Stephanskirchen – Eine Insel der Glückseeligen? Nein, das nicht, aber in Stephanskirchen leben vergleichsweise wenige Jugendliche, die in irgendeiner Weise mit dem Jugendamt in Berührung kommen. „Natürlich merken wir, dass Sie eine überwiegend gut gebildete und gut verdienende Bevölkerung haben“, sagte Johannes Fischer, Leiter des Kreisjugendamtes, den Gemeinderäten in deren jüngster Sitzung.
Er stellte die Sozialstrukturanalyse des Landkreises, heruntergebrochen auf Stephanskirchen, vor. Nur sieben Gemeinden sind es im Landkreis, die bei Hilfen zur Erziehung besser dastehen, als die Gemeinde vor den Toren Rosenheims. Im Erhebungszeitraum 2015 bis 2017, neuere Daten liegen nicht vor. Es kann also sein, dass der Listenplatz heute ein ganz anderer ist. Bei den geringen absoluten Zahlen – 23 Fälle – reiche es schon, wenn zwei große Familien zu- oder wegzögen, um die Quote zu verschieben.
Werte deutlich unter
dem Landesschnitt
Allerdings, so Fischer, liege Stephanskirchen mit seinen 1,2 Fällen pro 100 Minderjährige deutlich unter dem Landesschnitt von 3,2 und auch unter dem Landkreisschnitt von 1,9 Fällen pro 100 Minderjährige. „Hilfen zur Erziehung“ ist die Übernahme einer (Berus-)Patenschaft ebenso, wie die Erziehungsberatung, die soziale Gruppenarbeit oder im schwersten Fall eine Heimunterbringung.
„Gott sei Dank haben wir noch viele gute Pflegefamilien“, so Fischer, aber die Zahl sinke – weil immer häufiger beide Elternteile arbeiten müssen, um ein passendes Dach über dem Kopf zu finanzieren. „Pflegekinder tragen alle ein schweres Packerl mit sich herum, um die kann man sich nicht so nebenbei kümmern“, so Fischer.
Und weil sich kaum eine Familie den Luxus leisten kann, eine zu große Wohnung zu mieten, in der spontan und problemlos noch ein Pflegekind unterkommen kann. Gerade in einer Gemeinde wie Stephanskirchen nicht. Eine schnelle Recherche im Internet erbrachte ein knappes Dutzend Mietangebote. Die 1,5-Zimmer-Wohnung für 340 Euro fällt ebenso aus, wie die 280 Quadratmeter große Sieben-Zimmer-Villa für 6000 Euro. Zwei Drei-Zimmer-Wohnungen, eine Vier- und eine Fünf-Zimmer-Wohnung kommen aktuell für Familien theoretisch in Frage. Fünf Zimmer, gut 160 Quadratmeter, klingt toll für eine Familie, 2000 Euro Kaltmiete klingen weniger gut. Und bei drei Zimmern auf 73 Quadratmetern für 955 Euro kalt wird es sowohl räumlich wie finanziell eher eng.
Was vor allem für die zunehmende Zahl von Familien mit nur einem Elternteil ein Problem ist. Denn meist sind es alleinerziehende Mütter, die laut Fischer in der Region zwar relativ gut Arbeit finden, aber häufig im sozialen oder Pflegebereich oder im Tourismus – alles Branchen, die keine überragenden Gehälter zahlen. 13,4 Prozent aller Stephanskirchner Haushalte verfügen über ein Nettoeinkommen unter 1500 Euro im Monat.
Bei der Zahl der „Ein-Eltern-Familien“ liegt Stephanskirchen nur knapp unter dem Landesschnitt, 18,9 Prozent oder 324 Kinder und Jugendliche in der Gemeinde leben mit nur einem Elternteil zusammen.
Abschied vom Ideal
der Familie nehmen
„Wir müssen uns vom Wunschbild von Familie mit beiden Elternteilen, von denen eines höchstens Teilzeit arbeitet, einfach ein Stück weit verabschieden“, stellte Bürgermeister Rainer Auer (parteilos) dazu fest. Alleinerziehende und ihre Kinder sind längst keine Randgruppe mehr, bestätigte Fischer, sondern rund um die 15 Prozent der Bevölkerung. Alleinerziehende und ihre Kinder gehören relativ häufig zur Klientel des Jugendamtes. „Wenn man Kindererziehung, Haushalt und Arbeit alleine managen muss, stößt man schnell an seine Grenzen, ist überfordert“, so Fischer. Er forderte die Gemeinderäte auf, sich zu überlegen, wie sie dagegensteuern können, wie sie Wohnquartiere schaffen, in denen sich die Menschen gegenseitig unterstützen, „Sie können sich damit beschäftigen, denn Sie haben in Stephanskirchen sonst wenig Probleme“, wurde der Jugendamtsleiter deutlich. Margit Sievi (SPD) wollte dazu gleich Tipps von Fischer. Die gab es nicht, aber den Hinweis „Wenn sich in Mehrfamilienhäusern die Nachbarn nicht mehr kennen, ja nicht einmal wahrnehmen, dann läuft was schief.“ Die Schlagworte „Begegnungsstellen“ und „Stolpersteine“ fielen, wurden nicht weiterverfolgt.
Zweiter Bürgermeister Karl Maier (Parteifreie) leitete zwei Aufgaben für die Gemeinde ab: „Beim Wohnungsbau auf größere Wohnungen achten und über die Stiftungen unbürokratisch finanzielle Hilfen leisten, zum Beispiel zum Schulanfang.“
Steffi Panhans (SPD) wollte von Fischer wissen, ob man die Stephanskirchner Fälle des Jugendamtes nach Ortsteilen sortieren könne, damit Gemeindeverwaltung und Gemeinderat gezielter hinschauen können. Kann man, so Fischer, aber aus Datenschutzgründen nur händisch. Was bei der überschaubaren Zahl machbar sei. „Irgendwas geht immer“, so Fischer. Es klang nach einem Arbeitsauftrag für eine Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung.