Ein Pfarrer mit „MUT“igen Ideen

von Redaktion

Dr. Richard Graupner hat auf seinem Weg zum evangelischen Pfarrer den Glauben immer wieder neu entdeckt. Heute will er die Kirche zu einem Raum für Menschen machen.

Großkarolinenfeld – Pfarrer Dr. Richard Graupner saust um Punkt halb zehn vormittags zur Tür des Pfarrheims herein. Es ist Montag – eigentlich sein freier Tag – doch für das Oberbayerische Volksblatt hat er sich trotzdem Zeit genommen. Seine beiden größeren Kinder hat er eben noch in die Kita gebracht. Baby Cäcilia schlummert friedlich in einem Tragetuch an der Brust des Pfarrers.

„Ich brauche diesen Tag für meine Familie“, sagt der junge Mann. Denn sonst dreht sich auch in seiner Freizeit viel um seine Arbeit als evangelischer Gemeindepfarrer in Großkarolinenfeld und Beauftragter für Kunst und Kirche in Oberbayern. „Die Bücher, die ich lese, haben meist damit zu tun“, sagt er. Eine klare Grenze zwischen Privatem und Amt gibt es nicht. „Doch vieles an meiner Arbeit empfinde als Privileg.“

Beim Basketball dem Glauben begegnet

Vorgezeichnet war der Weg zum Pfarrer für Richard Graupner nicht. 1982 in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, geboren, spielte der Glauben in der Familie kaum eine Rolle. Erst als Jugendlicher im Basketball-Training lernte Graupner, wie bedeutsam das Thema Jesus für einen Menschen sein kann. Die Trainer, eine Gruppe ehemaliger Basketball-Profis aus Amerika, hielten in den Trainingslagern täglich eine Morgenandacht. „Es war mir völlig neu, den Glauben als etwas Lebensentscheidendes zu betrachten“, so Graupner. In der eigenen Familie – nach der Trennung der Eltern lebte Graupner zusammen mit seiner Schwester bei der Mutter – spielte Religion wie bei den meisten Familien der ehemaligen DDR keine Rolle. Den Wünschen des jungen Mannes standen sie aber offen gegenüber: Graupner wollte in den Religionsunterricht gehen.

So besuchte er die evangelische Kirche und nahm am Konfirmandenunterricht teil. Sehr intensiv lernte Graupner christliches Leben in den USA kennen. Als Teilnehmer eines Stipendienprogramms lebte er bei einer baptistischen Pfarrersfamilie an der Westküste.

Wieder zurück in der Heimat stand die Wahl des Studiums an. „Es sollte etwas möglichst Vielfältiges werden, mit Geschichte, Psychologie, Philosophie“, erinnert er sich. So entschied er sich für Theologie in Leipzig und später in München. Mit seiner späteren Ehefrau Franziska war er damals schon liiert. Sie studierte Physik und hatte nichts gegen einen Umzug in die bayerische Hauptstadt, da es dort eine renommierte Physik-Fakultät gibt. Graupner selbst wollte nach seinem Grundstudium an eine Fakultät, in der evangelische und katholische Theologie gelehrt wird. Er hängte dort außerdem noch ein Philosophie-Studium dran.

2006 heiratete das Paar in St. Sebastian in Ebersberg. 2009 beendete Graupner sein Studium und ging 2010 ins Vikariat nach Tutzing. „Ich wusste nicht einmal, wo das liegt“, erzählt er lachend. Doch er hat die Gemeinde mit ihren sehr unterschiedlichen Menschen schnell schätzen gelernt.

Gottesdienst ist mehr als die Predigt

Damals wurde ihm erstmals die Bedeutung des Gottesdienstes bewusst – er hatte sich dem Thema im Studium in erster Linie theoretisch angenähert. „Bei uns in der evangelischen Kirche steht die Predigt im Zentrum, doch ich empfinde den Gottesdienst als viel mehr“, so Graupner. Das Interesse ging so weit, dass er sich auch in seiner Doktorarbeit mit dem Thema beschäftigt hat. Promotion, in der Freizeit Volkstanz und Bergwandern – so gingen die Jahre in Tutzing schnell vorbei, bis die freie Stelle in Großkarolinenfeld lockte.

„Wir haben die Gemeinde besucht, das Pfarrhaus angeschaut und es hat uns sofort gefallen“, erinnert sich Graupner. Außerdem war die Familie in Bayern nun schon verwurzelt, und der Pfarrer konnte die Stelle alleine besetzen. „Das war mir wichtig, weil ich so mit der Gemeinde die gesamte Liturgie im Kirchenjahr feiern kann“, sagt er.

Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Schon in den ersten Tagen hat sich der Pfarrer in den Ort, die Karolinenkirche und die gelebte Ökumene verliebt. „Hier gibt es viele Menschen, die mit anpacken“, lobt er. Für 1350 Mitglieder in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Großkarolinenfeld ist er nun zuständig. „Ich sehe es als meine Aufgabe, sie darin zu bestärken, wozu sie ihr Glaube motiviert“, sagt er.

Die Ziele des jungen Pfarrers im Ort sind groß. Er will eine Entwicklung der Fläche zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche vorantreiben – etwa mit einem Kindergarten und Wohnbebauung. Für das 200. Jubiläum der Kirche in zwei Jahren soll außerdem das Gotteshaus renoviert werden. „Die Kirche ist ein denkmalgeschützter, historischer und heiliger Raum“, betont er. Doch man könne sie trotzdem so gestalten, dass sie mehr zum Lebensraum wird. Es sei einfach schade, wenn nur zweimal in der Woche zu einem Gottesdienst Menschen herkämen. Andere Kirchen beraten ist auch Graupners Aufgabe als Beauftragter für Kunst in Kirchen in Oberbayern. Dabei will er zeigen, wie Kunst Kirche bereichern kann.

Im Zentrum seines Handelns steht die Frage: Wie gestaltet man die Kirche der Zukunft? Dabei versucht der Pfarrer, Menschen anzusprechen, die sonst nicht in die Kirche kommen. Etwa mit der aktuellen Reihe „MUT“, für die bereits eine rote Lichtinstallation im Kirchenraum gestaltet wurde. Auch die nächste Veranstaltung steht unter dem Motto „MUT“: Am morgigen Freitag hält Freiwasser-Extremschwimmer André Wiersig um 19.30 Uhr im Pfarrstadl am Karolinenplatz einen Vortrag. Der Paderborner hat sieben Meerengen von bis zu 44 Kilometer durchschwommen, dabei nicht nur seine Grenzen ausgetestet, sondern auch seine Liebe zum Meer und der Natur entdeckt.

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