Kiefersfelden – Einen überraschenden Ansturm löste in Kiefersfelden ein von der Unabhängigen Wählergemeinschaft UW organisierter Baustellenbesuch beim derzeit in Umbau befindlichen ehemaligen Gasthof Bergwirt aus. Eine große Anzahl Interessierter aus Kiefersfelden drängte sich im schon weitgehend entkernten Gebäude. Es ließ sich schon gut erkennen, wie der legendäre alte Bergwirt künftig aussehen soll. Altbekannt und doch mit veränderten räumlichen Lösungen. Dieses Mischkonzept löste bei vielen Besuchern Begeisterung aus. „Mein Gott, der Bergwirt, was haben wir hier für rauschende Faschingsbälle gefeiert“, war oft zu hören, oder „hier haben wir vor 40 Jahren geheiratet“, wieder andere schwärmten vom „Fassbier aus dem Felsenkeller“, dem „herrlichen schattigen Kastanien-Biergarten“ oder dem „Jägerstüberl“. Erinnerungen, die wieder lebendig werden sollen. „Ich will den Bergwirt als bayerisches Wirtshaus führen, will Bewährtes erhalten und die 21 bisherigen Gästezimmer modern und funktionell umgestalten“, berichtete der neue Besitzer Tino Anker.
Zimmer ohne
Schnickschnack
Der Elektrotechniker aus Oberaudorf hat schon mit dem Umbau des „Gasthof zum Brünnstein“, am Bahnhof Oberaudorf, bewiesen, dass er alten Gemäuern behutsam und wirkungsvoll neues Leben einhauchen kann. Anker und seine Lebens- und Geschäftspartnerin Bärbi Fürbeck aus Oberaudorf, die große Erfahrung aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe mitbringt, wollen den Bergwirt trotz vieler Neuerungen bodenständig und traditionell führen. Die Gästezimmer werden komplett umgebaut. „Wirwollen Zimmer anbieten, in denen sich Menschen auch ohne Schnickschnack wohlfühlen, und wir gestalten einen Teil davon als Familienzimmer“, schwärmt Fürbeck bei der Führung durch die noch im Rohbau befindlichen Räume in den zwei oberen Stockwerken.
Über 15 Jahre lang stand die ehemalige Wirtschaft am Kieferbach leer, trotz idealer Lage direkt an der Hauptdurchgangsstraße. Der frühere Besitzer konnte sich nach dem Kauf des Bergwirts, mit der Gemeinde Kiefersfelden jahrelang auf keine dauerhafte gastronomische Nutzung einigen. Diese war aber die Vorgabe für eine weitere Nutzung des Gebäudes.
Kiefersfeldens Bürgermeister Hajo Gruber, UW, ließ da, mit voller Unterstützung des Gemeinderats, nicht locker. Das führte letztendlich zum neuerlichen Verkauf des bisher nur notdürftig renovierten Gebäudes. Der Bürgermeister persönlich hatte sich auf die Suche gemacht und fand heuer tatsächlich mit Tino Anker und Bärbi Fürbeck ein wagemutiges einheimisches Wirtepaar, das den Bergwirt kaufte und jetzt mit viel Elan wiederbeleben will.
„Ich halte diese Lösung für einen Glücksfall“, schwärmte Bürgermeister Gruber und berichtete, wie er schon länger die neuen Besitzer im Visier hatte und sie durch beharrliches Werben letztlich überzeugen konnte, den großen Sprung zu wagen.
Der neue Bergwirt will mit einer Mischung aus Bewährten und sinnvollen Neuerungen glänzen. Der große Saal mit seinen über 220 Plätzen wird wiederbelebt, das „Jägerstüberl“ bleibt als gemütliche Gaststube, ein offener Küchenbereich entsteht und die Gemeinde Kiefersfelden erteilte die Genehmigung eines Sanitäranbaus auf der rückwärtigen Seite des Gebäudes.
So können die Toiletten aus dem Keller verlagert werden. Mit dem Einbau von Liften wird das Haus barrierefrei umgestaltet. Der beliebte Kastanienbiergarten, der sich weiterhin direkt am Haus über zwei Terrassen am Hang erstrecken wird, bekommt zusätzlich einen großen Kinderspielplatz. Erhalten bleibt natürlich der legendäre Fassbier-Keller im felsigen Untergrund, der schon früher ein Markenzeichen des Bergwirts war.
1860 ist das Gebäude des Bergwirt erstmals im Grundbuch von Kiefersfelden verzeichnet, damals noch als Wohngebäude mit Einzelzimmern. 1905 war daraus mit dem Wild`scher Lagerkeller schon ein Wirtshaus geworden, benannt nach dem Bierlieferanten Wildbräu Grafing und im Besitze der Familie Schlederer, die noch heute die dortige Brauerei führt. In Kiefersfelden wechselten dann aber mehrfach die Besitzer des Wirtshauses, das ab 1914 als Bergwirt firmierte.
Die Lage am Hang und der schöne Blick zum Zahmen Kaiser waren da wohl die Namensgeber.
Die Uroma wohnte
schon im Bergwirt
Am 1. Januar 2021 soll der Bergwirt wiedereröffnet werden, versprach Tino Anker, der sehr viel Eigenarbeit in den Umbau stecken will. Anker, seit vielen Jahren auch Vorsitzender der im Motorsport höchst erfolgreichen „Motor- und Touristikgemeinschaft MTG Kiefersfelden“, will Ende 2020 die große Weihnachtsfeier seines MTG als Generalprobe nutzen.
Anker verriet auch, dass es für ihn auch eine besondere familiäre Bindung an den Bergwirt gibt. Seine Uroma väterlicherseits wohnte ab 1922 mit ihrem unehelichen Kind in einem Einzelzimmer im Bergwirt.