„Lieber bairisch sterben als verderben“

von Redaktion

Gebirgsschützenkompanie gedenkt der Gefallenen von 1705 am Magdalenenberg

Wasserburg – „Bald lag da einer ohne Hand oder Arm, dem andern war der Kopf zerspalten, wieder einem anderen der Hals oder Bauch dermaßen entzwei gehaut, daß die Gedärme klafterweise auseinander hingen. Einigen war die Hirnschale zerschossen, während das Gehirn neben dem Kopf ellenweit davon lag“, schrieb Johann Veit Kornreuther an den Pfleger der Stadt Wasserburg, Freiherr von Pienzenau, der in München weilte, am 23. November 1705.

Er meldete Details der Schlacht am Magdalenenberg, die für die aufständischen Bauern des Oberlandes gegen die feindlichen kaiserlichen Truppen in einem Gemetzel endete. Die Stadt Wasserburg und die Gebirgsschützenkompanien Rosenheim, Endorf und Hofmark Söllhuben gedenken am heutigen Freitag der Gefallenen. Um 18.45 Uhr stellen sich die Kompanien und Fahnenabordnungen vor dem Rathaus am Marienplatz auf.

Blutiges Ende in
der Mordweihnacht
von Sendling

„Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderben“, war der Leitspruch der Bürger und Bauern, die sich 1705 gegen die verhassten österreichischen Besatzer auflehnten. Der Aufstand fand ihr blutiges Ende in der Mordweihnacht von Sendling. Auch am Magdalenenberg in Wasserburg spielten sich am 23. November 1705 grauenvolle Szenen ab, als die kaiserlichen Truppen die Wasserburger Bauern und Bürger im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges niedermetzelten.

Der ehemalige Kreisheimatpfleger Ferdinand Steffan ist mit seinem Aufsatz „Kriegsnöte in Wasserburg anno 1704-1705, Ereignisse um die Bauernschlacht am Magdalenenberg“ im Jahrbuch des Heimatvereins tief eingetaucht in die Quellen.

Bayern war im frühen 18. Jahrhundert zum Kriegsschauplatz der streitenden Parteien geworden. Der glücklose Kurfürst Max Emanuel hatte sich im Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) auf die Seite Frankreichs gegen Österreich und dessen Verbündete geschlagen. Doch die bayerischen Truppen wurden 1704 vernichtend geschlagen, Max Emanuel ging ins Exil.

Truppen des österreichischen Habsburger-Kaisers Leopold I. besetzten das Kurfürstentum Bayern. Die Invasoren vervielfachten die Steuerlast und verlangten Zwangsabgaben von der ohnehin notleidenden Bevölkerung. Zudem rekrutierte die österreichische Armee skrupellos die Söhne der einfachen Bevölkerung. Bis diese sich auflehnte und mit Blut dafür bezahlte.

Steffan hat sich die Eintragungen im Protokollbuch des Magistrats von Wasserburg vorgenommen und ins Tagebuch des Kapuzinerklosters geblickt. Wasserburgs Bevölkerungszahl lag Ende des Dreißigjährigen Kriegs (1648) und nach dem Abklingen der Pestepidemie bei unter 300 und stieg erst bis 1796 auf etwa 1500 Personen an. Steffan nimmt an, dass um 1700 vermutlich 1000 Bürger hier lebten. Auf diese annähernd 1000 Einwohner kamen zeitweise bis zu 1500 einquartierte Soldaten (zunächst bayerische und später die verhassten österreichischen Truppen) und Kriegsgefangene, die alle verköstigt werden mussten. Jedes Haus hatte eine bestimmte Anzahl an Soldaten aufzunehmen, der Rest lagerte im Freien, soweit es die Witterung zuließ.

Die Stadt und die Bürger konnten die angefallenen Kosten dafür zwar geltend machen bei der Kurfürstlichen Hofkammer oder beim Kurfürstlichen Hofkriegsrat (solange es sich noch um bayerische Truppen handelte). Der Erfolg auf Erstattung war aber gering.

Der Bruckmüller protestierte besonders heftig

Die Menschen beschwerten sich über die Quartierlasten. Der Bruckmüller Johann Weisböckh, der vor der Brücke seine Mühle betrieb, protestierte laut Steffans Recherchen 1704 so heftig gegen die Einquartierung, dass ihn ein Schreiben des hiesigen Pfleggerichts in seine Schranken weisen musste. Man erinnerte den Bruckmüller daran, dass er bei „guten Mitteln“ sei, heißt es im Ratsprotokoll.

