten fünf bisher unbekannte Gesprächspartner vermittelten. „Ich habe heute Leute kennengelernt, denen ich sonst nie begegnet wäre. Den einen oder die andere habe ich schon einmal beim Einkaufen gesehen, aber zu mehr als einem Kopfnicken hat es nie gereicht“. Gemeinderätin Christine Domek-Russwurm zog schon bei der Halbzeit ein ganz kurzes Resümee: „Ich glaube den Leuten gefällt das gut“. Niemand musste reden, aber alle konnten reden.

Für die Vorsitzenden der 50 Frasdorfer Vereine und Institutionen zeigte der Abend, dass es im Ort noch viele Frauen und Männer gibt, die vereinsmäßig nicht gebunden sind, aber irgendwo mitmachen und mitarbeiten wollen, ohne sich an Vereinsstrukturen binden zu müssen. Ihnen müsse die Chance gegeben werden, sich und ihr Können zum Wohle des Dorfes einzubringen.

Auch die beiden Gemeinderäte Lorenz Wollschlager und Gabi Stein, die in Frasdorf federführend das Zukunfts-Projekt „Frasdorf 2030“ bearbeiten, waren angetan von dem Abend und warten gespannt auf die beiden kommenden Veranstaltungen. „Vielleicht können wir bei diesen Veranstaltungen weitere Mitarbeitende für die Frasdorfer Zukunftsplanung gewinnen“, hoffen die Gemeinderäte.

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