Die Toten vom Anderlkreuz

von Redaktion

17 Soldaten sterben am 3. Mai 1945 nach Panzerangriff an der Autobahn bei Frasdorf

Frasdorf – Die 20 Soldaten auf dem Munitions-Lastwagen hatten keine Chance: Sechs Jahre führte sie der Krieg mit dem Gebirgsartillerieregiment 111 der 2. Gebirgsdivision durch halb Europa, hier in Frasdorf, wenige Tage vor dem Ende des Krieges ereilte sie das Verhängnis in Gestalt eines amerikanischen Panzers. Am Donnerstag, 3. Mai 1945, wollten die Teile des Trosses der dritten Abteilung Gebirgsartillerieregiment 111 Anschluss an die Geschützstaffeln finden, die bereits am Vortag in Richtung Aschau-Sachrang ausgewichen waren. Das Führungsfahrzeug der Kolonne – unter dem Kommando von Oberleutnant Johannes Kassner aus Zielenzig – fuhr beim ersten Büchsenlicht gegen 5.30 Uhr über den Lochner Berg nach Süden Richtung Niederaschau.

Die Reste der 2. Gebirgsdivision, dabei auch das Gebirgsartillerieregiment 111 sollten – nach dem Operationsplan der militärischen Führung – die Enge zwischen dem Simssee und dem Chiemsee gegen die nachstoßenden Amerikaner halten und sich dann auf die Berge zurückziehen. Was Oberleutnant Kassner nicht wissen konnte, die Lage hatte sich in den letzten Stunden entscheidend geändert: Die in Frasdorf einquartierten deutschen Truppen hatten den Ort um Mitternacht (von Mittwoch, 2. Mai, auf Donnerstag, 3. Mai) verlassen. Damit war für die Amerikaner der weitere Vorstoß entlang der Autobahn möglich, die verbliebenen deutschen Verbände nördlich der Autobahn gerieten in die Gefahr eingekesselt zu werden.

Am Morgen des 3. Mai trat Oberleutnant Kassner befehlsgemäß mit seinen Fahrzeugen den Weg nach Süden an. Mit hoher Fahrt versuchte der Munitions-Lkw, die gefährliche Stelle an der Autobahn zu überwinden und den Schutz des Prientales zu gewinnen, vergeblich. Es schneite etwas, außerdem war die Witterung sehr trübe, fast neblig. Der Fahrer bemerkte daher bei der Fahrt über den Lochner Berg herunter die feindlichen Panzer auf der Autobahn nicht. Das Auto kam noch durch die Unterführung. Amerikanische Panzer auf der Autobahn bemerkten den Wagen und eröffneten das Feuer.

Der heute 86 Jahre alte Josef Stoib aus Lochen oberhalb der Autobahn erinnert sich noch gut an diesen 3. Mai 1945: „Die ganze Nacht war es unruhig, dauernd waren Motorenlärm und Schießereien zu hören. In der Frühe so gegen halb sechs Uhr hat es einen Riesenschlag unten an der Autobahn getan, dann hörten wir ein Schreien und Jammern aus der Richtung Autobahnunterführung.“ Dann explodierte die restliche Munition auf dem Wagen und das Schreien hörte auf. Was dann weiter passierte, weiß ich nicht mehr, ich musste wieder heimlaufen“. Auch Pfarrer Stephan Gmeiner – gebürtig aus dem Freund-Anwesen in Hendenham („beim Froid z’Hendenham“) – der den Krieg als Wehrmachtsdekan an allen Fronten mitgemacht hatte und bei Kriegsende in Hendenham wohnte, bekam den Abschuss des Lastwagens mit. Er soll die nachfolgenden Fahrzeuge der Kolonne vor der drohenden Gefahr an der Unterführung gewarnt haben. Diese suchten sich dann einen anderen Weg Richtung Aschau.

Zwölf Mann starben
an Ort und Stelle

In Frasdorf begann man mit der Bergung der Toten und Verletzten. Zwölf Mann wurden durch die heftige Explosion der Artilleriemunition und das amerikanische Feuer sofort getötet. Ein Mann soll schwer, vier leicht verwundet worden sein. Sie wurden in das Krankenhaus Niederaschau eingeliefert. Die zwölf Gefallenen wurden am Freitagnachmittag (4. Mai) im Frasdorfer Friedhof kirchlich beerdigt. Ihre Identität war zunächst nicht bekannt.

