Oberaudorf – Das 120-jährige Gründungsjubiläum ließ sich der Obst- und Gartenbauverein trotz des schlechten Wetters am vergangenen Wochenende nicht vermiesen. Vorsitzender Franz Hefter blickte bei seiner Begrüßung in der Kurhalle auf reich gedeckte Tische, auf denen verschiedene Apfelsorten ausgestellt waren.
Damit alles klappte, hatte der Verein seine Vorbereitungen bestens erledigt. Sowohl im Innen- wie auch im Außenbereich waren eine Vielzahl an Ständen und Schaustationen aufgebaut, alles rund ums Thema Garten und die Früchte, die er hervorbringt. Schon auf dem Vorplatz des Rathauses zog eine große bunte Kunststoff-Kuh vor allem die jungen Besucher magisch an, konnte man doch an ihrem Euter die ersten Melkversuche unternehmen. Daneben ließen sich Schafe streicheln und so manches sinnvolle und schöne Accessoire von regionalen Händlern konnte erworben werden.
Frisch gepresster
Saft mit Muskelkraft
Inmitten des Platzes war eine tonnenschwere Saftpresse aufgebaut, die ständig umlagert war. In ihr wurde aus heimischen Äpfeln mit Muskelkraft, Ausdauer und Fachwissen bester Apfelsaft gepresst, der auch gleich verkostet und erworben werden konnte. Aus rund 30 Kilogramm Äpfeln von den Gärten der Vereinsmitglieder wurden rund 15 Liter Saft gepresst, der, ob gefiltert oder naturtrüb, den Besuchern sehr gut schmeckte. Der übrig bleibende Trester (Maische) wird als Viehfutter oder zur Düngung verwendet, es bleibt also nichts übrig bei der Presserei.
Nebenan zeigte ein Rechenmacher sein handwerkliches Geschick. Hölzerne Rechen, heute eher eine Seltenheit, wurden von ihm gefertigt, aber auch mitgebrachte beschädigte Stücke wieder auf Vordermann gebracht.
Eine äußerst intelligente Erfindung, der Rollblitz, erleichtert das Aufsammeln von Nüssen und anderem, auf der Erde liegenden Kleinobst wie Pflaumen. Mit dem einem Ball ähnelnden Drahtkorb werden diese sauber, zeitsparend und vor allem rückenschonend vom Boden aufgesammelt, das machte sogar den Kleinen enormen Spaß.
Produkte aus Zirbenholz waren zu bestaunen und zu erwerben, wie auch Bänke aus Holz und allerlei sonstige selbstgemachte hölzerne Haushaltsutensilien. Eine Oberaudorfer Bergbäuerin stellte ihren Käse aus der Milch heimischer Kühe zur Schau, Informationen zur Herstellung gab es von ihr gratis dazu. So wird in einem aufwendigen und viel Zeit erfordernden Verfahren aus gut zehn Litern Milch ein Kilo Schnittkäse hergestellt, was den Preis dieses Milchprodukts erklärt.
Fleißige Spinnerinnen zeigen ihr Können
Neben einem heimischen Imker, der zusammen mit allerlei wichtigen Informationen rund um die Biene auch mit frischem Honig aufwarten konnte, saßen drei Spinnerinnen der „Spinngruppe Oberaudorf“, die seit gut zehn Jahren auf ihren Spinnrädern „spinnen“. Ob Wolle vom Schaf, Kamel oder Lama, alles wurde von ihnen schon zu schönen Kleidungs- und Schmuckstücken gesponnen.
Die naturbelassene Wolle selbst konnte für Häkeln, Sticken, Weben oder Stricken erworben werden.
Die Sinne und den Geschmack sprachen die Hersteller von Walnussöl an, die auch duftende Brotaufstriche, farbenfrohe Liköre und allerlei Eingemachtes zum Kauf anboten. Alles zusammen mit vielfältigen Informationen rund um die Produkte, deren Anbau und die Verarbeitung.
Im Kursaal bogen sich geradezu die Tische unter der Last tausender von Äpfeln, die zur Begutachtung und Bestimmung bereit lagen. Obstbau-Expertin Maria Seidinger aus Ebersberg, die ihren Worten nach eher zufällig zu der Veranstaltung gekommen war, wurde vom Vorsitzenden Franz Hefter sogleich um die fachmännische Bestimmung vieler Äpfel gebeten. „Wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich helfen“, sagte Seidinger.
Im Rahmen des Jubiläums waren beim samstäglichen Festabend Fachvorträge verschiedener Referenten zum Thema Garten- und Obstanbau stark nachgefragt und auch das Rahmenprogramm mit Auftritten der „Brünnsteinzwerge“ und der Trachtenkinder begeisterte die Gäste.
Am Erntedanksonntag dann war der Obst- und Gartenbauverein im Rahmen des Vereinsjahrestags mit dabei und sorgte auch für das leibliche Wohl. Die musikalische Unterhaltung übernahm die „Luegstoa Blosn“. Am darauffolgenden Montag hatten die Oberaudorfer Schulkinder die Möglichkeit, die Obstausstellung und die verschiedenen Gerätschaften und Erzeugnisse kennenzulernen.
„Den höheren Preis transparent machen“
Hefter sieht über das Jubiläum der Obst- und Gartenbauer schon hinaus. „Wir müssen die Arbeit unserer Vorgänger weiterführen, unser Garten soll letztlich der Selbstversorgung dienen“, so das erklärte Ziel. Dazu bedarf es seiner Meinung nach wichtiger Hinweise auf die Bedeutung des Obstes und der Produkte daraus, „die wir auch durch unsere Ausstellung aufzeigen wollten. Denn die zeit- und arbeitsintensive Aufbereitung des Obstes und der Milcherzeugnisse bedeutet viel Arbeit und mit der Information darüber wollen wir auch den höheren Preis für diese Produkte transparent und akzeptabler machen“.
Ein besonderes Augenmerk legen er und seine Vereinsmitglieder auch auf die „Amerikanisierung der Landschaft“, also die zunehmende Zersiedelung und Flächenversiegelung der Region. „Das ist so wie bei einem alten Baum, der kontinuierlich von innen ausgehöhlt wird und irgendwann umfällt und dann tot ist“.