Niederaudorf – „Die Leute sollen sehen, was auf sie zukommt.“ Professor Dr. Matthias Bernhardt steht vor einer riesigen Grünfläche im Talbereich des Inntals, begrenzt von Dutzenden Fackeln. Die abendliche Aktion der Freien Wählerschaft Oberaudorf zeigt den möglichen Umgriff einer Verknüpfungsstelle.
Wie berichtet, wird ein Standort im nördlichen Bereich Niederaudorfs in drei von fünf Trassenverläufen der Grobplanung angedacht. Der von vielen Helfern ausgesteckte Korridor, der nicht genau einem möglichen Trassenverlauf entspricht, ist 500 mal 50 Meter groß und schmiegt sich an den Verlauf der nebenliegenden Autobahn A93.
Inntal ohnehin
sehr belastet
Bäuerin Anni Pichler schüttelt fassungslos den Kopf. Eigentlich würden die Gleise laut Plan sogar noch mehr nach Westen verschwenken, meint sie nachdenklich. Drei ihrer Wiesen würden vom Projekt durchschnitten – auch die anderen Landwirte treffe es hart. Einer davon, der seinen Namen nicht nennen will, zeigt sich ebenfalls geschockt von den Ausmaßen. „Das ist brutal. Wir haben die Autobahn zu schlucken, die Öl-Pipeline, die Bahn – und jetzt noch das!“, sagt er leise. Seit Generationen würde seine Familie diese Felder bewirtschaften. Landwirte mit Leidenschaft seien sie gewesen – und jetzt die Aussicht auf das Mammutprojekt, das alle Zukunftspläne in Sachen Landwirtschaft vor Ort gefährde.
Warum man die Aktion hier auf dem Feld eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchführe?, so die Frage an Bernhardt, den Bürgermeisterkandidaten der Freien Wählerschaft Oberaudorf. „Uns geht es zunächst darum, mögliche Umgriffe der Verknüpfungsstelle zu zeigen. Einfach aufzurütteln“, betont er. Mit weiteren Informationsveranstaltungen wolle man die Thematik vertiefen, vor allem aber gelte es für das Inntal und die nachfolgenden Generationen zu kämpfen. Kreisbäuerin Katharina Kern, die selbst in Oberaudorf lebt, ruft zu klugem Umgang mit der Thematik auf. Keinesfalls sei es geeignet für einen scharfen Wahlkampf. Derzeit befinde man sich in engem Kontakt mit Chefplanern der Bahn. Kern: „Zementierte Festlegungen helfen in Sachen Brenner-Nordzulauf nichts. Wir müssen für das Inntal eine vernünftige Lösung finden. Und das gemeinsam, über alle Parteigrenzen hinweg!“ Zusammen mit den Niederaudorfer Landwirten versuche man jetzt, einen für alle tragbaren Standort im Inntal und einen damit verbundenen politischen Konsens zu finden. Ein entsprechender Antrag soll bei der nächsten Gemeinderatssitzung in Oberaudorf eingebracht werden. Die fünf Varianten der Grobplanung sehen außer in Niederaudorf noch mögliche Verknüpfungsstellen in Ostermünchen (Norden) oder Breitmoos oder Reischenhart (Süden) sowie in Riederbach (Norden) oder Reischenhart (Süden) vor. In Verknüpfungsstellen werden Neubau- und Bestandsstrecke verbunden. Züge können von der einen auf die andere Strecke wechseln und so an Bahnhöfen der Bestandsstrecke halten. Gesucht wird jeweils eine Verknüpfungsstelle südlich und nördlich von Rosenheim.