Ein Dorf begräbt seine Nachbarn selber

von Redaktion

Vor 200 Jahren kämpften die Straßkirchener um den Bestand ihrer Kirche. Die sollte als Baumaterial für die Saline Rosenheim dienen. Beerdigungen waren damals untersagt. Die Straßkirchener begruben deshalb ihre Nachbarn selber – und tun das bis heute.

Vogtareuth – Dass die Straßkirchener in Sachen Glauben einen eigenen Kopf haben und ihn wie auch das damit verbundene Brauchtum zu verteidigen wissen, ahnt man schon beim ersten Blick auf die Kirche: Ihr Turm ist kein filigraner Aufsatz, sondern groß und wuchtig. Fast sieht es aus, als wäre der Turm nicht an die Kirche, sondern die Kirche an einen massiven Wehrturm angebaut worden. In dem Vogtareuther Ortsteil hielt sich deshalb lange die Vorstellung, das sei in der Tat so gewesen, der Turm vielleicht auf den Fundamenten eines römischen Wachturms gegründet, doch ist das unsicher.

Sicher aber ist, dass sich die Straßkirchener um das Jahr 1806 zäh und hartnäckig gegen den Abriss ihrer Kirche zu Wehr setzten. Sie sollte nämlich als Materiallieferant für den Aufbau der Rosenheimer Saline dienen. Über zwei Jahre hinweg machten sich die Bauern aus Straßkirchen und Tödtenberg deshalb immer wieder auf den Weg nach München, um dort bei Regierung und Kirchenverwaltung persönlich Protest einzulegen.

Bestattungsverbot
wurde umgangen

Gegen einmal gefasste Entschlüsse der Obrigkeit vorzugehen ist noch heute kein leichtes Unterfangen, für einfache Bauern von damals aber muss sehr viel Mut und Einsatzwillen dazu gehört haben, der sich vermutlich aus inbrünstig empfundener Entrüstung speiste. Denn allein der Weg nach München bedeutete einen mindestens zwölfstündigen Fußmarsch. Von der Beklemmung, die das Vorsprechen bei den gelehrten Herren hervorgerufen haben musste, ganz zu schweigen. Die Not war aber groß, denn die Kirche blieb in den zwei Jahren, in denen das Verfahren schwebte, zugesperrt und auch Bestattungen waren auf dem Straßkirchener Friedhof nicht mehr möglich.

Eine Vorschrift, die hie und da umgangen wurde, wie aus einer privaten Chronik zu entnehmen ist, in der es von einer Bäuerin im Dezember 1806 heißt: „Sie hat den Herrn Hochwürden beim Versehen gebeten, er wolle sie unbedingt nach Straßkirchen graben lassen“. Ein Begräbnis, das damals von den Nachbarn übernommen wurde, die nicht nur das Grab aushoben, sondern den Verstorbenen dann auf seinem letzten Weg auch trugen. Ein Brauch, der sich in Strasskirchen bis heute erhalten hat. Noch heute werden dort Verstorbene meist von ihren Nachbarn zu Grabe getragen.

Immer fünf Höfe
waren eingeteilt

Ursprünglich war, wie Kirchenpfleger Sepp Liegl erzählt, diese Nachbarschaft sogar fest definiert: Immer fünf Höfe schlossen sich zu einer Nachbarschaft zusammen, sodass, wenn einer von den fünf Bauern starb, vier andere da waren, um das Grab ausheben und den Sarg tragen zu können. Dieser Zusammenschluss war wichtig, weil einst die Einwohnerschaft nur aus Bauern bestand, die Höfe aber nicht immer in nachbarschaftlicher Nähe standen.

Diese Nachbarschaften waren dann aber auch eine Quelle der Gemeinschaft bei freudigeren Anlässen. Denn diese Nachbarn waren es, die immer dann, wenn in einen Hof eingeheiratet wurde, dort einen Baum aufstellten, mit Kränzen geschmückt und oft mit einer Wiege versehen. Ein Brauch, der sich in Straßkirchen nicht nur bis heute erhalten hat, sondern unter den rund 100 Einwohnern laut Liegl in letzter Zeit wieder verstärkt aufzuleben scheint. Weil für die Straßkirchener aber eben nicht nur Freude etwas ist, das man teilen kann, sondern auch Leid etwas, das man teilen muss, ist auch der Brauch des eigenhändigen Grabaushebens noch lebendig.

In der jüngsten Friedhofssatzung der Gemeinde Vogtareuth, die dieses Jahr erlassen wurde, ist ausdrücklich festgehalten, dass jeder Straßkirchener frei entscheiden kann, ob er von seinen Nachbarn zu Grabe getragen werden möchte, oder ob diese Aufgabe von einem Beerdigungsinstitut übernommen werden soll. Bestattungsinstitute haben in Straßkirchen wenig Kundschaft. Für Kirchenpfleger Sepp Liegl ist durch dieses Brauchtum mit Hochzeitsbaum und zu Grabe tragen ein Lebenskreis geschlossen, aus dem dörfliche Verbundenheit erwächst. Diese bewahren zu können ist gerade in modernen Zeiten durchaus ein großes Gut.

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