Albaching – Der Bruder Notger Liebeherr vom Orden der „Ranziskaner“ ist gekommen, um den Schäflein die Leviten zu lesen. Nun ja, nicht ganz. Er kocht‘s ihnen in Reimen. Süffisant, tiefgründig, gesellschaftskritisch und sehr katholisch.
Hinter der Kunstfigur „Bruder Notger Liebeherr“ steckt Michael Kafka, seines Zeichens Gemeindereferent in Albaching. Der Religionspädagoge hält inzwischen im vierten Jahr eine selbstverfasste Faschingspredigt. „Ich bin ein Riesen Fan von Kabarett, mag Michael Altinger und Christian Springer – oder auch die ZDF-Heute-Show mit der Figur Gernot Hassknecht. Mein Bruder Liebeherr ist die katholische Antwort auf Hassknecht“, sagt Kafka. Es dürfe auch mal „gemein“ sein – das Wort verberge sich ohnehin in „Gemeindereferent“.
Seine Faschingspredigt, die er am Samstag, 22. Februar, um 19 Uhr in der Filialkirche Rettenbach sowie am Sonntag, 23. Februar, um 9 Uhr in Albaching und um 10.30 Uhr in Pfaffing in Mönchskutte hält, greift das Thema des Sonntagsevangeliums am Faschingssonntag auf: „Liebt Eure Feinde!“
Eine zugegebenermaßen nicht ganz so einfache Übung, auch für gute Christen. Es gehe im Kleinen los, wo man anfange, nicht mehr die Sachargumente des Gegenübers zu hören, sondern nur wer sagt das, ist er Freund oder Feind. „Oft blicken wir auch nur auf eine gefühlte Wahrheit im gesellschaftlichen Diskurs“, sagt Kafka. Im Evangelium stehe dazu geschrieben, dass auch der Feind ein Mensch sei, dem Würde zustehe.
„Wir sollten lernen, barmherzig zu sein, nicht nur tolerant“, führt er weiter aus. Man sollte, wenn man den eigenen Vorurteilen begegnet, sich diesen stellen und sie hinterfragen.
Mit oberflächlichem Geplapper will er sich nicht aufhalten, sondern den Finger in die Wunde legen. Er spricht politische Themen an genauso wie die vielen Dinge, die einem angeblich das Leben erleichtern, wie etwa die ganze neue Technik, die den modernen Menschen eher zum Sklaven macht. Er spricht über den fehlenden Frieden in der Welt. Aber auch die Suche nach Schuldigen, die man oft bei den Flüchtlingen festmacht. Es geht um fehlende Toleranz und die Dauerunzufriedenen. „Jeder muss bei sich selbst anfangen“, fordert er.
Auch gefalle ihm der Trend nicht, Meinungsverschiedenheiten in der anonymen virtuellen Welt auszutragen. Früher wurden Generationskonflikte noch am Frühstückstisch ausgefochten. Heute wird im Internet auf die Fridays-for-Future-Generation geschimpft. Oder es geht gegen die Alten und ihre Versäumnisse. Alles ohne offenes Visier und nicht von Angesicht zu Angesicht. Die Faschingspredigt kommt in der Pfarrei gut an, die Kirche wird gut gefüllt sein, erwartet Kafka. „Die Zuhörer nehmen es gut auf, mancher fühlt sich ertappt – ich bekomme entsprechende Rückmeldungen. Und ja, manche heißen es nicht gut, was ich tue. Es gibt ein paar so ganz Fromme, die haben auch mal mein Plakat überklebt. Dabei kapieren die nicht, dass diese Art der Predigt etwas Hochkatholisches ist.“ Er erinnert an die Tradition der Wanderprediger, die zwar nicht reimten, aber eindringlich formulierten. Oder an den Stil der Barockprediger, die mit teilweise unflätigem Geschimpfe von sich Reden machten.
So derb wird es bei Michael Kafka nicht zugehen. Er mag es leiser, feiner und auch süffisant. Als Vorbild hat er sich den fränkischen Karnevalisten Peter Kuhn ausgesucht. „Der ist genial, wie er die Sachen auf den Punkt bringt“, so Kafka. Seine Faschingspredigt, die er sarkastisch „Friede, Freude, Eierkuchen“ genannt hat, wird begleitet von einem szenischen Anspiel, das die Paffinger Pfarrjugend vorbereitet hat und gleich mit der Tür ins Haus fällt: Kinder, die ein anderes ausgrenzen und nicht mit ihm spielen wollen. Dazu der innere Konflikt zwischen Engelchen und Teufelchen. Willkommen bei der frühkindlichen Anerziehung von Vorurteilen.