Einsamer Badeausflug an Heiligabend

von Redaktion

Es gibt Dinge, die gibt‘s nicht. Einen Badegast in einem geschlossenen Schwimmbad, zum Beispiel.

Bad Endorf – „Ich war Heiligabend in der Therme eingeschlossen.“ Bei einem solchen ersten Satz am Telefon fällt auch sonst durchaus eloquenten Menschen erst einmal nichts ein. Renate Hofmann (Name geändert) ist genau das passiert. Sie ist seit vielen, vielen Jahren Stammgast in der Chiemgau-Therme, hat eine Karte mit Transponder, kann durchs Drehkreuz ohne an die Kasse zu müssen. Das wurde ihr vor ein paar Wochen fast zum Verhängnis.

Sie gehe seit zwei Jahrzehnten jedes Jahr Heiligabend Vormittag in die Therme, erzählt Renate Hofmann. Auch am 24.Dezember 2019. Morgens, um 9 Uhr. Es war Licht an, das Drehkreuz drehte sich, sie sei überall hingekommen, wo sie wollte, sagt Renate Hofmann. Dass außer ihr niemand in der Halle oder im Wasser war, nahm sie wohl nicht wahr. Erst als sie am Freibecken feststellte, dass dort die Plane drüber ist, sei ihr mulmig geworden. Markus Füller, Geschäftsführer der Chiemgau-Therme, ist einigermaßen fassungslos: Überall standen Schilder, dass geschlossen ist – „eigentlich unübersehbar“. Das Kopfschütteln ist auch per Telefon fast zu hören. Licht an? Drehende Drehkreuze? „Ich kann die Drehkreuze nicht sperren, wenn sich Menschen in den Räumen aufhalten“ – die Reinigungskolonne war unterwegs, machte Großputz. Haupteingang absperren geht bei der Chiemgau-Therme nicht, denn den teilt man sich mit dem Zentrum für ambulante Reha.

Renate Hofmann jedenfalls stand, als sie vom Freibecken zurück in die Halle wollte, vor verschlossener Tür. Im nassen Badeanzug. Barfuß. „Da bin ich schon leicht panisch geworden“, gibt Renate Hofmann im Gespräch zu. Sie hatte schon beschlossen, über den Zaun zu klettern, als sie an eine Gittertür im Zaun kam. „Ich habe solange daran gerüttelt, bis die Tür aufging. Da entwickelt man Bärenkräfte“, sagt sie amüsiert. Barfuß über den Splitt ins Gebäude, mit Transponder wieder durchs Drehkreuz und dann erstmal anziehen.

Abenteuerlich, aber glücklicherweise folgenlos, dieser Heiligabendausflug in die Therme. Erst später kam die Frage auf, ob es denn sein könne, dass es im Freigelände eines Schwimmbades keinen Notrufknopf gibt. Ja, das kann sein. Vorschrift, so erbrachte es eine Nachfrage beim Landratsamt, ist so ein Knopf nicht. „Wir haben Kameras auf die Becken gerichtet, reichlich Badeaufsichten im Einsatz – wenn der Strömungskanal offen ist, sogar mehr, als wir müssten“, sagt Füller. Eine Notwendigkeit für einen Notfallknopf sehe er nicht. Auch wenn es in diesem speziellen Fall gut gewesen wäre. „Die Geschichte tut mir für die Dame auch sehr leid“, versichert der Geschäftsführer.

Selbstverständlich habe man intern schon diskutiert, wie sich eine Wiederholung vermeiden lasse. Zu den ohnehin schon ergriffenen Maßnahmen müsse man offensichtlich noch weitere ergreifen Transponderschleifen zu deaktivieren sei da eine Möglichkeit, so Füller.

Gutscheine an
Heiligabend

Von Renate Hofmanns Missgeschick profitieren am 24.Dezember 2020 all die, die Weihnachtsgeschenke auf den letzten Drücker kaufen: Denn in der Chiemgau-Therme gibt es an dem Tag einen Gutschein-Verkauf, „dann kann keiner durchmarschieren.“

Renate Hofmann und Markus Füller haben miteinander telefoniert. Fazit: „Alles ist gut.“

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