Jesus in tiefster Verzweiflung

von Redaktion

Die Fastentücher von Sachrang beeindrucken durch ihre Farbtiefe – Wer hat sie gestiftet?

Aschau-Sachrang – Die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern sind für die römisch-katholische, die evangelische und auch die orthodoxen Kirchen eine besondere Zeit – Fasten und Beten dienen in jenen Tagen und Wochen der inneren Einkehr. Symbolisch dafür werden bis heute dafür Fastentücher aufgehängt. In der barocken Pfarrkirche St. Michael zu Sachrang, Ende des 17. Jahrhunderts erbaut, sind drei besonders kunstvolle Exemplare zu bewundern.

Hinweis auf
das Jahr 1719

Aber wer und wann die Fastentücher gestiftet und wer sie gemalt hat, das sei bis heute ungeklärt, so Rupert Wörndl, Vorsitzender des Frasdorfer Heimat- und Kulturvereins und Ortsheimatpfleger am Telefon. In den Kirchenbüchern finde man einen nachweislichen Eintrag von 1719 zu den Bildern an den beiden Seitenaltären.

Das große Fastentuch vor dem Hauptaltar sei – erkennbar auch an den deutlich leuchtenderen Farben und der Ausgestaltung der Figuren zu erkennen – jüngeren Datums. Wahrscheinlich frühes 19. Jahrhundert, nazarenischer Stil, so Wörndl, aber Genaueres habe er auch trotz intensivem Quellenstudiums nicht in Erfahrung bringen können. (Als nazarenische Kunst wird eine romantisch-religiöse Kunstrichtung bezeichnet, die deutschsprachige Künstler zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien und Rom begründeten und deren Vertreter, die Nazarener, überwiegend dem Katholizismus nahestanden. Anm. der Red.) Beim Betreten der Pfarrkirche, die aufgrund der Restaurierung des Turms und des Kirchendachs noch immer verhüllt ist, nimmt einen trotz der Kühle des Gemäuers die Schönheit der barocken Kirche gefangen. Vorzüglich proportioniert (wie es im Quellenband XIV der Gesamtchronik Aschaus heißt) sind die Ausmaße von Seitenaltären und Hauptaltar, und selbst mit den die Alte verhüllenden Fastentüchern wirkt die Kirche prächtig. Auf den 1,3 mal zwei beziehungsweise zwei mal drei Meter großen und mit Ölfarben bemalten Leinwänden wird die Passion Jesu Christi eindrücklich dargestellt.

Den linken Seitenaltar schmückt das Bild einer Madonna mit dem Christuskind, nun, in der Fastenzeit, überdeckt eine Folterszene mit dem Dornenkranz gekrönten Jesus das Marienbild.

Den rechten Seitenaltar, der das ganze Kirchenjahr über mit einem Bild der drei Könige aufwartet, die dem neugeborenen Jesuskind huldigen, überdeckt in der Fastenzeit die Geißelung Jesu die Anbetungsszene.

Der Hochaltar, der den heiligen Michael mit der Lanze, den Schutzpatron der Kirche, zeigt, wird von einer überdimensional großen Leinwand bedeckt.

Ungewohnt satte, kräftige Farben kennzeichnen die Gewänder unter dem Kreuz, die Farbkomposition wirkt mit ihrer Strahlkraft und Vordergründigkeit beinahe zuversichtlich gegenüber den düsteren Farben der oberen Bildhälfte.

Eine bildhafte Umsetzung der Bibelstelle bei Lukas im Neuen Testament: „Und es war schon um die sechste Stunde; und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, weil die Sonne aufhörte [zu scheinen]; der Vorhang des Tempels aber riss mitten entzwei“ (Lk, 23,44-45).

Erinnerung an
den Tempelvorhang

Das Fastentuch symbolisiere den jüdischen Tempelvorhang, der im Zusammenhang mit dem Kreuzestod Jesu mehrfach erwähnt werde, so Georg Graf von Saurma, Kirchenpfleger von Sachrang, bei einer Privatführung.

Die beiden kleineren Fastentücher werden gewöhnlich vor Gründonnerstag abgenommen und stattdessen werden dort ein Modell des Heiligen Grabs und ein Tabernakel aufgestellt, das Haupttuch am Hochaltar wird erst am Karsamstag abgenommen.

Für diese Arbeit brauche es mindestens zwei Personen, erklärt Graf Saurma weiter.

Dieses Jahr, in dem die Corona-Krise auch das kirchliche Leben zum Erliegen bringt, mache man eine Ausnahme und nehme alle drei Bilder gleichzeitig ab. An den Seiten merke man den großformatigen und oben und unten mit Hölzern verstärkten Leinwänden leider das Alter an, so Graf Saurma, und zeigt auf die eine Seitenwand eines Tuchs.

Aber erst einmal seien die Dachrestaurierung und die Bekämpfung der Feuchtigkeitsschäden am Kirchenschiff vorrangig, und wirbt mit einem charmanten Lächeln dafür um Spenden.

Fastentücher

Fastentücher, auch Hungertuch oder Passionstuch genannt, haben eine lange Tradition. Bereits die „Consuetudines“ der Abtei Farfa erwähnten um das Jahr 1000 den Brauch des Fastentuchs. Bis ins 12. Jahrhundert blieb dieses ein rein symbolisches Objekt aus einfarbigem Stoff (häufig Leinen, auch Seide), der nur im Einzelfall durch ornamentale Stickerei verziert wurde. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Fastentuch eine Form der christlichen Kunst. Schwerpunkte der künstlerischen Entwicklung waren einerseits die Alpenregion, vornehmlich Kärnten und Tirol, andererseits Norddeutschland mit Westfalen und Niedersachsen. Im Sinne einer Bilderbibel wurden Szenen aus dem Leben Jesu Christi dargestellt.

Die bis zu 100 Quadratmeter großen Tücher verhüllten den gesamten Chorraum. Im 18. Jahrhundert setzte sich der „einszenige Fastentuch-Typus“ durch. Sämtliche Altarretablen wurden mit Tüchern verhängt. Mit der Säkularisation verschwand dieser Passionsbrauch aus den meisten Kirchen. Nicht anders ist zu erklären, dass von ehemals über 1000 Tüchern im alpenländischen Raum heute nur noch circa 170 – größtenteils in liturgischem Gebrauch – erhalten sind.elk

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