„Das Leise ist das Schwierige“

von Redaktion

Wie der Brannenburger Kirchenchor Weihnachten durch Lieder eröffnet

Brannenburg – Die Wochen vor Weihnachten sind eine große Zeit für Chöre. Zumindest für die, die richtig gut sind. Denn wenn das Liedgut leise wird und eher verhalten, dann kann ein Chor zeigen, wozu er in der Lage ist. „Das Leise ist das Schwierige“, meint Rudolf Hitzler, der den Brannenburger Kirchenchor leitet, „denn da ist dann kein Orchester, das mit seinem vollen Klang den Chor mitträgt und die Zuhörer beeindruckt. Da ist dann nur der Chor und er hat nur seine Stimme, um die Welt, die in so einem Lied steckt, zu öffnen und dem Zuhörer zugänglich zu machen“.

Vom inneren
Gleichklang

Rudolf Hitzler ist dabei in einer komfortablen Lage, denn sein Brannenburger Kirchenchor gehört zu den hochgeschätzten im Inntal. Nicht nur wegen des breiten Repertoires, das er hat und das auf Abruf singbar wäre. Sondern eben auch wegen seiner Einfühlungsgabe bei den eher leisen Stücken. Ein Umstand, den Rudolf Hitzler auf eine Eigenschaft zurückführt, von der gerade an Weihnachten oft die Rede ist: auf Harmonie, den inneren Gleichklang des Chores.

„Technik kann man lernen“, so sagt er, „was man eher nicht lernen kann, sondern mitbringen muss, ist das Vermögen, auf den anderen einzugehen und die Bereitschaft, einander wirklich zuzuhören“.

Denn, so erklärt er weiter, keiner singe bei jedem Auftritt gleich. Dennoch müsse der Chor zu einer einzigen Stimme werden.

Das funktioniere nur, wenn man beim Singen nicht nur auf sich achte, sondern auf alle anderen auch, gewissermaßen ein Gespür für die Stimmung habe, die dabei sei, sich an jenem Tag zu entwickeln. „Das ist“, so meint er, „ein bisschen wie bei einem alten Ehepaar, das sich einander nach langen Jahren des Zusammenlebens noch von Herzen zugetan ist“.

Die zwei haben sogar ein Gefühl entwickelt für unterschiedliche Formen des Schweigens. Da muss der eine gar nichts sagen, damit der andere unvermittelt fragt: Geht’s Dir auch gut?“.

Ist solche Harmonie, ist eine solche gemeinsame Schwingungsebene aber vorhanden, wird Chormusik für die Zuhörer zu einem großen Erlebnis. Da sind dann nicht mehr einzelne Sängerinnen und Sänger, da ist mit einem Mal eine Stimme, die mehr ist, als die Summe aller Mitwirkenden. Eine die, selbst wenn die Töne an sich leise sind, mit großer Macht und Eindrücklichkeit zu einem spricht. Erlebbar ist das nicht nur bei den normalen Auftritten des Brannenburger Chores im Kirchenjahreskreis, erlebbar war es auch bei seinem jährlichen Konzert. Das ist, obwohl es in diesem Jahr erst zum zweiten Mal stattfand, schon dabei, sich einen festen Platz in Brannenburg und weit darüber hinaus zu erobern.

Und Rudolf Hitzler hatte es dieses Jahr bewusst in diese Zeit gelegt, die etwas in sich trägt von der aufkeimenden Zuversicht der Adventszeit.

Zukunft und Zuversicht sind ganz augenfällig zu spüren gewesen, denn beteiligt war eine weitere Besonderheit des Brannenburger Musiklebens: der in diesem Frühjahr neugegründete Kinder- und Jugendchor. Geliebäugelt mit der Idee eines solchen Nachwuchschores hatten Markus Seemann und Christian Zweckstätter, die Vorsitzenden des Degerndorfer Männerchores, schon länger.

Chöre greifen
ineinander über

Schließlich brauchen die Chöre Brannenburgs Nachwuchs, wenn das reiche Musikleben erhalten bleiben soll. Und leichter als Erwachsene darum zu betteln, doch einmal vorbeizuschauen und eventuell mitzumachen, ist es, bei Kindern frühzeitig den Keim für die Musik und das Singen zu legen.

Ganz bewusst auch die Idee, den Nachwuchschor für beide Ortsteile – Brannenburg wie Degerndorf – und damit gewissermaßen „chorübergreifend“ anzulegen. Die bestehenden „alten“ Chöre, so Markus Seemann, sind voller Geschichte und aus ihren Ortsteilen heraus erwachsen. Diese Traditionen soll man ruhig auch bewahren, muss es sogar. Der junge Chor aber steht für die Gesamtgemeinde und wird, wenn es gut geht, Nachwuchs für alle Chöre in Brannenburg schaffen. Die Zeichen scheinen in der Tat nicht schlecht zu stehen, denn der „kleine“ Chor war beim Konzert beileibe nicht nur Beigabe gewesen. Keine Kinder, die halt auch mal singen durften, sondern tatsächlich Teil eines großen gemeinsamen Klangkörpers.

Und vielleicht ist dieses sich einfügen können ein weiterer Beleg für die Meinung Rudolf Hitzlers: Dass ein guter Chor eben nicht nur allein auf erlernbarer Technik gründet, sondern mindestens ebenso sehr auf einem wachen Gespür für die anderen.

Was Erwachsene sich nur mit Glück bewahren können, das Gefühl für Zwischentöne und selbst Ungesagtes, ist bei Kindern noch reicher und unverstellter vorhanden.

Die Kinder und Jugendlichen jedenfalls waren von dem Konzerterlebnis hellauf begeistert, wünschen sich, wenn in der wöchentlichen Übungsstunde darüber abgestimmt wird, was man heute singen soll, nach wie vor auch immer wieder auch eines der Kirchenlieder aus jenem Auftritt.

Eine Überraschung sogar für Christine Seemann und Susanne Zweckstätter, die beiden Chorleiterinnen, die sonst sehr viel Mühe darauf verwenden, Lieder zu finden, bei der alle auf ihre Kosten kommen.

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