„Die Sehnsucht am Leben erhalten“

von Redaktion

Ein Gespräch mit Herbert Reiter, dem Leiter der Tourist-Info Aschau und Sachrang

Aschau – Keine Gäste im Oberen Priental – alle Veranstaltungen bis Ende August abgesagt – ungewohnte Stille im Ort, der sonst von vielen Ausflüglern und Urlaubern geprägt ist. Die OVB-Heimatzeitungen haben sich mit Herbert Reiter, Aschaus Tourismus-Chef, über seine Arbeit in Corona-Zeiten unterhalten.

Wie schaut der derzeitige Alltag des Leiters der Tourist Info Aschau und Sachrang aus?

Der Alltag ist geprägt von unzähligen Telefonaten mit den Kollegen, mit Vermietern und Leistungsträgern. Bei Telefonkonferenzen mit Verbänden und Fachbehörden schaut man, dass für die Zukunft wieder eine Richtung für den Tourismus im Priental eingeschlagen wird und weiterreichende Entscheidungen dafür getroffen werden. Dazu kommen die ständigen Absprachen mit dem Team der Tourist-Info, den Kollegen vom Rathaus und vom Bauhof, wie es in diesem Jahr mit den Freibädern oder dem Priental-Museum mit den Schlossführungen laufen könnte, bis hin zum Kurpark oder zum Haus des Gastes, um hier nur einiges zu nennen. Beschilderungen und Anschläge müssen kurzfristig umgeplant und umgestaltet werden, es ist gerade eine sehr spannende und aufregende Zeit. Es fällt auf, dass deutschlandweit viele Leute zu Hause sind und diese anscheinend ganz viel Zeit haben. So erreichen uns unzählige E-Mails mit Ideen, Anregungen und Vorschlägen, über die wir uns freuen. Die Bearbeitung dieser Schreiben kostet natürlich einiges an Zeit.

Wie wird der derzeitige touristische Alltag bewältigt?

Wir arbeiten derzeit aufgeteilt, also zum Teil im häuslichen Büro und zum Teil in den Räumen der Tourist-Info. Meine Mannschaft der Tourist-Info in Aschau und Sachrang packt voll mit an und alle Kolleginnen ziehen voll mit, um die Neuerungen möglichst rasch an allen Ecken und Enden umzusetzen.

Wie halten Sie die Stammgäste und Gäste in der Ferne bei Laune?

Gemeinsam halten wir die Sehnsucht nach einem Urlaub in Aschau und den Bergen am Leben. „Mit Abstand nah“ heißt unsere derzeitige Devise. Gute Laune und tägliche Unterhaltung bieten wir stets aktuell über unsere Social-Media-Kanäle. Mit Informationen und Fotoaufnahmen lassen wir die Gäste an allem teilhaben, was derzeit im Ort passiert. Natürlich rufen auch viele Gäste bei uns an und fragen, wie die Lage ist und wie es uns geht.

Entsteht auch etwas Neues in dieser Zeit oder wird nur „auf Zuruf“ reagiert?

Die Reduzierung des Alltagsgeschäfts schafft Zeit für Neues. Für unsere kleinsten Gäste und Aschau-Freunde stellen wir unsere Schnitzeljagden in einem neuen Kinder-Erlebnisführer zusammen. Auf über 40 Seiten werden dabei acht Schnitzeljagden durchs Priental kindgerecht mit ansprechenden Illustrationen und Geschichten erstellt. Zugleich werden spontan neue Ideen entwickelt: Am Muttertag wird es in diesem Jahr nicht das klassische Muttertags-Konzert im Kurpark geben. Passend zum Bankerldorf werden die Rosen für die Mütter auf dem Bankerl vor dem Rathaus stehen und können dort auf Vertrauensbasis von Müttern abgeholt werden. Damit soll den Müttern – wie in jedem Jahr – ein Zeichen der Wertschätzung und Zuversicht geschenkt werden.

