Söchtenau – Mails checken, Nachrichten versenden, Anrufe tätigen – für viele ist das Handy heute nicht mehr wegzudenken. Gleichzeitig gibt es nach wie vor jede Menge Funklöcher in der Region. Sogenannte „weiße Flecken“, die das Bayerische Wirtschaftsministerium gerne von der Landkarte verbannen würde. Auf einem dieser Flecken lebt Günther Betzl mit seiner Lebensgefährtin Christa Ostle: in Schwabering, Gemeinde Söchtenau. Und er ärgert sich ungemein, dass von Seiten des Gemeinderates seit Jahren jeder Versuch, den technischen Fortschritt auch in das kleine Dorf zu bringen, verweigert wird.
Landauf, landab wird es derzeit wieder diskutiert: das Thema Mobilfunk. Die Bundesregierung möchte den Bau der Mobilfunkmasten vorantreiben. Funklöcher sollen verschwinden.
Doch das dürfte viel Arbeit bedeuten: Allein in Bayern weisen 916 Gemeinden laut einer Versorgungskarte des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie „weiße Flecken“ auf.
Ein klassisches Funkloch: Schwabering. Das Dorf hat weder einen eigenen Mobilfunkmast, noch reicht die Höhe des Söchtenauer Mobilfunkmastens aus, um dort einen ausreichenden Handyempfang zu bekommen. Ein Umstand, der Anwohner Betzl seit Jahren verärgert. Die Funkmobilität in Schwabering ist seiner Ansicht nach ein „unzumutbares Fiasko“. Telefonieren sei nahezu unmöglich und um eine SMS-Nachricht zu versenden, müsse er zehn Minuten lang im Garten auf und ab rennen, um überhaupt ein Netz zu bekommen. „Wenn ein Notfall eintritt und bei einer Störung das Festnetz auch noch ausfällt, ist man aufgeschmissen“, sagt Betzl.
Verärgerung
ist groß
So einen Fall hat es im Frühjahr offenbar schon gegeben: Bei einer Nachbarin sei der Festnetzanschluss vier Wochen lang ausgefallen, schildert Betzl. Sie aber musste erreichbar sein, weil deren 90-jährige Mutter, die in Rosenheim lebt, krank war. Also habe sie in dieser Zeit den Festnetzanschluss der Betzls mitbenutzt, um ihre Mutter überhaupt erreichen zu können. Denn telefonieren via Handy: Fehlanzeige in Schwabering.
Ein Unding, waren sich Betzl und seine Nachbarin einig – und sie wandten sich Anfang September an Bürgermeister Sebastian Forstner. Mitte Oktober war die Angelegenheit schließlich Thema im Gemeinderat. Doch das Gremium war sich weitgehend einig: Bis auf den Bürgermeister lehnten die Gemeinderäte den Ausbau der Mobilfunktechnik im südlichen Gemeindegebiet einhellig ab.
Günther Betzl ärgert sich – und Bürgermeister Forstner ist verwundert. Bundestag und Landtag hätten ganz aktuell beschlossen, den Bau von neuen Mobilfunkmasten zu unterstützen. „Und wir in Söchtenau sollen das verhindern?“. Aufgrund seiner beruflichen Erfahrung als Polizist wisse er, Forstner, dass Mobilfunk „einfach notwendig“ sei. Zum Beispiel für Rettungsdienste. „Da reicht es eben nicht, sich immer auf den in der Vergangenheit veranlassten Glasfaserausbau zu berufen“, findet Forstner.
Entgegen dem Trend bewegt sich der Söchtenauer Gemeinderat auch in Sachen öffentliches WLAN: Auf der Bürgerversammlung im Frühjahr dieses Jahres hatte sich eine Bürgerin über das öffentliche WLAN am Rathaus beschwert. Immer wieder würden sich dort Kinder herumtreiben, wegen des WLANs. Das Thema landete im Gemeinderat – und dieser beschloss mit knapper Mehrheit: Das WLAN am Rathaus soll abgeschaltet werden (8:7 Stimmen). Die Begründung? „Das sei schädlich für die Kinder, das brauche es nicht“, fasst Forstner den Tenor der Gemeinderäte zusammen.
Was treibt die Söchtenauer Gemeinderäte um, sich gegen den Mobilfunkausbau zu stellen? Wir haben in den einzelnen Fraktionen nachgefragt. Einer, der gegen einen Funkmast gestimmt hat, ist Alfred Martin von der Bürgerinitiative Söchtenau. „Wir sind der Meinung, dass das Glasfasernetz reicht“, erklärt er.
Auch die Deutsche Bahn war bereits zweimal auf den Gemeinderat zugekommen, erinnert sich Martin. Dieser sollte bei der Suche nach einem geeigneten Standort für einen Funkmast helfen. Damit wäre auch ein Teil des südlichen Gemeindegebietes mit abgedeckt worden. Aber der Gemeinderat habe die Anfrage abgelehnt, zuletzt mit nur einer Gegenstimme. „Weil wir uns den Schuh nicht anziehen wollen“, stellt Martin klar. Die Gemeinde wolle nicht schuld sein, wenn es hinterher Beschwerden von den Bürgern gebe. Funkmasten sind seiner Meinung nach nicht unbedenklich, noch dazu in der geplanten Vielzahl.
Alfred Martin wohnt in Schwabering und weiß, dass man dort nicht überall guten Handyempfang hat. Er selbst besitzt kein Handy, nur seine Frau. Und wenn diese telefonieren möchte, gehe sie eben an ein bestimmtes Fenster im Haus, beschreibt es Martin ganz pragmatisch.
Lorenz Loy von der Freien Wählerschaft Söchtenau ist kein Gegner von Handys, wie er sagt, im Gegenteil: Er sei froh, dass es in Söchtenau einen Mast gebe, erklärte er auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Dennoch hat er gegen einen Mast gestimmt. Der Grund? Nur wenige Bürger wollten einen Funkmast, erklärt Loy. Stehe der Mast dann da, sei am Ende die Gemeinde schuld.
Ebenfalls gegen den Mobilfunkausbau: Bernhard Summerer von der Wählergruppe Schwabering. Er hält die Strahlungen, die möglicherweise von einem Funkmast ausgehen, für gefährlich. Summerer wohnt im kleinen Weiler Innthal und hat zwar selbst ein Smartphone, nehme dieses aber selten her, wie er betont. Den Unmut der Bürger, die im Funkloch sitzen, kann er nachvollziehen. „Ich glaube aber, dass die Mehrheit der Bürger dem Thema Mobilfunk eher skeptisch gegenübersteht.“
Weiße Flecken
schließen
Bürgermeister Forstner hält dagegen: „Die schweigende Mehrheit möchte Mobilfunk“, ist er sich sicher. Laut würden aber immer nur diejenigen, die keinen Mobilfunk haben möchten.
Das Wirtschaftsministerium zumindest will die „weißen Flecken“ bayernweit schließen und bietet den Kommunen Zuschüsse – bis zu 80 Prozent der Kosten – für neue Mobilfunkmasten an. Maximal: 500000 Euro. Pro Jahr stünden 20 Millionen Euro an Fördermitteln bereit. Laut Ministerium haben bereits 32 Gemeinden einen Fördervorbescheid erhalten, über 400 hätten ihr Interesse bekundet.
Bürgermeister Forstner ist überzeugt, dass auch seine Gemeinde in den Genuss der Fördergelder kommen könnte. Aber die Einstellung der Gemeinderäte zu diesem Thema, die kenne er ja bereits.