Der Vorhang bleibt zu

von Redaktion

In Hirnsberg und anderswo ist die Theatersaison vorbei, bevor sie richtig begann

Hirnsberg – Am Ende würde es ein Wettlauf gegen die Zeit. Das war allen dreizehn Hirnsberger Theaterleuten klar, als sie sich am Mittwoch letzter Woche zur Generalprobe ihres Stückes „Neurosige Zeiten“ trafen. Zwei Tage später, am Freitagabend, sollte die Premiere sein, davor, am Nachmittag, traditionsgemäß ein Durchlauf vor den Kindern und Jugendlichen des Trachtenvereins Hirnsberg-Pietzing.

Doch das Corona-Karussell hatte da schon Fahrt aufgenommen, wenn die neuen Entwicklungen bis dahin auch nur täglich und noch nicht stündlich die Sachlage veränderten. Daran, alle acht geplanten Aufführungen durchziehen zu können, glaubte deshalb keiner von den Schauspielern mehr so wirklich.

Hoffnung ruhte auf
Premierenwochenende

Die Aufführungen am Premierenwochenende aber, so dachte man, könnten noch klappen: Veranstaltungen waren erst ab 1000 Personen untersagt und man hatte extra eine Mitteilung herausgegeben, dass alle, denen auch kleine Veranstaltungen schon unheimlich zu werden begannen, ihre Karten problemlos würden zurückgeben können. Nach der Generalprobe, als man noch ein wenig zusammensaß, deshalb der Entschluss: wir spielen an diesem Wochenende, danach entscheiden wir neu.

Schließlich hatte man seit zehn Wochen geprobt, sich 29-mal getroffen, erlebt, wie aus einem bloßen Text tatsächlich ein lebendiges Theaterstück zu werden begann. Ein Erlebnis, das für viele der zwölfköpfigen Schauspielertruppe neu war, denn fünf von ihnen standen zum allerersten Mal auf der Bühne. Groß natürlich der Ehrgeiz, zu beweisen, dass man mit den alten Hasen des Hirnsberger Theaters mithalten konnte.

Das Stück selbst hatte die besten Voraussetzungen, ein echter Erfolg zu werden: Angesiedelt in der offenen Wohngruppe einer Psychiatrie bot es jede Menge Platz für komisches Potenzial, das Personal der Wohngruppe zusammengesetzt aus einer Stalkerin, einem Zwangsneurotiker, einer Sexsüchtigen sowie zwei weiteren, von denen der eine ein Künstler in einer manischen Phase ist und der andere einer, der jeden sozialen Kontakt scheut wie der Teufel das Weihwasser.

Wenn sich dann noch die Mutter der sexsüchtigen Agnes zu Besuch ansagt, die ihre Tochter statt in der Psychiatrie schon weit oben auf der Karriereleiter wähnt, die Wohngruppe deshalb beschließt, sich kurzerhand als normale Wohngemeinschaft auszugeben, sind die Voraussetzungen für eine tolle Komödie eigentlich gegeben. Noch dazu, wenn da noch eins draufgesetzt wird und die Wohngruppe nicht nur mit dem Vorspiegeln von Normalität zu kämpfen, sondern nebenher auch noch eine vermeintliche Leiche zu verstecken hat.

Die Schauspieler jedenfalls schöpften schon in der Generalprobe das Potenzial des Stückes voll und ganz aus, hatten dazu, wie Regisseur Uwe Drahtschmidt ihnen versicherte, die Gewissheit, dass es bei den eigentlichen Aufführungen vor echtem Publikum erfahrungsgemäß noch einmal einen gewaltigen Sprung nach vorne gäbe: Da durfte es doch einfach nicht sein, dass man nicht würde spielen können.

Bundeskanzlerin
beendet Hoffnung

Am Donnerstag aber dann die Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Dr.Angela Merkel, in der sie aufforderte, auf alle Veranstaltungen zu verzichten, die nicht unbedingt nötig wären. „Es war, als hätte sie damit direkt uns gemeint“, beschreibt Schorsch Stein, der Leiter der Theatergruppe, die Wirkung. Konnte man da wirklich die Aufführungen am Wochenende noch wie geplant durchziehen?

Für Spielleiter Uwe Drahtschmidt, der die ganze Zeit über schon zur eher skeptischen Fraktion gehört hatte, war damit eigentlich eindeutig: „Das wird nichts mehr mit der Aufführung.“ Klar für ihn aber auch: irgendeinen Abschluss musste es geben, die ganze lange Probenzeit durfte nicht einfach so im Nichts versanden. Notfalls, so Drahtschmidt zu seiner Theatertruppe, würde man eben für sich, vor leerem Saal spielen, Hauptsache es gäbe wenigstens eine tatsächliche Aufführung.

Noch aber war nichts endgültig entschieden. Am Freitagmorgen jedoch überschlugen sich dann die Ereignisse: Das Theater in Amerang wird abgesagt, so erfuhr man, Halfing spielt aber weiter, kurz darauf die Meldung im Radio: Auch Halfing sagt ab. Das war dann sozusagen der letzte Stein, der auch die Hirnsberger zur Aufgabe bewog.

Allerdings nicht ganz: Am Samstag kam man zusammen, um wie angedacht wenigstens für sich das Stück noch einmal durchzuspielen und ganz spontan kam unter den Schauspielern die Idee auf, man könnte ja zumindest die Angehörigen der Schauspieler dazu bitten, damit die wüssten, wofür ihre Familienmitglieder die ganze Zeit und Arbeit investiert hatten.

Verschieben scheitert
wohl an den Terminen

Eine Aufführung des Stücks zu einem späteren Zeitpunkt ist nach der Einschätzung von Uwe Drahtschmidt nämlich ziemlich unwahrscheinlich: Es einfach im nächsten Frühjahr zu spielen, geht nicht, weil schon jetzt viele, die dieses Jahr pausierten, signalisierten, dass sie nächstes Jahr wieder mitspielen wollen – man braucht also schon von daher fürs neue Jahr ein neues Stück. Es irgendwann davor, im Spätsommer oder Herbst unterzubringen, versucht man, aber da einige der Schauspieler auch in Musikkapellen spielen, die dann natürlich Hochsaison haben, ist fraglich, ob man für Proben und Aufführungen ein passendes Zeitfenster wird finden können.

Die Vorstellung im kleinen Kreis von „Gästen“, sprich direkten Angehörigen, war also wahrscheinlich die einzige, die stattfand – die aber dafür ein riesiger Erfolg. Wenn auch die Stimmung am Anfang etwas ungewohnt war, wie Schorsch Stein erzählt – der Saal, was sonst nie passiert, halb leer, der Ausschank an Getränken eher improvisiert und vom Essen her nur Kaltes – so entwickelte sie sich im weiteren Verlauf prächtig: Weil die Vorstellung gut war und die meisten ahnten, dass dies die letzte derartige Veranstaltung für Wochen war.

Artikel 1 von 11