Abgeschnitten von der Welt

von Redaktion

Wie der Dorfladen in Sachrang die Versorgung trotz Corona aufrechterhält

Aschau/Sachrang – Während Leni Bauer in Sachrang-Stein in den vergangenen Wochen kaum über die Staatsstraße 2093 auf die andere Straßenseite gehen konnte, ist es jetzt ruhig geworden im Oberen Priental. Diese Straße von der Kufsteiner Autobahn zur Salzburger Autobahn ist eine beliebte Abkürzung für Autofahrer aus Polen, der Slowakei, Ungarn und Kroatien, um aus den Tiroler Skigebieten möglichst schnell wieder in die Heimat zurückzukommen. Damit sparen sie sich regelmäßig ein paar Kilometer Stau am Inntaldreieck und können trotz zahlloser Kurven schneller die Autobahn in Frasdorf oder Bernau erreichen.

Tankstelle nicht
mehr erreichbar

Zurzeit ist die Staatsstraße 2093 tagsüber jedoch wie ausgestorben, nur ein paar Bulldogfuhrwerke und die Pendler von Sachrang nach Rosenheim oder München fahren hin und her, denn am Wildbichl stehen an der österreichischen Grenze die großen Sperrschilder und keiner weiß, wie lange noch. Da die Skigebiete in Tirol alle geschlossen sind, wird die Ruhe im Priental wohl noch einige Zeit bis zum Ende der Corona-Sperre andauern. Die Tankstelle unmittelbar hinter der Staatsgrenze ist von Bayern aus nicht mehr erreichbar, 90 Prozent des Umsatzes sind damit weggebrochen. Die paar Autos vom Niederndorferberg können eine Tankstelle nicht ernähren.

Ruhige Zeiten also im frühlingshaften Sachrang, alle Lifte stehen, die Schneekanonen und die Schneezäune sind abgebaut, wie überall bereiten sich die Bauern auf die kommende Saison vor – es ist, wie in jedem anderen Jahr auch; das einzige, was derzeit ganz auffällig fehlt, sind die vielen Wanderer und Tagestouristen auf den Parkplätzen im ganzen Tal.

„Die Versorgung mit Lebensmitteln und Verbrauchsmaterial – einschließlich Klopapier – für Sachrang steht. In diesen Zeiten beweist sich jeden Tag aufs Neue, wie wichtig die unmittelbare Nahversorgung aus der Region für einen Ort ist“, sagt Josef Mispagel vom Sachranger Dorfladen. „Im vergangenen Jahr hatten wir die Schneekatastrophe, heuer schneidet das Coronavirus die Welt von uns ab. Das Motto für einen Lebensmittelladen muss also heißen: „Aus der Region – für die Region“.

Das umfangreiche Sortiment des Dorfladens umfasst alles, was das Dorf so zum Leben braucht und sollten wir heute etwas nicht haben, dann haben wir es morgen. Wir verlassen uns nicht auf weltweite Lieferanten, sondern beziehen große Teile unseres Sortiments direkt aus der Region, vom Bäcker, vom Metzger und von der Genossenschaftskäserei. Der Laden ist also der direkte Vermittler zwischen Erzeuger und Verbraucher.

Im Mai feiert der Dorfladen sein zehnjähriges Bestehen. Wer bisher immer noch nicht von seiner Notwendigkeit überzeugt war, der wurde in den vergangenen beiden Jahren eines Besseren belehrt.“

Lieferservice
für Ort eingerichtet

Die Laufkundschaft ist im Laden derzeit überschaubar, Bergwanderer und Mountainbiker befolgen die Ausgangsbeschränkungen und bleiben zu Hause, die Straßen des Ortes sind leer, die Wanderwege auch. Die Sachranger sind im Dorfladen weitgehend unter sich. Als besonderen Service hat die Leitung des Dorfladens einen Lieferservice für den Ort eingerichtet. So haben im Laden derzeit alle genügend zu tun, denn neben dem alltäglichen Geschäft gilt es jetzt, die Bestellungen der Kunden abzuarbeiten und die Hauslieferungen vorzubereiten. Egal, ob telefonisch, per Mail oder mit einem Einkaufszettel im Briefkasten, die Wünsche der Kunden werden im Paket zusammengestellt und ausgeliefert.

Alle Lieferungen von der deutschen Seite her erreichen den Laden wie bisher, doch bei manchen Produkten muss man auch im Laden ein wenig improvisieren. Ein besonderes Angebot im Dorfladen ist der Käse aus der Sennerei Hatzenstädt. Der Käse ist bei der Kundschaft sehr beliebt und daher unverzichtbar. Nun liegt diese Sennerei einen Kilometer hinter der Tiroler Grenze und die ist bekanntlich derzeit geschlossen (wir berichteten mehrfach).

Also fährt Josef Mispagel zur ehemaligen Grenzstation und dort werden das Sachranger Leergut und die neue Hatzenstädter Käselieferung mit dem Segen der Behörden und unter den Augen der Polizei ausgetauscht. So kommen der Almkäse und der prämierte Emmentaler, Milch und Buttermilch täglich frisch in den Laden, ebenso wie das frisch gebackene, fast noch ofenwarme Bauernbrot vom Hinterschachner Hof.

„Es ist schön ruhig im Ort, es fahren kaum Autos und auch an den Wochenenden ist nichts los. Aber ich bin noch kein Einsiedler und Eremit – ich habe immer noch meine Hausfrau“, so Pfarrer Hermann Overmeyer.

Osterfest ohne
Gottesdienste

„Für die Gläubigen wird das kommende Osterfest etwas ungewohnt werden, so ganz ohne Gottesdienstbesuch, ohne Palmweihe, ohne Speisensegnung und vor allem ohne Auferstehung, aber ein anderer Weg ist derzeit nicht möglich“. Pfarrer Overmeyer weist darauf hin, dass die Kirche St. Michael tagsüber geöffnet ist und in den nächsten Tagen und Wochen im Fernsehen vermehrt Gottesdienste gesendet werden, sodass keiner die Feiertage ganz ohne die gewohnte Osterliturgie verbringen muss.

Für die Männer der Sachranger Feuerwehr hat sich bisher noch nichts durch das Coronavirus geändert: „Wenn irgendwo Hilfe benötigt wird, dann kommen wir zum Einsatz, egal ob vor der Tiroler Grenze oder dahinter und für die Kameraden der Feuerwehr von Niederndorferberg gilt das Gleiche“.

Die nächsten Veranstaltungen in Sachrang, das Maibaumaufstellen am Freitag, 1. Mai, und die Eröffnung der Ausstellung im Müllner Peter Museum am Samstag, 2. Mai, können derzeit noch nicht sicher vorhergesagt werden.

Mehr Infos:

Der Sachranger Dorfladen bittet vor allem seine älteren Kunden, zu ihrem eigenen Schutz den angebotenen Lieferservice zu nutzen. Bestellungen sind möglich über Telefon 08057/9045123, Fax 08057/9045124, E-Mail info@der-sachranger.de oder ganz einfach über den Briefkasten rechts vom Eingang.

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