Vogtareuth/Prutting/Stephanskirchen – Sie wohnen in Lack, in Niedernburg, in Aign, in Lochen oder Ziellechen, in hübscher Landschaft, zum Teil mit Blick in die Berge. Von Idylle keine Spur. Denn den paar Hundert Menschen, die in diesen Weilern leben, fahren täglich knapp 10000 Fahrzeuge vor die Füße. Das haben sie gezählt, zwölf Stunden lang, an einem Dienstag im Oktober. „Das sind statistisch alle fünf Sekunden ein Pkw und alle 35 Sekunden ein Lkw“, rechnet Georg Plankl vor. Plankl ist Anlieger und hat seine Nachbarn um sich geschart. Denn die fühlen sich vom Staatlichen Bauamt, Abteilung Straßenbau, und vom Landratsamt allein gelassen. Und ja, auch von ihren Gemeinden, deren „letzte Zipfel“ sie sind. Selbst von Nachbarn.
150 Unterschriften hatte die Anliegergemeinschaft schnell beieinander, schickte diese mit dem Ergebnis der eigenen Verkehrszählung an den zuständigen Landtagsabgeordneten Klaus Stöttner (CSU), ans Landrats- und ans Straßenbauamt. Und hörte erst einmal nichts. Bis Plankl, Geschäftsleiter der Gemeinde Stephanskirchen, und die Heimatzeitung bei den Behörden nachfassten.
Selber zählen?
Zählt nicht!
Mit einem für die Anlieger unbefriedigenden Ergebnis. Das fängt damit an, dass die Zählung vom Oktober nicht gilt. 781 Lkws nach Süden, 449 nach Norden zählen nicht. 4156 Autos nach Süden, 4251 nach Norden zählen nicht. Weil ja gerade die B15 Richtung Süden gesperrt war. Allerdings sind die 449 Lkws Richtung Norden schon deutlich mehr, als die 385, die vor vier Jahren in beide Richtungen amtlich gezählt wurden. Nur die amtliche Zählung aber zählt für die Untere Verkehrsbehörde im Landratsamt und für das Straßenbauamt.
Dass der Schwerlastverkehr nach der Einführung der Lkw-Maut auf der B15 im Sommer 2018 rapide zugenommen hat, wie die Anlieger berichten, interessiert nicht. Mautausweichverkehr ist laut Landratsamt nicht zu erkennen. Nicht, wenn nur auf die Zahlen von 2015 gesehen wird – da gab es keine Maut auf der B15.
Es könne sein, „dass der Verkehr in diesem Jahr vorübergehend angestiegen ist, weil aufgrund der Baumaßnahme auf der B15 eine Umleitungsstrecke über die Staatsstraße ausgewiesen war. Diese ist mittlerweile aufgehoben, weshalb von einer Normalisierung der Zahlen auszugehen ist“, heißt es aus dem Landratsamt. „Die sollen sich mal in meine Kuchl setzen“, lädt Heidi Asenbeck aus Lochen empört ein. Ihr fahren die Lkws, meist mit überhöhtem Tempo, fast über den Küchentisch.
Denn, so Plankl, weder die Lkw-Fahrer noch ihre Navis seien dumm: Längst ist klar, dass es über die Staatsstraße aus dem Inntal schneller Richtung Wasserburg – beziehungsweise zur Innbrücke in Griesstätt – geht, als wenn man sich durch ganz Rosenheim zur B15 hindurchstaut.
Emmeran Voringer und seine Familie wohnen in Niedernburg, etwa drei Meter neben der Staatsstraße. Voringer hat sämtliche Fenster seines Hauses ausgetauscht und bewarb sich um Mittel aus einem entsprechenden Förderprogramm. „Nicht genug Durchgangsverkehr“ war die lapidare Absage. „Wir schlafen alle nur noch mit Ohrstöpseln, denn anders geht es nicht“, sagt Voringer, „zumal die Schwerlaster ab 4 Uhr durchdonnern“. Da kommt Freude bei den Anliegern auf, wenn es aus dem Landratsamt heißt, dass „die St2359 als Staatsstraße dazu bestimmt ist, zusammen mit den Bundesstraßen den Durchgangsverkehr aufzunehmen.“
Straßenunterbau zu
schlecht für Lkws?
Dabei ist die Straße dafür nach Ansicht der Anlieger gar nicht geeignet: Zu schlecht sei der Unterbau, zu instabil die Bankette. Spurrillen, Schlaglöcher, „da wird Dreck reingeschmissen, aber das hält nicht lange“, sagt Josef Wandler aus Lack. Dort sei die Kuppe so ausgefahren, dass es in den letzten Jahren etliche heftige Unfälle gegeben habe, „da gab es schon diverse Achsbrüche“. Im Sommer wurde die Staatsstraße stellenweise geflickt, aber das bringe alles nur kurzfristig Besserung. Was Florian Deininger vom Straßenbauamt nicht nachvollziehen kann. Die Staatsstraße sei doch vor wenigen Jahren erst saniert worden, gar so schlecht könne der Zustand nicht sein.