Auch die Unterbringung und Bewachung der österreichischen Kriegsgefangenen bis 1704 war eine große Belastung, wie Heimatforscher Steffan in seinem Aufsatz schreibt. Auch die Versorgung und das Dasein der Gefangenen muss elend gewesen sein, Krankheiten blieben nicht aus.

Ab Mitte 1704 wurden Verteidigungsbereitschaft sowie Verteidigungsanlagen verstärkt, etwa um ein Brückenjoch über den Inn, das bei Gefahr abgeworfen oder eingezogen werden konnte.

Im Juli erreichten die Stadt Nachrichten, dass kaiserliche Truppen bei Hohenaschau viele Leute aus den „Wasserburger Landfahnen teils niedergemacht, teils gefangen genommen“ hatten. Bürgermeister Winkler, der auch Stadthauptmann war, bat den Pfleger der Stadt, Johann Albrecht Freiherr von Pinzenau, um ein „quantitet Pulver“, um die Stadt notfalls verteidigen zu können.

In Kling brannten
schon die Häuser
und die Höfe

Gegen Ende August 1704 erging ein Bericht an den Kriegsrat in München, der Feind sei im Umland von Wasserburg, raube und plündere. Die kaiserlichen Husaren kämen bis an die Stadt heran. In Kling hätten sie Gebäude niedergebrannt. Die Feinde brachten Geschütze aus Tirol zur Belagerung der Stadt heran. Wasserburg bat um Verstärkung, Gefahr sei im Verzug: „Quia maximum periculum in mora seye“.

Bis zum Jahresende bangten die Menschen – doch es blieb noch alles ruhig. Die Arbeit an den Verteidigungsanlagen wurde verstärkt fortgesetzt. Das Silvester- und Neujahrsschießen hat man ausgesetzt – um Pulver zu sparen.

Die Nachrichten bis zur Übernahme der Stadt durch die Österreicher im Frühsommer 1705 sind laut Steffans Recherchen eher spärlich. Es gibt Aufzeichnungen, dass kaiserliche Soldaten sich immer mal wieder in der Stadt aufhielten und es schon öfter zu „grobe gefehrliche rauff“ gekommen war.

Kaiserliche Verwaltung keinen Deut besser

Die erste sichere Nachricht über eine kaiserliche Verwaltung stammt vom 13. Juni 1705. Das Protokollbuch weist ähnliche Sorgen auf, wie ein Jahr zuvor, als Wasserburg unter kurfürstlich bayerischer Verwaltung stand: Quartierlast, Lebensmittelversorgung, Zwangsrekrutierung, Steuererhöhung und dergleichen.

Die Zünfte zeigten sich verärgert, weil sie für die Versorgung der Salzburgischen Soldaten Lebensmittel bereitstellten, aber kein Geld sahen von der kaiserlichen Verwaltung. Sie wurden vertröstet, „weill nirgents kein Geld verhandten“. Die verhassten Besatzungssoldaten tranken im Juli 1705 das ganze Märzenbier weg, die Brauer mussten schnell mit dem Sieden vom „Praunem Pir“ beginnen. Die Stadt konnte die Kriegslasten nicht mehr stemmen, sodass sie die kaiserliche Administration bat, auf jede Mass Braunbier einen Pfennig Steuer erheben zu dürfen.

Es gibt Eintragungen im Ratsprotokoll, dass manch Gewerbetreibender ein Leumundszeugnis wollte, um auswandern zu können, weil er unter dem Druck der anwachsenden Belastung hier nicht mehr bestehen konnte.

Der ehemalige Heimatpfleger sieht mehrere Faktoren –darunter die genannten Kriegslasten – als unmittelbare Ursachen für den Bauernaufstand im November 1705. Es kam auch zu Brandschatzungen, Brandsteuern und zudem sollte eine große Anzahl an Bayern für den Feldzug des Kaisers gegen die Ungarn requiriert werden – mit Gewalt. Das Umland ächzte ebenso wie die Stadt.

