Das Wunder von Stephanskirchen

von Redaktion

Erinnerung an den Bombenangriff vor 75 Jahren – Kirche fast vollständig zerstört

Hemhof/Stephanskirchen – Auch 75 Jahre nach dem Bombenabwurf auf Stephanskirchen bei Hemhof am 15. November 1944 – wie durch ein Wunder wurde damals niemand verletzt – haben die Zeitzeugen noch viele Einzelheiten an das grausame Ereignis vor Augen: „Ich höre noch das Jaulen der Flugzeuge, und dann war da ein kurzer Knall, und schon sackte der Kirchturm in sich zusammen.“ „An dem Tag habe ich das Radfahren gelernt, und durch die Wucht der Detonation bin ich mitsamt dem Radl die Böschung hinuntergefallen.“

Sieben Zeitzeugen erinnern sich

Sieben Zeitzeugen, damals noch Kinder, sitzen beim Zeitzeugengespräch, moderiert von Mesnerin Cilli Kriechbaum und dem Pfarrgemeinderatsvorsitzendem Christian Podmirseg, auf der kleinen Bühne des Schulhauses. Ihre Erinnerungen an die Bombardierung wirken noch taufrisch, und so wie es sie erzählen, kann man sich den Ort mit seiner Landkirche St. Rupertus Mitte November 1944 – ein bisschen Schnee war schon gefallen – lebhaft vorstellen.

Engelbert Rothbucher aus Gaben (Jahrgang 36) weiß es noch ganz genau, dass die erste Bombe in das Fundament des Kirchturms einschlug und eine zweite zwischen der Mayer-Wirtschaft und einem Stadel in den Hof beziehungsweise in die Jauchegrube fiel. Es sei schon „ein eigenartiges Gefühl, wenn man sieht, dass der Kirchturm einstürzt.“ Und er kann sich noch erinnern, dass die Scheider-Hartlmutter in der Waschküche an der Friedhofsmauer war. Weder hat sie etwas gehört noch ist ihr irgendetwas passiert, so Rothbucher.

Die 89 Jahre alte Susanne Hartl, geborene Kunsler, die damals noch in Lemberg wohnte, erinnert sich auch nur an einen „Rumpler“. Die 85-jährige Cilli Kunsler, geborene Rotter, die damals noch in Schlicht wohnte, hat noch heute in lebhafter Erinnerung, dass das ewige Licht immer noch gebrannt hat. „Das ist nicht verloschen.“

Der Pfarrer als Lebensretter

Allen gemein ist die Erinnerung daran, dass sie, die Schulkinder, es eigentlich dem damaligen Pfarrer Johann Hinterholzer (1907-1996) zu verdanken haben, dass sie damals mit dem Leben davon kamen. Denn der Religionsunterricht fand damals in der Kirche statt, und da der Geistliche schon den ganzen Morgen über so ein ungutes Gefühl gehabt haben soll, habe er die Kinder schon um 11 Uhr statt eine Stunde später nach Hause geschickt. „Dabei hat’s doch erst um 12 Uhr Mittagessen gegeben“, entfährt es Otto Dauer, der beim Bombenabwurf elf Jahre alt war.

Den vielen Zuhörern, die bis dahin atemlos den Erzählungen der älteren Generation gelauscht haben, entfährt ein Lacher, aber so wird es schon gewesen sein. Ein Bombeneinschlag mag aufregend sein – das Wunder, dass niemandem etwas passierte, mag für Kinder wenig bedeuten, da zählt ein Mittagessen schon mehr.

Cilli Kriechbaum hat eine kleine Sammlung an Zeitzeugenberichten zusammengetragen. Darin kommen beispielsweise Gustl Schachner, damals Lehrer an der Volksschule Stephanskirchen und als Heimatforscher verantwortlich für die „Chronik von Hemhof und Hartmannsberg“, Cilli Kriechbaums Vater, Sepp Kunsler, und Maria Antl, geborene Harth zu Wort. Sie alle berichten vom Bombenabwurf, aber auch von der Zeit danach. Und da wohnt allen Erzählungen und Berichten der noch lebenden Zeitzeugen auch wieder ein Wunder inne: Wie die Dorfgemeinschaft, auch dank vieler helfender Hände aus benachbarten Dörfern und dank des meist kostenlos bereitgestellten Baumaterials, binnen kürzester Zeit ihre Kirche samt Kirchturm wieder aufgebaut hat.

Heilige Messe am Tag nach dem Einschlag

Schon am Tag nach dem Bombenabwurf habe der Pfarrer um den übrig gebliebenen Altarraum die heilige Messe gefeiert, und schon zu Weihnachten habe man im notdürftig mit Holzbrettern ausgekleideten Altarraum die Christmette gefeiert. „Und das war so schön, wir alle als Gemeinde eng beieinander“, erinnert sich Engelbert Rothbucher mit Tränen in den Augen.

Die Senioren auf der Bühne haben auch noch lebhaft vor Augen, dass der Turm noch ohne Gerüst und Sicherung aufgebaut wurde und dass Beton verwendet werden musste, weil nicht genügend Ziegel zu bekommen waren. Und dass der Wiederaufbau der Kirche nicht einmal zwei Jahre gedauert habe. Im Kirchenführer kann man nachlesen, dass der Kirchturm am 24. September 1948 wieder aufgerichtet war, sodass das Kreuz feierlich aufgestellt werden konnte.

Baumaterialien sehr
schwer zu bekommen

Im Kurzbericht der OVB- Heimatzeitungen ist am 28. September 1950 vermerkt, dass am Rupertisonntag die Kirche der Gemeinde Hemhof nach jahrelanger vorbildlicher Gemeinschaftsarbeit wieder ihrer Bestimmung übergeben wurde. Im Schulhaus selbst hat Cilli Kriechbaum eine kleine Ausstellung zusammengetragen, auf der auf Schautafeln das Ausmaß der Zerstörung der Kirche und der schnelle Wiederaufbau dargestellt sind. Eine unglaubliche Leistung, weil sich viele Baumaterialien bis zur Währungsreform 1948 nur mühsam und höchstens durch Tauschhandel mit Lebensmitteln beschaffen ließen. Die Bevölkerung trug mit Spenden und freiwilliger Mitarbeit zum Wiederaufbau der Kirche bei. Eine offizielle Sammlung im Landkreis erbrachte sogar 18.175,43 Reichsmark.

Pfarrer Klaus Hofstetter aus Prien hatte im feierlichen Erntedankgottesdienst vor der Dankfeier und dem Pfarrfest die passenden Worte für das Wunder von Stephanskirchen: „Für uns Jüngere unvorstellbar.“

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