Wie schaut es mit den Betrieben im Priental aus?

Wir sind natürlich ständig im Austausch mit den großen Aschauer Beherbergungsbetrieben wie der Klinik Sonnenbichl, dem Aktiv- Hotel oder dem Hotel Hohenaschau, um hier nur einige zu nennen. Viele Fragen und große Sorgen kommen natürlich derzeit auf, die Luft wird dünn, auch bei uns im Luftkurort. Besonders bei unseren kleineren und den privaten Vermietern entstehen viele Fragen. Die fehlende Wirtschaftskraft im Priental bringt für viele schlaflose Nächte mit sich. Trotzdem sind die Betriebe, Gastronomie und Einzelhandel voller Elan und freuen sich, wenn es hoffentlich bald wieder losgehen kann. In dieser sehr schweren Zeit müssen wir in der Tourismusbranche zusammenhalten.

Wo liegt der Schwerpunkt in der künftigen touristischen Arbeit?

Der Wegfall des Alltagsgeschäftes bietet die Möglichkeit, neue Strategien zu entwickeln und Großprojekte – wie das länderübergreifende Kardio-Thema – weiter voranzubringen. Die Themen Gesundheit, naturverträglicher Tourismus und natürlich unsere Bankerl als Orte der Erholung werden künftig mehr denn je eine Rolle spielen.

Wie schaut es mit Veranstaltungen grundsätzlich aus?

Da blutet natürlich des Touristikers Herz, wenn eine Großveranstaltung nach der anderen in diesem Jahr abgesagt wird, doch es heißt nach vorne zu schauen. Im gleichen Atemzug starten wir die Vorbereitungsarbeiten für das kommende Jahr 2021. So müssen für die Aschauer Autorenwoche, den Sachranger Bergbauernmarkt, die verschiedenen Konzert- und Kunstveranstaltungen und viele weitere Vorhaben die Vorplanungen bereits jetzt anlaufen.

Wie soll es weitergehen?

Mutmaßlich werden uns die momentanen Entwicklungen noch lange beschäftigen. Die kommenden Monate und Jahre werden ein stetiger Balanceakt zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlichem Aufschwung sein. Allerdings ist der Blick in die Zukunft des Tourismus stets ein Blick in die Kristallkugel. Wir hoffen jedoch, wenn die Urlaubsreisen im Land wieder beginnen und die Zeit des Abstandhaltens vorbei ist, dass wir dann im heimischen Tourismus ein schönes Stück von der Sahnetorte abbekommen. Wahrscheinlich wird es am Anfang nicht gleich brummen, doch schlussendlich denke ich, dass die Gäste sich gerade jetzt nach einem Urlaub sehnen. So sind die Planungen für die Zeit nach Corona enorm wichtig. Wir freuen uns unendlich, wenn wir unsere Gäste wieder willkommen heißen dürfen.

Sicher ist es eine große Aufgabe für den gesamten bayerischen Alpenraum und im speziellen für uns in der Chiemsee-Alpenland-Region, dass der bevorstehende Wintertourismus nicht aus den Augen verloren werden darf. Skifahren, Langlaufen und Winter-Urlaub müssen wieder positiv in die Köpfe der Gäste und dürfen nicht mit dem Thema Ischgl und Corona in Verbindung gebracht werden. Wenn die Welt sich wieder öffnet, müssen die Qualitäten im bayerischen Tourismus und unsere Leistungen wieder umso mehr überzeugen.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Am meisten? Dass diese touristische und wirtschaftliche Vollbremsung hoffentlich bald der Geschichte angehört! Am meisten freue ich mich, wenn in unserem Tourismusort Aschau und im Bergsteigerdorf Sachrang durch die Gäste wieder das Leben zurückkehrt und dabei die Betriebe, Geschäfte und Gastronomie so richtig brummen! Ja, unbeschwert mit Gästen und Freunden in Kontakt treten, ratschen und sich gemeinsam freuen.

Interview: Heinrich Rehberg

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