Der Lärm ist das eine, die Sicherheit das andere: Einen Bürgersteig sucht man in Lack, Niedernburg, Aign, Lochen und Ziellechen vergeblich. Stellenweise ist neben der Fahrbahnmarkierung noch ein knapper Meter Platz, stellenweise gibt es einen Trampelpfad – irgendwann einmal mit einer Teerschicht versehen. Meist aber: Fehlanzeige.
Dafür allerdings können die Ämter wenig. Als die Staatsstraße vor Jahren saniert wurde, sei da keine Rede von gewesen, so Deininger. Jetzt habe Vogtareuth Bedarf angemeldet (wir berichteten), das Straßenbauamt unterstütze das. Das dürfte auch Hans Loy, den Pruttinger Bürgermeister, freuen. „Wir sehen zu, dass wir, wo immer möglich, die notwendigen Quadratmeter Grund für einen Gehweg bekommen. Das ist aber schwierig.“
Nachbarn geben
nichts für Gehweg her
Denn: Es gibt einige Grundeigentümer in den Weilern, die nicht bereit sind, ein paar Quadratmeter herzugeben. Was natürlich die Nachbarn erzürnt. Weil es die Kinder und die Senioren des Ortes in Gefahr bringt. Denn die müssen von den Bushaltestellen weitgehend auf der Staatsstraße nach Hause laufen. „Im Winter, wenn dann noch Schnee am Straßenrand liegt, wird‘s richtig kritisch“, sagt eine Mutter.
Ausgelacht bei der
Bürgerversammlung
Ein Stachel, der bei den Niedernburgern tief sitzt: Als sie sich 2017 bei der Pruttinger Bürgerversammlung über die steigende Belastung durch Lkws beklagten, seien sie ausgelacht worden. Das Vertrauen in die Kommunalpolitik ist dementsprechend, abwinkende Gesten, wohin man sieht.
Die Staatsstraße 2359 ist im siebten Ausbauplan für die Staatsstraßen in Bayern enthalten, zwischen Schloßberg und Zaisering. Allerdings mit der Dringlichkeitsstufe 2 von 2. Nicht vor 2025, heißt das. Und das nur, wenn alle Überhänge des sechsten Ausbauplanes (lief 2011 aus) und alle Maßnahmen der Dringlichkeitsstufe 1 erledigt sind. Und wenn Geld vorhanden ist. Und wenn nicht andere Maßnahmen für wichtiger erachtet werden. Dann geht es nur um einen Ausbau, nicht um eine Umfahrung. „Die wäre eine sehr langfristige Angelegenheit“, befürchtet Loy. Der sich aber mit seinen Kollegen Rudolf Leitmannstetter aus Vogtareuth und Rainer Auer aus Stephanskirchen einig ist, gemeinsam politischen Druck ausüben zu wollen. „Ich kann die Anlieger verstehen, der steigende Lkw-Verkehr ist natürlich eine große Belastung. Deswegen werde ich unterstützen so gut ich kann“, sagt Auer.
Schwerlastverkehr
ausbremsen
Kurzfristig, auch dafür haben sich die Anlieger etwas überlegt: Die Lkws langsamer machen. Querungsinseln an allen Ortseingängen, die die Lkws abbremsen und den Fußgängern mehr Sicherheit geben. Fest eingebaute Tempoanzeigen und häufigere Kontrollen sind ebenso erwünscht. Es gelte doch überall 70, in Aign und Niedernburg 50, heißt es aus dem Landratsamt. Stimmt, so ist es beschildert. Nur fahren Lkw-Fahrer erfahrungsgemäß mit der gleichen Geschwindigkeit durch die Ortschaften an Staatsstraßen, wie sie außerorts fahren.
Zweiter Wunsch: Lkws über 7,5 Tonnen – örtlicher Lieferverkehr und Busse ausgenommen – werden von der Staatsstraße verbannt. „Wenn es den Österreichern möglich ist, den Lkws vorzuschreiben, dass die zwischen Brenner und Kufstein nur auf der Autobahn fahren dürfen, dann muss es doch in Bayern möglich sein, Lkws vorzuschreiben, dass diese für den Fernverkehr nur Autobahnen und Bundesstraßen benützen dürfen“, so Plankl. Zur Tonnagebegrenzung sieht die Untere Verkehrsbehörde derzeit keinen Weg.
Gesprächsstoff für ein Treffen, das die Anlieger von Straßenbauamt, Landratsamt und Bürgermeistern fordern. Und zu dem sich die Behörden und die Bürgermeister bereit erklärt haben. Übrigens: Der Landtagsabgeordnete hat sich bis heute nicht gemeldet.