Am Sonntag, 6. Mai 1945, morgens 2 Uhr wurden zwei in Zivil gekleidete ehemalige deutsche Soldaten erschossen in Ginnerting aufgefunden. Sie wurden ebenfalls in das Kriegergrab gebettet. Die Gemeindeverwaltung setzte nach dem Krieg einen Gedenkstein auf das Grab, der an die Geschehnisse des 3. Mai erinnern sollte. Auf den Tag genau sieben Jahre später, am 3. und 4. Mai 1952 wurde das Grab auf dem Frasdorfer Friedhof wieder geöffnet, die gefallenen Soldaten vom 3. Mai und 6. Mai 1945 wurden auf den neu angelegten Ehrenfriedhof „Hohes Kreuz“ nach Traunstein überführt. Bei der Exhumierung kam es zu einigen Überraschungen: Nach dem Abschuss des Munitionslastwagens bei den Aufräumungsarbeiten wurde in Frasdorf 1945 von zwölf Gefallenen gesprochen. Die Leichen waren teils so verstümmelt, dass die genaue Zahl der Toten nicht mehr festgestellt werden konnte. Die geschulten Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge fanden im Frasdorfer Kameradengrab die Überreste von 17 ehemaligen Angehörigen der deutschen Wehrmacht, 15 vom 3. Mai und zwei vom 6. Mai 1945. Die Ausgrabung wurde mit größter Sorgfalt und Genauigkeit durchgeführt und nun erhielten einige der bisher unbekannten Kriegsopfer auch wieder ihren Namen zurück. Denn bei den Bergungsarbeiten wurden noch sieben Erkennungsmarken, zwei Soldbücher, ein Kalender, ein Trauring, eine Taschenuhr und eine Armbanduhr vorgefunden. In Zusammenarbeit zwischen dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel, dem DRK-Suchdienst in München und der Deutschen Dienststelle in Berlin wurden aus den Funden die Namen der Gefallenen und ihre Herkunft ermittelt, vor allem die sieben Erkennungsmarken gaben Auskunft über ihre ehemaligen Träger: Für die Mehrzahl der Toten stellten die Fachleute der Deutschen Dienststelle in Berlin die achte Batterie des Gebirgsartillerieregiments 111 als letzten Truppenteil fest, die anderen waren in den letzten Kriegswochen aus aufgelösten Truppenteilen zuversetzt worden.

Die beiden Toten, die am 6. Mai bei Ginnerting erschossen und im Kameradengrab beerdigt wurden, waren die beiden SS-Männer Walter Krause aus Lünen und Schmitt, für sie konnte kein Truppenteil ermittelt werden.

Gewissheit über
Herkunft der Toten

Einige der Toten hatten nun ihren Namen wieder, ihre Angehörigen in Deutschland und Österreich erhielten sieben Jahre nach dem Krieg die Gewissheit, dass sie fünf Tage vor dem Ende des Krieges in Deutschland gefallen waren. Damit endete für sie die lange Ungewissheit über den Verbleib der Vermissten, zugleich erlosch auch die Hoffnung, die so lange Verschollenen könnten noch aus der Kriegsgefangenschaft aus den Lagern in der Sowjetunion zurückkehren. Die Gefallenen ruhen heute nebeneinander im Block zehn auf der Kriegsgräberstätte „Hohes Kreuz“ in Traunstein.

Der Gedenkstein für die Gefallenen, der von der Pfarrei Frasdorf erstmals im Friedhof gesetzt wurde, wurde nach der Umbettung an die Unglücksstelle in Nähe des Anderl-Feldkreuzes gebracht. Hier erinnert der Stein noch heute an den Donnerstag, 3. Mai, des Jahres 1945.

Im Ehering stand der Vorname Hermann

Am 3. Mai 1945 starben an der Unterführung bei Frasdorf Obergefreiter Erich Bader aus St. Urban in Kärnten, Johann Faistmantl aus Innsbruck, Kanonier Max Freyer aus Schönfeld, Kreis Demmin, Pommern, Obergefreiter Robert Wilhelm Hannutsch, aus Aweyden, Kreis Sensburg in Ostpreußen, Alfred Horn aus Dortmund, Obergefreiter Valentin Kaefel aus Wolfsberg in Kärnten, Gefreiter Karsten Hermann aus Mönchbusch in Mecklenburg, Oberleutnant Johannes Kassner aus Zielenzig, Unteroffizier Stanislaus Strobl aus Fünfing, Kreis St. Ruprecht an der Raab in der Steiermark, und Gefreiter Joachim Walk aus Beeskow in der Mark. Zu diesen Identifizierten kommen noch zwei Soldaten hinzu, von denen man zumindest einen Teil des Namens weiß: In einem Taschenkalender stand der Name Kasden, auf einem Ehering war der Vorname Hermann eingeprägt. Drei weitere Soldaten konnten nicht mehr identifiziert werden.

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