Amerang – Winterschlaf? Wenzel denkt gar nicht dran. Putzmunter krabbelt er über den Küchentisch im Haus von Marie-Theres Schurrer, beschnüffelt neugierig Kaffeetassen und Kerzenständer. Dass er noch nicht kräftig genug ist, um sich für Monate zurückzuziehen, ist ihm trotz seiner Vitalität anzusehen: Der Fellmantel sitzt noch zu locker, die notwendigen 600 Gramm Gewicht hat er gerade erst erreicht.
Wenzel, vermutlich 2018 geboren, stammt eigentlich aus Unterreit. Dort hat ihn eine Lehrerin in einem erbarmungswürdigen Zustand gefunden: klein, abgemagert, kränkelnd. In den vergangenen Wochen wurde Wenzel in Amerang soweit aufgepäppelt, dass er im Frühjahr, wenn er wieder aus seinem nun bald folgenden Winterschlaf aufgewacht ist, zurückkehren kann nach Untereit.
Viele Stacheltiere in
einer Notsituation
Elf hilfsbedürftige Igel hat Marie-Theres Schurrer schon daheim aufgenommen. Eigentlich ist ihr Zuhause am Wolfsberg in Amerang keine Auffangstation. Doch hier befindet sich der Sitz der Wildtierhilfe Amerang, die im vergangenen Frühjahr und Sommer mit Unterstützung von Drohnen mit Wärmebildkameras 90 Rehkitze vor dem Mähtod gerettet hat. Seitdem hat sich der 2019 gegründete Verein auch zu einem Ansprechpartner für Fragen rund um die restliche heimische Tierwelt entwickelt. Die Wildtierhilfe und befreundete Experten kümmern sich nicht nur um kranke Igel, sondern auch um hilfsbedürftige Siebenschläfer, verletzte Eichhörnchen oder um angefahrene Vögel.
Im Moment steht jedoch die Igelhilfe im Fokus. Denn viele der kleinen, stacheligen Säugetiere befinden sich zunehmend in einer Notfallsituation, bedauert Marie-Theres Schurrer. Der Grund: die immer trockeneren Sommer, die dafür gesorgt haben, dass die Lieblingsspeise der Igel, die Regenwürmer, stark zurückgegangen sind, ebenso wie Käfer und Insekten. Der Boden ist oft knochenhart und verdichtet, Landschaft und Gärten sind zunehmend steril und zu sehr aufgeräumt. Der Insekten- und Wurmfresser Igel findet kaum noch Nahrung – und macht sich in seiner Not über Schnecken her. Diese tun seiner Gesundheit nicht gut, übertragen gefährliche Würmer, berichtet die Igelkennerin. Lunge und Darm der Tiere werden von Parasiten angegriffen, bis hin zur Lebensgefahr.
Viele sehen deshalb in diesen Tagen, kurz vor Eintritt in den Winterschlaf, mitgenommen und viel zu dünn aus. Zeichnen sich unter dem Stachelfell Schultern und Hüfte ab, hat das Tier eine sichtbare Taille, dann hat der Igel durch Parasiten Gewicht verloren und kein ausreichendes Fettpolster, nennt Marie-Theres Schurrer als Zeichen dafür, dass das Tier Hilfe benötigt. Ein Hilferuf seien außerdem eine Art rasselnder Husten, der sich anhöre, als sei der Igel erkältet, oder ein Gluckern in der Lunge.
Die Amerangerin entwurmt die Tiere, füttert und pflegt sie daheim – und bietet ihnen in der kalten, aber trotzdem geschützten Scheune ihres Anwesens auch ein sicheres Winterquartier. Wenn sie im Frühjahr aufwachen, werden sie erneut betreut – solange, bis sie kräftig genug sind, dass sie hinaus dürfen in die freie Natur oder so wie Wenzel heim nach Unterreit.
Viele Gefahren lauern
auf die Säugetiere
Ebenso wie Bienen und Vögel braucht der Igel inzwischen die Hilfe der Menschen. Am besten stellt man ihm von Frühjahr bis Herbst Wasser und Katzenfutter hin, sagt Marie-Theres Schurrer. Frisst er es auf, ist das ein Zeichen, dass es nicht genug Insekten als Grundnahrung gibt. Auch ein Winterschlafplatz ist schnell gebaut – am besten mit Euro-Paletten in Garagen, Schuppen oder wettergeschützt an der Hauswand, die mit Stroh und Heu als Nistmaterial ausgestopft werden. Es gibt außerdem Futterhäuschen, an die die Katze nicht rankann.
Keine ausreichenden
Energiereserven
Die Gefahr, nicht zu überleben, betrifft die Igel nicht nur jetzt – so kurz vor dem Winterschlaf, wenn der Körper noch keine ausreichenden Energiereserven aufgebaut hat. Auch wenn der Igel aufwacht, ist er oft desorientiert, dehydriert, bewegt sich langsamer als sonst, und wandert trotzdem weit, um die ersten Insekten und Würmer zu finden. In dieser Phase werden die Tiere oft überfahren. Im Juli/August ist die Paarungszeit, dann sind die Igel naturgemäß auch sehr umtriebig – und geraten ebenfalls schneller unter die Räder. Im Herbst sind sie im Bemühen, ihr Gewicht zu steigern, oft auf weiten Strecken unterwegs, und geraten wieder in Gefahr durch unaufmerksame Fahrer. „Die jährlichen Verluste durch Straßentod sind so hoch, dass der Igelbestand ständig sinkt“, warnt Marie-Theres Schurrer..
In diesen Zeiten, in denen die Tafeln der Natur nicht mehr so reich gedeckt sind wie früher und die Landschaft von vielen Wegen und Straßen durchkreuzt wird, lauern also viele Gefahren auf die kleinen, sympathischen Stacheltiere. In der Werkstatt von Marie-Theres Schurrer am Wolfsberg, wo sie derzeit liebevoll gepflegt und auf den Winterschlaf vorbereitet werden, sind sie dagegen in Sicherheit. Und können sich so richtig ausleben. Dabei wird der Charakter der Tiere deutlich. Kein Igel ist wie der andere, stellt die Fachfrau fest. Wenzel beispielsweise ist ein freundlicher Kerl, agil und neugierig und stets auf Entdeckungstour. Hansi traut sich tagsüber nicht aus seinem Häuschen, ist eher mürrisch und beäugt sein Umfeld mit großem Misstrauen. Ferdinand, der sich bereits in den Winterschlaf zurückgezogen hat, erinnert an einen sympathischen blonden Lausbuben.
Lebewesen mit
eigenem Charakter
Dass Igel Lebenswesen mit eigenem Charakter sind, wissen viele Menschen noch nicht, stellt Marie-Theres Schurrer immer wieder fest. Viele Kinder haben noch nie einen Igel in die Hand genommen, noch nie zuvor über das samtige Fell des Igelbauches gestrichen oder das glatte Stachelkleid des entspannten Igels berührt.
Wer dies einmal getan hat, erkenne den Igel als Persönchen und baue unweigerlich eine Beziehung zum Tier auf. Aus dem anonymen Lebewesen wird bei näherem Kontakt ein Freund und Gartenbewohner, den die dort lebenden Menschen gut kennen – und in der Regel schützen.