Griesstätt – Etwas versteckt liegt der kleine Laden in Griesstätt in der unteren Dr.-Mitterwieser-Straße. Ein Spaziergänger würde dort kaum ein solches Schmuckkästchen vermuten, wenn auch, ein paar Meter entfernt, ein großes Plakat darauf hinweist. Darauf steht: „Irma Theresia – Schönes für Groß und Klein“. Irma Theresia sind die Beinamen der Inhaberin Barbara Widauer, so hat sie ihre Schmuckkollektion benannt. Sie bietet eine liebevoll eingerichtete Fundgrube für all das, was man zwar nicht unbedingt braucht, aber das Leben schöner macht. Und managt diesen kleinen Laden vom Rollstuhl aus. Denn Barbara Widauer ist an Muskelschwund erkrankt.
Stilvolle Glasflaschen, fein bemalte Tassen, edle Trinkbecher gibt es zu kaufen. Und Postkarten mit Sinnsprüchen. Die Inhaberin betont, es sei ihr wichtig, woher die Sachen kommen. „Die Karten bekomme ich von einer in Deutschland lebenden Kanadierin – die Angelika, die lieb‘ ich einfach.“ In einem Regal stehen diverse Spielwaren: Mini-Küche, Mini-Kleiderschrank, von einer dänischen Firma gefertigt. „Seit ich ein Enkelkind habe, nehm‘ ich auch solche Sachen ins Sortiment.“ Aus den Niederlanden und Marokko bezieht die 53-Jährige Porzellan. „Ich habe jemanden aus Lübeck im Internet kennengelernt, der die Ware in Marrakesch einkauft und mir davon abgibt.“
Entstanden ist der Laden vor fünf Jahren aus ihrer Liebe zum Schmuck. Stolz zeigt sie ihre eigenen Kreationen, mit Glas kombinierte Ohrringe etwa und Armbänder.
Der Laden ist der Lebensmittelpunkt
Der Laden ist ihr Lebensmittelpunkt, er hält sie aufrecht, hilft ihr, ihre schwere Krankheit zu meistern. „Nur zu Hause zu sitzen und keine Aufgabe zu haben, das ging irgendwann nicht mehr“, sagt sie. Ihren früheren Job als Reiseverkehrskauffrau musste sie aufgeben. Barbara Widauer leidet an einer durch einen Gendefekt ausgelösten unheilbaren Krankheit, an Muskeldystrophie (FSHD), und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Auch vier ihrer Geschwister sind daran erkrankt. Im eigenen Laden ist sie beweglich, kann hin- und herfahren, der Wohnbereich befindet sich gleich daneben, alles ist behindertengerecht eingerichtet. Die Zahl der Kunden ist überschaubar, zu tun hat sie trotzdem. Zweimal im Jahr – vor Weihnachten und im Frühjahr – lädt sie zu einem zweitägigen Event, bei dem drinnen und draußen dekoriert wird, dazu gibt es Workshops zum Kränzebinden und zum Schmuckfertigen. „Da kommen dann ganz, ganz viele – aus Griesstätt und auch von weiter her.“ Eine willkommene Gelegenheit zum Ratschen, so Widauer. Und eine Werbung für ihr Geschäft. Daneben ist sie noch stundenweise für ein Unternehmen tätig, das Touren für Elektromountainbiker anbietet.
Geboren wurde sie in Fürstenfeldbruck, mit elf Jahren zog sie mit ihren Eltern und den sieben Geschwistern nach Griesstätt. „In München waren die Mieten eben zu hoch.“
In Wasserburg ging Barbara erst aufs Gymnasium, dann in die Realschule, schließlich in Rott in die Hauptschule. „Meine Schullaufbahn war nicht gerade grandios“, sagt sie. Die Mutter verstarb an Krebs, als sie gerade 13 war. „Das war keine leichte Zeit. Glücklicherweise hab‘ ich ganz viele Freundinnen gehabt.“ Nach der Schule absolvierte sie in München eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau, und schon mit 15 lernte sie ihren künftigen Mann kennen. Auf ihn ist sie mächtig stolz, er ist ihre große Stütze. Mit ihm hat sie vier Kinder, darunter ein Zwillingspaar, 1993 geboren.
Zwei Kinder
ebenfalls betroffen
Die besondere Tragik ihrer Erkrankung liegt in der Tatsache, dass sie vererbbar ist – ihre Mutter hatte bereits den Gendefekt. Betroffen sind auch ihre beiden erstgeborenen Kinder. „Mein Sohn hat Beschwerden in der Schulter, meine Tochter hat Probleme mit dem Aufstehen, mit dem Gehen.“ Wie sie mit der Krankheit umgeht? Bei der Frage überlegt sie eine Weile und sagt dann: „Es gibt immer schlechte Tage. Aber eigentlich komme ich gut klar, meinen Alltag kann ich meistern. Und bis jetzt war es noch nicht so schlimm.“
Mittlerweile ist sie aber auf Pflege angewiesen: „Mein Mann muss mich ins Bett bringen.“ Und seit vier Jahren kann sie nicht mehr Auto fahren. „Nicht mehr mobil zu sein, ist schon hart. Ich bin so energiegeladen.“ Doch Barbara Widauer ist keine Frau, die verzweifelt. Sie nimmt ihr Schicksal tapfer an, durch die körperlichen Einschränkungen will sie sich ihr Leben nicht vermiesen lassen – und engagiert sich auch im Dorfleben. Vor ein paar Wochen reiste sie in die USA, um ihre ebenfalls an Muskelschwund erkrankte Schwester zu besuchen. In diesem Jahr soll es in den Urlaub nach Sardinien gehen. Energie wird sie auf jeden Fall brauchen, wenn demnächst ihre Tochter mit Mann und dreijährigem Kind zu ihr ins Haus in Griesstätt einzieht. Da freut sie sich mächtig drauf: „Ich bin positiv, möchte auch Vorbild sein.“ Am Schluss des Gesprächs betont sie noch einmal, wie wichtig ihr Mann in ihrem Leben ist. „Er ist der Fels in der Brandung. Ohne ihn wäre ich schon im Pflegeheim.“