Schloss Kling geht in Flammen auf, Mönche retten Pfarrhof

So war das Schloss im Pfleggericht Kling angezündet worden, der Pfarrhof von Berg war mit Müh und Not der Brandschatzung entgangen – Dank des Intervenierens der Kapuziner von Eiselfing und Heßlwang. „Dies alles mag zur Erhebung der Bevölkerung, vornehmlich der Bauern, geführt haben“, resümiert Steffan.

Laut der Publikation von Medizinhistoriker Christian Probst, „Lieber bairisch sterben. Der bairische Volksaufstand der Jahre 1705 und 1706“, die 1978 erschienen ist, haben die Aufständischen des Gebietes zwischen Salzach und Inn am 14. November 1705 Marktl, am 16. November Neuötting besetzt. Am 19. November seien sie vor Mühldorf erschienen und noch am gleichen Tag mit 3000 Mann in Kraiburg eingerückt. „Von Marktl an hatten sie die Innübergänge besetzt und teilweise Brücken abgeworfen, sodass die Verbindung vom Rentamt Burghausen nach München unterbrochen war.“ Laut Probst seien die 3000 Mann schließlich vor Wasserburg erschienen, um auch diesen Innübergang in ihre Hände zu bringen.

Steffans Blick in die Ratsprotokolle von damals zeichnen allerdings ein anderes Bild. Da steht geschrieben, dass am 21. November 1705 auf dem Magdalenenberg bis 500 Mann standen. Am nächsten Tag seien es bis 1300 gewesen. Am 22. November postierten sich bis zu 30 Feuerschützen auf dem Reitsteig und auf einer Mauer nahe der Innbrücke.

Die Stadt wird auf
die eigenen Leute
gehetzt

In der Stadt befanden sich rund 250 kaiserliche Soldaten. Die Einheimischen wurden ermahnt, sich nicht den „reppelischen Paurnpurschen“ anzuschließen. Sollte die Stadtverwaltung sich weigern, die besetzte Stadt gegen die Aufständischen zu verteidigen (also gegen die eigenen Leute), drohten heftige Sanktionen.

Der kaiserliche Infanterieoberst de Wendt hatte allerdings schon angefangen, im Gebiet zwischen Inn und Salzach harte Schläge gegen die Aufständischen zu führen und am 21. November die Innbrücke bei Mühldorf zurückerobert.

Am 23. November traf er – via Kraiburg – in Wasserburg mit 1100 Mann zu Fuß und zu Pferde gegen 11.15 Uhr am Magdalenenberg ein, nachdem er dort die Feldwache der Bauern überrannt hatte.

Die Wasserburger
Bauernburschen
einfach niedergemäht

Die Quellenlage über das Schlachtgeschehen ist Steffan zufolge ausführlich. De Wendts Leute waren ihren Gegnern zahlenmäßig ebenbürtig – die Bauern jedoch waren miserabel bewaffnet. Allen fehlte militärisches Können. Johann Baptist de Wendt forderte sie auf, umzukehren und die Rädelsführer anzuzeigen, er drohte aber auch mit „Feur und Todtschlagen“. Fast hätten sie aufgegeben, doch dann löste sich bei den Bauern ein Schuss, der einen österreichischen Husaren traf. Ab da gab es kein Halten mehr, die Bauern wurden niedergemäht. „Tyrannisch, unchristlich und ohne Pardon“, heißt es dazu in Steffans Aufsatz.

Viele Bauern flüchteten ins Eiselfinger Moos, andere suchten Kirchenasyl bei den Kapuzinern. Was die Soldaten nicht abhielt: Sie drohten den Mönchen mit Feuer und Plünderung und holten sich die Flüchtenden aus dem Kloster.

Am selben Tag schrieb Gerichtsschreiber Kornreuther an den Pfleger von Pienzenau, er habe sich nach dem Scharmützel dorthin begeben und „ein solches Misere gefunden, daß es einem christlichen Herzen unmöglich gewesen, sich der Vergiessung der Tränen zu enthalten“. De Wendt habe den Scharfrichter von Burghausen mit nach Wasserburg gebracht und Kornreuther fürchtete, dass noch an manch gefangen genommenen Bauern „eine abscheuliche Exekution“ vorgenommen werde.

500 Bauern fielen in die Hände der Österreicher oder starben. Über 100 Tote wurden am Friedhof von Eiselfing und bei St. Achatz begraben. De Wendt und seinen Mannen blieben nur zwei Tage.

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