Niederaudorf – „Das lieben sie.“ Versonnen blickt Anni Pichler auf ihre Kühe, die sich von einer mechanischen Bürste kraulen lassen. Rundgang durch den neuen Laufstall, den die Familie gerade in Niederaudorf baut. Im sechsstelligen Eurobereich liegen die Investitionskosten. Eine Maßnahme, die vor allem Sohn Martin, der gerade die Meisterschule für ökologischen Landbau in Landshut besucht, die Zukunft sichern soll. Doch diese Zukunft sieht sie in Gefahr. Wie ein Damoklesschwert schwebe die Planung der Grobtrassen des Nordzulaufs zum Brennerbasistunnel über der Familie, sagt Anni Pichler leise. Seit rund 500 Jahren gibt es den Lainthalerhof in Niederaudorf, in der 15. Generation wird er fortgeführt. Die Hofübergabe steht bald an. Die wichtigsten Äcker, Grünland und Weideflächen befinden sich im Bereich Silberger See und Einfang in der Gemarkung Niederaudorf. Diese würden bei einem Ausbau einer Zulaufstrecke oder sogar Verknüpfungsstelle massiv mit etwa fünf Hektar und drei Hektar Pachtgrund betroffen.
Der neue Stall, der alle derzeit geforderten Auflagen erfüllt, ist auf 50 Kühe ausgelegt. Als Biobetrieb sind die Pichlers verpflichtet, alle Tiere nach den neuesten Tierwohlauflagen zu halten, die die Ökoverordnung vorschreibt. Fallen die für den Bau der Verknüpfungsstelle erforderlichen Flächen weg, gerät das gesamte Gefüge am Lainthalerhof ins Wanken: Im Gemeindebereich Oberaudorf ist bereits jetzt fast keine Fläche im Tal zur Pacht verfügbar – vor allem aufgrund der natürlichen Begebenheiten. Bergwiesen seien schon wegen des hohen Bewirtschaftungsaufwands als Ersatzflächen nicht verhandelbar. Noch belastender für die Familie Pichler: Als Biobetrieb müsse ja hauptsächlich eigenes Futter erzeugt werden. Nur mit Ausnahme dürfe man einige Prozent seines Futters zukaufen.
„Kommt die Verknüpfungsstelle, wie im Raumordnungsverfahren vorgestellt, dann könnte das für unseren Betrieb das Ende bedeuten.“ Und da sind sie nicht die Einzigen in dem kleinen Dorf, das vor zehn Jahren die Goldmedaille im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft, unser Dorf soll schöner werden“ gewann. „Kampflos“ wollen sich die Niederaudorfer Bauern nicht ihrem Schicksal ergeben. Kreisbäuerin Katharina Kern ruft zum konstruktiven Widerstand auf, das heißt: Information und Aktion sollen zu einem Ist-Zustand führen, „mit dem es sich leben und überleben lässt“, betont auch Josef Steingraber, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands in Rosenheim. Und er macht bei der Infoveranstaltung beim Gasthof Keindl Niederaudorf vor vielen betroffenen Bauern klar deutlich, dass es jetzt darum gehe, das Vorhandene – sprich die nun vorliegenden fünf Grobtrassen, wovon drei eben die Verknüpfungsstelle in Niederaudorf beinhalten – zu gestalten. Betroffene Bauern sollen schon im beginnenden Raumordnungsverfahren ihre Stellungnahmen einreichen, alle ihre Bedenken äußern. Sein Credo: „Gestaltet gemeinsam das Vorhandene. Einigt euch auf eine Linie. Lässt sich für Verknüpfungsstelle in der Talenge zwischen Kranzhorn und Wildbarren möglicherweise ein sinnvollerer Verlauf finden, der von den meisten Betroffenen getragen wird?“
Das Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren erläuterte Franz Sedlmaier, Referent für Umwelt- und Bewertungsfragen im Bayerischen Bauernverband. Er machte deutlich: Jetzt ist die „Zeit zu handeln“.
Transeuropäische
Wirtschaftsströme
Zugleich sei es ein Trugschluss, zu glauben, durch den Brennerbasistunnel werde der Verkehr auf der Autobahn verringert. Das sei, so Sedlmeier, auch gar nicht das eigentliche Ziel des Projekts. Vielmehr sei dieses in einem transeuropäischen Zusammenhang zu sehen, dem Skandinavien-Mittelmeer-Korridor zwischen Helsinki und Valletta. Europäische Wirtschaftsinteressen versus Bauernsterben im Inntal: Die bisher eher verhalten agierenden Niederaudorfer wollen jetzt Zeichen setzen – „bevor es zu spät ist“, so Katharina Kern. In wenigen Tagen werden sich die Bauern vor Ort detaillierte Vorgehensweisen ausarbeiten. Anni Pichler muss jetzt nach Hause. Die Stallarbeit ruft. Noch.