Kurzinterview

Gestatten: Duriduck!

von Redaktion

Friedlich und selten: Rätisches Grauvieh geht mit Besitzerin Tania Jell zu Festen

Schnaitsee – Einen Meter und 35 Zentimeter groß, vier Beine, zwei Hörner, 700 Kilogramm Gewicht und vielsagende Augen – so sieht der knapp dreijährige Ochse Duriduck aus Schnaitsee aus.

Dieses Tier hat großes Glück, denn es darf ein Leben führen, das den wenigsten seiner Art vergönnt ist. Kommen die meisten Nutztiere noch vor dem ersten Geburtstag zum Schlachter, ist Duriduck eine Art Botschafter, der mit seiner Besitzerin Tania Jell auf Märkte geht, Ritterfeste und Bauernhausmuseen besucht, um „mit den Menschen ins Gespräch und in Berührung zu kommen“, erklärt sie.

Enthornt wäre der
Ochse nicht
mehr so friedlich

Wie reagieren die Menschen darauf? „Die ungewohnte Nähe zum Ochsen weckt bei manchen tiefe Emotionen, die Menschen nähern sich ihm achtsam, ihre Augen leuchten“, hat sie beobachtet. Es gehe dabei darum, den Nutztieren wieder mehr Respekt entgegenzubringen und sich Gedanken über die Entwicklung und die Zukunft der Landwirtschaft zu machen, die nach ihrer Meinung „in die verkehrte Richtung läuft“.

Das Rind als Ware sei ein Ergebnis, in der Massentierhaltung produziert und optimiert und das nicht nur durch Entfernen der Hörner. Doch würden gerade diese für die Verdauung und für die Rangordnung benötigt. Tania Jell ist davon überzeugt, dass ihr Ochse nicht mehr so friedlich wäre, würden ihm die Hörner fehlen.

Sie selber kommt aus Seebruck, lernte Erzieherin in Köln, und hat mit ihrem Mann Peter Jell aus Haßmoning nach langer Suche einen Bauernhof gefunden und saniert, um die eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. All das geht in Richtung autarke Versorgung mit dem Gedanken, „nicht laufend immer mehr haben zu müssen und ohne Ende zu konsumieren“.

Sie übernimmt die Büroarbeit im Garten- und Landschaftsbaubetrieb ihres Mannes und kümmert sich um die vier Jungs, die noch daheim wohnen und um die Tiere, „die sind nämlich auch mein Hobby“.

Shropshire-Schafe leben hier auch, die sind für die Weihnachtsbäume zuständig. Denn das Unkraut drumherum putzen die weg, es braucht kein Gift, was auch für den Menschen gesünder sei, der sich so eine Tanne ins Wohnzimmer stelle.

Alpakas gehören seit 2014 dazu, mit denen sollen demnächst Wanderungen angeboten werden. Und Hofführungen, Bekleidung aus Alpakafilz herstellen und, und, und. Wäre da nicht die Bürokratie. Für „alles und jedes“ benötige man eine Erlaubnis, einen Antrag, sodass viele lieber sagen, „dann lassen wir es“, ist auch ihre Beobachtung.

Wofür ist der Ochse noch gut? Einen Karren ziehen, pflügen, Holz rücken – Dinge, die man in der heutigen Zeit nicht mehr benötigt, da alles mit umfangreichem Maschineneinsatz durchoptimiert sei. Doch sei der Ressourcenverbrauch dabei erheblich, Böden und Straßen leiden unter dem Gewicht. Pestizide, Umweltverschmutzung, Artensterben seien ständig ein Thema, letztendlich kann Wohlstand offenbar nur durch immer größeres Wachstum am Laufen gehalten werden, Allergien und Krankheiten seien oft die Folge. „Geht das nicht anders?“, fragt sich diese Frau. Außerdem: Billige Produkte zu sich nehmen, das habe auch mit fehlendem Respekt gegenüber sich selber zu tun.

Duriduck gehört zu der alten Rasse des Rätischen Grauviehs, von denen es in Deutschland noch 180 gibt. Das sind kleine und robuste Rinder, die nicht auf Milch- und Fleischproduktion hin gezüchtet sind.

Sie lockern den Boden auf, statt ihn zu verdichten und verrichten weitere Arbeiten. Und bleiben das ganze Jahr über draußen. Zudem sei das gutmütige Tier „sehr schön, die Fellfarbe wechselt von hell nach dunkel, je nach Jahreszeit“. Fündig wurde sie bei dem Züchter Gerhard Döring in Thüringen. Duriduck hatte bei ihm schon einiges gelernt. Den Umgang mit dem großen Tier bewältigte sie selber „ohne viel reden, der Züchter hat uns nämlich auch gleich eingespannt“. Bei einer Proberunde mit dem Pflug lief dann Duriduck aus der Spur, aber mit dem Stock, das ist der „verlängerte Arm“, leicht eins auf die Nase geben, „klärt, wer das Sagen hat. Dennoch: keinesfalls schlagen!“. Denn Tiere seien untereinander auch nicht immer friedlich.

Sind die Hörner gefährlich? „Sicher, ohne wär‘s einfacher und die Verletzungsgefahr geringer, aber die sind wichtig, die braucht er für die Verdauung“, weiß Tania Jell. Zur Not könnte man die auch etwas abrunden, immerhin muss er sich damit ja auch kratzen.

Pläne für die Zukunft gibt es auch, etwa einen Seminarraum einrichten und mit den Tieren „Trau Di! Begegnungen – hautnah“ als Programm anbieten sowie Planwagenfahrten. Beim Ferienprogramm ist der Hof schon länger einer der Veranstalter. Hinzu kommt ein Flyer mit Bezugsquellen, wo es denn Fleisch aus biologischer, artgerechter Haltung beim Bauern gibt.

Die Arbeit mit dem Ochsen soll mitsamt der alten Technik ein erhaltenswertes Kulturgut sein, das nicht in Vergessenheit gerät. Ihr liegt die Beziehung zum Tier am Herzen, das möchte sie vermitteln, denn die gehe zunehmend verloren. So haben viele Fleisch auf dem Teller, die Qualität spiele oft eine untergeordnete Rolle.

„Wichtiger ist der niedrige Preis, doch wie viel Arbeit darin steckt, um so ein Tier großzuziehen, das sieht keiner mehr.“ Oft heiße es auch, Maschinen sparen Zeit, doch die Bauern arbeiten genauso lange wie früher, alleine schon, damit sich der immer umfangreichere Fuhrpark rechnet.

Wie bringt man
einem Ochsen
etwas bei?

Rundum haben Bauern mit der Milchviehhaltung aufgehört, nur eine Nachbarin erinnerte sich an den Umgang damit als Arbeitskraft und auch daran, dass eines der Tiere beim Mittagsläuten sofort stehen blieb und keinen Meter mehr ging. „So schlau sind die“, bewundert das Tania Jell.

Oder dass Duriduck seinen Artgenossen in kurzer Zeit abgeschaut hatte, wie er den Kopf mit seinen Hörnern drehen musste, um einen Fressplatz zu benutzen. Er lernt durchs Vormachen. Einen Wagen durfte sie dann auch erst einmal selber ziehen, das Tier rechts davon, dann links, dann dahinter, „damit erkannte er, dass keine Gefahr davon ausgeht“, so Jell, und schließlich er davor. „Die Zugkraft etwa einen Hang hoch ist enorm“, bewundert sie ihn, ihren gemütlichen Kumpel.

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